Erik Satie.
Sich in die Vergangenheit zurückziehend oder in die Zukunft
flüchtend - ein Einzelgänger in Musik und Leben - wäre die
französische Musik des 20. Jahrhunderts jedoch unvollständig
ohne die Nennung seines Namens.
Am 17. Mai 1866 als Sohn eines französischen Musikverlegers
und einer Schottin in Honfleur ( Normandie ) geboren, ist er nur vier Jahre
jünger als Debussy und neun Jahre älter als Ravel, aus deren
Schatten er sich nie befreien wird.
Nach Klavierstunden bei einem örtlichen Organisten besteht
er 1879 die Aufnahmeprüfung am Pariser Conservatoire und zieht zu
seinem Vater, der sich zu dieser Zeit bereits von seiner Mutter getrennt
hat. Satie erfährt auch im Elternhaus ein Übermaß an musikalischem
Geschehen, da sich sowohl sein Vater, als auch dessen zweite Frau im Komponieren
versuchen. Die gewollte Beeinflussung Saties mißlingt allerdings,
er wird stattdessen exzentrisch und introvertiert, abgestoßen von
der gängigen Behandlung von Musik. Und so verläßt er auch
schon drei Jahre später das Coservatoire. Die offizielle Begründung:
Zu geringe Leistungen.
Mit zwanzig kommt er zur Armee nach Arras, setzt sich willentlich
einer Bronchitis aus und entgeht so dem Militär. Erste Klavierstücke
enstehen.
Satie dazu: „ Nach einer ziemlich kurzen Jugend wurde ich ein ganz
passabler junger Mann, nicht mehr. Es ist zu diesem Zeitpunkt meines Lebens,
daß ich anfing , musikalisch zu denken und zu schreiben. Ja. Fatale
Idee!...Sehr fatale Idee!...In der Tat, denn es blieb nicht lange aus,
daß ich anfing, eine Originalität zu entwickeln, die mißfiel(...).
Dadurch wurde mein Leben derart unerträglich, daß ich beschloß,
(...) meine Tage in einem Elfenbeinturm (...) zu verbringen.“
Und so folgt auf der Suche nach einem Zufluchtsort eine Phase des
religiösen Mystizismus. Zeugnis davon sind die vier „Ogives“ ( gotische
Spitzbögen ), ein Ergebnis der Beschäftigung mit gotischer Kunst
und Meditationen in Notre-Dame.
1887 läßt sich Satie in der Künstlerkolonie Montmartre
nieder. Er findet seine Heimat in den verrauchten Cafés und Kneipen
der Bohème, in denen er als Pianist agiert. Der vielseitige Einzelgänger,
schon bald mit dem Beinamen „Monsieur le Pauvre“ (Herr Habenichts) versehen,
ist einer der Ersten, die populäre Musik nicht als unseriös abtun.
Er sieht Alltäglichkeit als eine neue Existenzweise der Musik. Für
das Kabarett, für Chansonniers schreibend, nimmt er alles auf, was
seine Zeit bewegt: Schlager, Wiener Walzer, Musette, den Klang von Variete,
Music Hall und Zirkus. Seine Begeisterung allerdings gehört dem als
Jazz mißverstandenen Ragtime.
Unter den Einfluß des wiederbelebten esoterischen Rosenkreuzer
- Ordens geratend, dessen Hauskomponist er wird, wendet sich Satie jedoch
von der ihm bekannten Welt ab, produziert Ritualstücke ohne Taktstriche
und Notenschlüssel sowie eine zweite Klaviersammlung, die „Trois Sarabandes“.
Der Reiz dieser Komposition liegt in ihrem Versuch, in einer Zeit musikalischer
Gewitztheit und ausgeklügelter Perfektion, die Musik von eben jener
Verschnörkelung, Verspieltheit zu befreien.
Fehlend dadurch jegliche Virtousität: alles, womit ein Pianist
glänzen könnte. Es hat die Form betreffend jedoch durchaus einige
Schwierigkeiten zu bieten: Ketten unaufgelöster Septimen, eine Überfülle
an Vorzeichen...
Die Abgrenzung Saties vom Musikgeschmack seiner Zeit, sowohl der
konventionellen Ernsthaftigkeit als auch der weitaus liberaleren Vorstellung
des Montmartre, wird hierin schon sehr deutlich.
Die „Trois Gymnopédies“, nur ein Jahr später entstanden,
bilden den Höhepunkt der angestrebten Entwicklung. Es sind „Kahlschlag“
- Stücke, jegliches verzierendes Element eliminiert und damit die
absolute Negation des gängigen Vortragsstils erreicht.
1891 trifft er Debussy in einem Kaffeehaus und schafft damit die
Basis für eine jahrelange, wenn auch nicht ungetrübte Freundschaft.
Bald darauf überwirft er sich mit den Rosenkreuzern und gründet
einen eigenen Orden, in dem er Vorstand und einziges Mitglied ist. Jedoch
enttäuscht von Gott, wird er einige Jahre später eines der ersten
Mitglieder der Kommunistischen Partei. Doch auch dort ist er unerwünscht,
seine Ansichten anstößig: „Meine lieben kommunistischen Freunde
sind in der Kunst beunruhigend bürgerlich“, äußert er sich
dazu. Ein Zeitgenosse bringt es auf den Punkt, indem er sagt: Satie ist
„ein Quasi - Anarchist, sehr gutherzig, sehr liberal. Wie jeder Mensch
aus gutem Holz haßt er Konformismus, Militarismus, Hurra- Patriotismus,
Schieber und Ehrgeizlinge.“
Sich dreimal vergeblich um einen Sitz in der Academie des Beaux
- Arts bewerbend, schlägt er sich mit dem Gehalt eines Kaffeehauspianisten
und Klavierbegleiters für Chansons durchs Leben. Während dieser
Phase entsteht eine Vielzahl von sehr kurzen Klavierstücken, die teilweise
recht ausgefallene Titel tragen.
Arcueil, ein Arbeitervorort von Paris, wird 1898 sein Wohnsitz.
Täglich läuft Satie nun zu Fuß nach Paris und zurück,
um zu arbeiten. Einmal in der Woche besucht er Debussy, um sein Klavier
zu benutzen.
1905 vollendet er die „Trois morceaux en forme de poire“ ( drei
Stücke in Birnenform, - obwohl es eigentlich sieben (!) für Klavier
zu vier Händen sind ). Er nennt sie so, nachdem ihm Debussy, dem Satie
des Werk zeigt, einen Mangel an Form vorgeworfen hat.
Doch seine Grenzen sind dem Außenseiter bekannt. Und so besucht
er, fast vierzigjährig, die „Schola Cantorum“ zur musikalischen Weiterbildung.
Das Diplom im Kontrapunkt mit „sehr gut“ beeinflußt allerdings kaum
seinen weiteren Kompositionsstil.
Von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet bzw. wissentlich
mißachtet für seine schwierige, in keine Richtung einengbare
Musik, ist der erfahrene Künstler jedoch auch schon vor dem Krieg
ein Anlaufpunkt für viele jüngere Musiker, da er sich gegen den
Machtanspruch einflußreicher Bewegungen wie den Wagnerianismus, Symbolismus
und Impressionismus wendet.
1914 dann ensteht „Sports et Divertissements“ (Sportarten und Vergnügungen),
eine Sammlung von zwanzig Gedichten und ebenso vielen kurzen Klavierstücken
zu kolorierten Zeichnungen Charles Martins, einem der letzten bekannten
französischen Dadaisten. Es ist ein multimediales Werk: Im Notentext
werden Szenenfolgen suggeriert, zu denen sich die Musik wie eine Stummfilmbegleitung
verhält. Als besonders kann die handschriftliche Partitur Saties angesehen
werden, die wie die Musik selber versucht, den Inhalt des Werkes wiederzuspiegeln.
Statt der herkömmlichen Spielanweisungen sind einzelne Wörter
und Sätze in den Text geschrieben, lustig bis befremdlich, die Satie
jedoch jedem Pianisten verbot, laut zu verlesen.
Damit geht er einen Schritt weiter: Vom künstlerischen Abstinenzler,
der musikalisch der Selbstsucht, Eitelkeit und dem Ausdruck entsagt, zum
Musikliteraten. Einfallsreichtum und liebenswerte Ironie läßt
sich schon an Titeln wie „Drei schlaffe Präludien für einen Hund“
oder „Drei ausgezeichnete Walzer von köstlicher Geschmacklosigkeit“
ablesen. Hierdurch ist auch ein wichtiger Charakterzug Saties freigelegt:
Die Fähigkeit, trotz der Ignoranz, Intoleranz und Kälte sowie
des Unverständnisses, die ihm sowohl menschlich, als auch musikalisch
entgegenschlagen, nicht zu verhärten, sich seine humane Wärme
zu bewahren. Kleine Gedichte, Theaterszenen und fiktive Inserate folgen.
Doch auch vom sozialen Blickwinkel aus ist es ein wichtiges Jahr
für den einsamen Komponisten. Ein Treffen mit Jean Cocteau führt
zu einer vorübergehenden Befreiung aus der künstlerischen Isolation.
Der Grundstein für eine Zusammenarbeit an der „Parade“, einem „realistischen
Ballett“ , wird gelegt. Das Gespann der vier unorthodoxen, wenn auch namhaften
Künstler Cocteau, Picasso, Satie und Massine, die für dieses
Projekt verantwortlich zeichnen, weisen förmlich auf einen Skandal
hin. Und so wirkt sich schließlich die Uraufführung 1917 aus,
ebenso wird im Zusammenhang mit dieser erstmals der Begriff „sur - réalisme“
durch Apollinaire gebraucht, der einer ganzen Kunstströmung ihren
Namen gibt.
Noch im gleichen Jahr erscheint ein weiteres Werk Saties: Das symphonische
Drama“Socrate“, in dem Platons Dialoge mit Musik umgesetzt werden. Jedoch
läßt Saties schöpferisches Ausprobieren nicht nach, denn
nur drei Jahre später schafft er eine weitere Novität: die „Musique
d´ameublement“, eine Einrichtungsmusik, die Hintergrund zwischen
den Akten eines Stücks von Max Jacob bilden soll. Mit dieser Art von
Komposition, bei der kein bewußtes Zuhören vonnöten sein
soll ( was Satie freilich gründlich mißlingt ), schafft er den
Vorläufer der, von der heutigen Konsumindustrie genutzten, Dauerberieselungsmusik.
Das Ziel soll sein, eine Musik zu kreien, „ die Teil der Geräusche
der Umgebung ist, die sie einkalkuliert. Ich stelle sie mir melodiös
vor, sie soll den Lärm der Messer und Gabeln mildern, ohne sich aufzudrängen“
(Satie). Eine deutliche Entwicklung zu seinem nächsten Werk hin, dem
„Relâche“ - was soviel wie „keine Vorstellung“ bedeutet - ist aufzuzeigen.
In gemeinsamer Arbeit mit Francis Picabia und René Clair entsteht
ein „Augenblicksballett“, das unter anderem eine Filmsequenz einschließt.
Die Premiere im November 1924 gerät zu einem Tumult, Satie erscheint
zum letzten Mal vor einem entrüsteten Publikum auf der Bühne,
ironisch seinen Filzhut schwenkend. Ein halbes Jahr später ist er
tot.
Die jahrelangen Versuche, seine Enttäuschungen zu ertränken,
rafften seinen Körper gegen die Widerstandsfähigkeit des Geistes
dahin.
Erik Satie, ein Pionier von beziehungslosen Harmonien ( wie in den „Sarabanden“ ) über surrealistische Musikexperimente bis zur Hintergrundmusik, hinterläßt ein erstaunlich kleines Gesamtwerk. Jedoch schuf er vor allem mit seiner „Musique Pure“ einen wichtigen Eckstein innerhalb der musikgeschichtlichen Entwicklung. Die Einfachheit, Abkehr von Dramatik, stehende Klangbänder - der Zustand seiner Klavierstücke, anders betrachtet also auch die Starrheit und Monotonie seines Werkes, brachten eine neue Nuance in das Gepräge. Durch das Weglassen des Unwesentlichen, der Rückbesinnung auf das Mittelalter und die Aufgabe von Funktionsharmonik gelingt ihm reine, unverfälschte Musik. In den „Trois Gymnopédies“, drei langsamen Walzern ähnelnden Klavierstücken z.B., äußert sich diese „Rückkehr zum Schlichten“ in einem antivirtuosen Satz, einem simplen, zwischen zwei Akkorden pendelndem Begleitmodell und modalen Zügen in Melodik und Harmonik. Er verzichtet auf Leittonspannungen und schafft somit Vorraussetzungen für den „reinen Ton“ - die sich selbst gestellte große Herausforderung seines Lebens.
Quellen: Konzertbuch Klaviermusik A - Z, Herausgeber Christof Rüger
Musikgeschichte in Daten,
Autor: Gerhard Dietel
Satie - Trois Gymnopédies,
CD - Cover Text von Bert Noglik
spitzen
musik just try it!
essay
von stephen whittington besonders spannend im hinblick auf aufführungsproblematik
saties
beste
info - seite auch diskussion und alles satie herzen begehrendes aber nur
englischkennerInnen