Die Universität Greifswald in der NS-Zeit
Das Rektorat der Universität Greifswald hat Anfang 2011 beschlossen, die Geschichte der Universität während der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Dazu wird ein Forschungsprojekt eingerichtet. Es wird durch eine Kommission von Fachwissenschaftlern der Universität betreut. Ziel ist eine zusammenfassende Darstellung der Universitätsgeschichte in der NS-Zeit.
Die akademischen Eliten an deutschen Hochschulen standen dem Nationalsozialismus bei Weitem nicht so ablehnend gegenüber, wie nach Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft lange Zeit angenommen wurde. Teilweise kam man den Wünschen der Machthaber bereitwillig nach. Vor allem ab 1939 kooperierten Wissenschaftler mit dem NS-System und verstrickten sich in Verbrechen. Diese Schlussfolgerungen müssen Forscher immer wieder ziehen, wenn sie sich systematisch mit der Geschichte einzelner Hochschulen während der NS-Zeit befassen.
In den vergangenen Jahrzehnten entstanden auch in Greifswald etliche Arbeiten, die sich mit verschiedenen Aspekten des Nationalsozialismus im Zusammenhang mit der Universität Greifswald, mit Einzelpersonen oder Institutionen befassten. Eine systematische Aufarbeitung der Hochschul- und Wissenschaftsgeschichte der Universität Greifswald in dieser Zeit steht aber noch aus.
Im Jahr 2000 hatte der Akademische Senat der Universität Greifswald bereits eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die die Auswirkungen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums von 1933 und die Aberkennung der akademischen Grade untersuchte. Als Konsequenz aus der Arbeit dieser Kommission wurden über achtzig Personen posthum die ihnen während des Dritten Reichs entzogenen akademischen und Ehrengrade zurückgegeben. Die Aberkennung akademischer Grade gehörte zu den zahlreichen Unrechtsakten des nationalsozialistischen Regimes.
Die Arbeitsgruppe stellte damals fest, dass die Gremien der Universität in einzelnen Fällen die Aberkennung der Doktorgrade verweigert, in anderen Fällen aber auch Übereifer an den Tag gelegt haben. In der Regel kamen sie den Wünschen der nationalsozialistischen Machthaber aber sehr entgegen.
Allerdings konnte bislang nur zum Teil aufgezeigt werden, wie sich durch Gleichschaltung, politische Repression, die Durchsetzung des „Führerprinzips“ in der Hochschulverwaltung, Berufungspolitik und die Öffnung des Lehrprogrammes gegenüber der NS-Ideologie die politische Ausrichtung des Lehrkörpers bis 1936 verändert.
In den Folgejahren wirkten sich diese Veränderungen auch auf das Lehr- und Wissenschaftsprofil der Universität aus. Es gibt Belege dafür, dass sich Greifswalder Forscher in den Dienst der Ziele des NS-Staates stellten. Stichpunkte in diesem Zusammenhang sind Politische Raumordnung – Ostforschung, Eugenischer Rassismus, Medizin und Rassenhygiene.
Mit Kriegsbeginn im Jahr 1939 arbeitete die Universität unter der deutschen Kriegswirtschaftsordnung, was mit spürbaren Haushaltskürzungen einherging. Die Lehre wurde stark eingeschränkt, die Studierendenzahlen gingen stark zurück und unter dem Etikett „kriegswichtige Forschung“ wurde um Forschungsmittel gerungen. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass mit „kriegswichtiger Forschung“ tatsächlich auch militärisch ausgerichtete Forschung gemeint war. So wurden unter anderm wirtschaftswissenschaftliche Studien und Analysen für Dienststellen des NS-Regimes erarbeitet. Zahlreiche Aufträge kamen von der Wehrmacht. Trotzdem ist dazu bis heute kaum Konkretes bekannt.
Wenig bekannt ist bisher auch über den Einsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern an der Universität. Aktiver Widerstand wie beispielsweise durch den Studentenseelsorger Alfons Maria Wachsmann war eher selten. Trotzdem setzte nach den ersten Kriegsjahren innerhalb der Universität eine Ernüchterung ein und führte zu einer zunehmenden Distanz zum Regime. Auch diese Vorgänge harren einer genaueren Untersuchung.
Die Forschungsstelle zur Geschichte der Universität in der NS-Zeit soll am Archiv der Universität Greifswald angesiedelt werden. Die Mitarbeiter der Forschungsstelle sollen in einem ersten Schritt umfangreiche Recherchen in den einschlägigen Archiven durchführen, deren Ergebnisse regelmäßig auf einer Website veröffentlicht werden. Im nächsten Schritt soll eine umfassende und systematische Darstellung der Geschichte der Universität in der Zeit des Nationalsozialismus erstellt werden.
Koordinator des Projektes
Dr. Dirk Alvermann
Tel.: +49 (0)3834 86-1155
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Wissenschaftlicher Beirat
- Prorektor Prof. Frieder Dünkel (Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät)
- Prof. Thomas Konrad Kuhn (Theologische Fakultät)
- Prof. Harald J. Freyberger (Universitätsmedizin)
- Prof. Thomas Stamm-Kuhlmann (Philosophische Fakultät)
- Prof. Klaus Fesser (Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät)
Presse- und Informationsstelle
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