Kein Stillstand

Wie jedes Semester konnten auch im Wintersemester 2008/09 Studenten des CDFI die Erfahrung machen, was es heißt ein Kunstprojekt für Schüler zu konzipieren, organisieren und mit ihnen gemeinsam zu verwirklichen. Einige Studentinnen führten die Tradition fort und arbeiteten erfolgreich mit Schülerinnen und Schülern des Ludwig-Jahn-Gymnasiums zusammen. Auch wenn es heißt, in der Ruhe liegt die Kraft, ging es doch in diesem Projekt sehr dynamisch zu. Dies ist nicht etwa eine euphemistische Umschreibung für heilloses Durcheinander, sondern die Bedingung für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema der Bewegung in der bildenden Kunst.

Bewegung ist so alltäglich, dass sie als Kunstthema fast profan erscheint. Dabei ist die Bewegung ein ganz elementarer und irgendwie mystischer Bestandteil unseres Lebens. Paul Klee erkannte in ihr sogar „die Seele aller Dinge“. Besonders für die Photographie und Malerei erweist sie sich zudem als eine Herausforderung. Diese Medien können Bewegung nicht unmittelbar transportieren. Bewegung wird aufgehoben, sowie man versucht sie festzuhalten. Wie kann sie trotzdem sichtbar gemacht werden? Eine spannende künstlerische Fragestellung, der sich die Studentinnen und Schüler stellten. Realisiert und pädagogisch begleitet wurde das Experiment mit Kunst, Zeit und Raum am 6./7. März 2009 in den Räumen des CDFI.

Die Faszination und Ausdruckskraft, die von der Bewegung in der Photographie und Malerei ausgehen kann, spiegelte sich auch in den künstlerischen Resultaten wider. Diese konnten dann alle Interessierten am 9. März in der Medienwerkstatt bei musikalischer Begleitung genießen und auf sich wirken lassen. Und wer weiß, vielleicht gab es sogar Augenblicke, die mancher der Anwesenden als bewegend empfand.

  • Plakat zu ICHbewegt

In den Startlöchern

Außer der Zielstellung ein kunstpädagogisches Projekt zu verwirklichen, fehlte es zu Beginn des Semesters wirklich an allem. Viele W-Fragen mussten geklärt werden. Wer arbeitet mit wem zusammen? Welches Thema soll das Projekt haben und wo wird es stattfinden? Wie wird es finanziert und was motiviert die Schüler daran teilzunehmen? Soviel sei gesagt, alle organisatorischen Herausforderungen wurden gelöst und sogar Sponsoren konnten gewonnen werden. (Praktiker unterstütze uns mit einer Sachspende, Foto Peters gewährte Rabatt und die Galerie Schwarz spendete einen Geldbetrag)

Ist die Gruppe erst mal gefunden, steht noch vor allen organisatorischen Dingen die Idee. Sie wird zum Ausgangspunkt für das Projekt und ihr ordnen sich alle weiteren Aufgaben unter. Unsere Gruppe, die aus sechs Studentinnen bestand, konnte sich relativ schnell auf ein gemeinsames Thema einigen. Gleich beim ersten Treffen fokussierte sich das Interesse auf den paradoxen Augenblick der Bewegung in der Photographie. Die Überlegung, wo die Bewegung in der Kunst sonst noch eine Rolle spielt, führte uns zum Actionpainting und Trisha Brown. Auch der Name unseres Projektes „ICHbewegt“ war schnell gefunden. Die tatsächliche Vielschichtigkeit des Themas in der bildenden Kunst wurde uns erst richtig durch die nun möglich gewordene theoretische und praktische Auseinandersetzung bewusst.

Getreu dem Prinzip des Kunstprojektes wurden nun zwei offene Werkstätten organisiert. Eine setzte sich mit der Bewegung im Bereich der Malerei und die andere im Bereich der Photographie auseinander. Je nach Interessenlage entschieden sich die Studentinnen für eine von ihnen und waren ab nun für die Organisation und Betreuung dieser Werkstatt verantwortlich.

... und Action!

Der Name des Kunstprojektes „ICHbewegt“ verweist auf die Bedeutungsdimensionen der Bewegung in der Kunst.
Ich bin bewegt, werde bewegt und bewege, wenn der künstlerische Prozess gelingt, andere.
Die Ganzheitlichkeit des Menschen wird im Wesen der Bewegung offenbar. Seit Descartes bestimmt die Annahme der Dualität von Körper und Seele das abendländische Denken. Bewegung wird dementsprechend in zweifacher Hinsicht gedeutet. Die Emotion als innere Bewegung wird dem Bereich der menschlichen Seele zugeordnet, getrennt von der Geste, die zum Körper gehört.

Doch gerade moderne Künstler haben diese Trennung bewusst oder intuitiv hinterfragt und machen sie in ihren Werken transparent. Sowohl im abstrakten Expressionismus als auch in den Kreidezeichnungen von Trisha Brown verschmelzen künstlerischer Ausdruck und Dynamik zu einem energetischen Ganzen. Trisha Browns Übersetzung der tänzerischen Geste in die Zeichnung wäre ohne die von der Musik ausgelöste Emotion undenkbar.

 "Ich versetze mich in die Zeichnung wie in eine Improvisation beim Tanz, ich übertrage das Tanzen auf das Zeichnen."
Auch bei allen Stilrichtungen des abstrakten Expressionismus ist der Prozess der dynamischen Hervorbringung Ausdruck von Spontaneität und Emotion. Jackson Pollock, der bekannteste Vertreter des Actionpaintings, unterstreicht durch seine eigens entwickelte Dripping-Technik die Expressivität der Geste. Aus der Bewegung heraus wird die Farbe auf den Malgrund geschüttet, getropft und gegossen. Emotion und Geste werden so unmittelbar in Strukturen, Rhythmen und Muster übersetzt. Jackson Pollock wendet sich damit gegen die Rationalität und Perfektion in der Kunst und nicht zuletzt auch gegen die widersprüchliche Trennung von Körper und Seele, was sich besonders durch die Kontraste in seinen Bildern ausdrückt.

Wer sich in dieser Form auf die Bewegung in der Malerei einlassen will, braucht Wachheit gegenüber seinen Empfindungen und Vertrauen in die eigene Intuition. Musik, die bei Trisha Brown zum Ausgang des künstlerischen Prozesses wird, kann das Einlassen auf diesen Selbstwahrnehmungsprozess unterstützen. Beim Actionpainting wird zwar nicht völlig auf kompositorische Mittel verzichtet, aber sie treten in den Hintergrund und die Intensität der Werke entsteht aus der unmittelbaren Geste. Sie macht die innere Bewegung sichtbar und übersetzt das Wahrgenommene in eine Form. Jackson Pollock und Trisha Brown dienten in dieser Werkstatt der Inspiration. Ziel war nicht das Kopieren der Stile, sondern das Einlassen auf den Wahrnehmungsprozess, um so zu individuellen Ausdrucksformen der Bewegung in der Malerei zu finden. Wahrnehmungen sind sehr subjektiv und die Fähigkeiten des Einlassens ebenso individuell. Die Studentinnen ermutigten die Schülerinnen und Schüler ihren Intuitionen zu vertrauen, Musik in ihren Prozess einfließen zu lassen und mit verschiedenen Materialien zu experimentieren, um so die Dimensionen der Bewegung in der Malerei sichtbar zu machen.

Moment mal! Bitte recht ... schnell!

In der Photographie steht alle Bewegung augenblicklich still. Dieses Paradox hat schon immer eine große Anziehungskraft auf Künstler ausgeübt. Auch wir konnten uns der Faszination der Bewegung in der Photographie nicht entziehen und wollten uns gemeinsam mit den Schülern dieser technischen und künstlerischen Herausforderung stellen.
Technisch lässt sich die Bewegung entweder durch lange Belichtungszeiten oder mittels serieller Aufnahmen in das photographierte Bild transportieren. Viele Aufnahmen in kürzester Zeit zerlegen (dekonstruieren) den Bewegungsablauf in einzelne Sequenzen.

Gemeinsam mit den Schülern fanden wir u.a. durch das Experimentieren mit Tüchern heraus, dass die Serienphotographie besonders geeignet ist, um das Rhythmische der Bewegungsabläufe hervorzuheben und spannungsvoll in Szene zu setzen.

Die Idee Serienbilder für das Erfassen von zeitlichen Abläufen einzusetzen, findet sich auch bei dem Künstlerehepaar Anna und Bernhard Blume. Dabei beschränken sie sich nicht auf formale und technische Kriterien, sondern es tritt ein gesellschaftskritisches Moment hinzu. Auf ironische Weise nimmt das Paar in inszenierten Serienbildern u.a. das kleinbürgerliche Milieu ins photographische Visier.

Durch lange Blendenöffnung hingegen wird nicht nur ein Moment, sondern ein ganzer Zeitraum erfasst und die Bewegung in eine malerische Spur übersetzt. Um auch wirklich malerische Spuren und nicht einen langweiligen Farbbrei zu erhalten, ist es wichtig, sich auf wenige klare Farben zu beschränken. Dann können mit Tüchern und der richtigen photographischen Technik wahre Gemälde kreiert werden.

Dass die Bewegung ein Bindeglied zwischen Malerei und Photographie ist, zeigt sich besonders deutlich in der Luminografie. Bei dieser kreativen Technik wird mithilfe einer beweglichen Lichtquelle in einem abgedunkelten Raum in die Luft „gemalt“. Nur die Kamera kann die flüchtige Bewegung des Lichts als Bild sichtbar machen und konservieren. Die Luminogramme, wie die künstlerischen Produkte genannt werden, leben von diesem Phänomen und dem starken Kontrast der verschiedenen Lichtquellen vor schwarzem Hintergrund. Schon Picasso experimentierte mit seinem Freund und Photographen Jean Tinguely in den 50er Jahren mit dieser Art von kreativem Ausdruck. Auch die Schüler haben sich unter der studentischen Anleitung auf dieses Spiel mit Licht, Zeit und Kamera eingelassen. Entstanden sind abstrakte Lichtkompositionen, die durch ihre klare Formensprache und Kontraste überzeugen.

Ganz im Sinne des Titels „ICHbewegt“ wurde in der Photowerkstatt aber nicht nur mit Gegenständen gearbeitet, sondern die SchülerInnen und Studentinnen sind selbst von Mauern gesprungen und haben nahezu akrobatische Verrenkungen für schöne Photos in Kauf genommen. Der Spaß ist dabei natürlich auch nicht zu kurz gekommen.
Durch den bewusst eingesetzten Bruch mit den Sehgewohnheiten geht ein besonderer Reiz von diesen Photos aus.

Auf der Zielgeraden

Nachdem der Sonntag allen zur Erholung diente - so ein kunstpädagogisches Projekt macht viel Spaß, ist aber auch anstrengend - ging es mit neuen Kräften am Montag, dem 9.März 2009 an den Ausstellungsaufbau in der Medienwerkstatt des CDFI. Gefragt waren hierbei neben Gefühl für Raumästhetik und handwerklichem Geschick, auch organisatorisches Talent und etwas Improvisationsvermögen. Gemeinsam haben die SchülerInnen und Studentinnen ein überzeugendes Raumkonzept entwickelt und verwirklicht, ein leckeres Buffet gezaubert und schnell noch einen Geiger organisiert, der für die musikalische Untermalung sorgte. So wurde die Ausstellung letztendlich zu einem gelungenen Gesamtkunstwerk.

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