Europa mit seiner Ausstrahlung
über Amerika, Afrika und Australien hat fremde Völker im Innern und
Äußern lange im Bewußtsein eigener Überlegenheit diskriminiert,
kolonialisiert und, wo es ihm gut schien, rücksichtslos dezimiert.
Es hat sich aber auch zunehmend für sie interessiert. Im 20.
Jahrhundert überkreuzten sich beide Trends, kam es zu bisher
unbekannten Exzessen des Völkermords, aber auch und in deren Folge
zu einer neuen Offenheit für den gleichberechtigten Austausch unter
allen Völkern der Erde. Angesichts der Völkermischungen überall auf
der Welt im Zug der Globalisierung ist die Auseinandersetzung mit
Fremden aus einem Randphänomen nun zur zentralen Aufgabe geworden.
Rechtliche und politische Regelungen werden dabei von ethischen
Überlegungen grundiert und flankiert. Gegenüber Fremden kann eine
Ethik nicht auf ihre eigenen Maßstäbe pochen, weder im Handeln noch
im Denken, sondern muß bereit sein, sie zur Disposition zu stellen;
sie kann sie aber auch nicht aufgeben, wenn sie nicht ihre
Integrationskraft nach innen verlieren will.
Die ersten entschiedenen
Versuche, die europäische Ethik über sich hinaus zu denken, hat
Friedrich Nietzsche gemacht; darin sind ihm vor allem Emmanuel
Levinas und Jacques Derrida und andere sogenannte postmoderne Denker
gefolgt. Die Vorlesung wird ihre Gedanken aufnehmen und sie für die
gegenwärtigen Probleme von Fremdheit und Integration fruchtbar zu
machen und weiterzuverfolgen versuchen. Sie fügt sich damit in das
Lehrprogramm des Graduiertenkollegs »Kontaktzone Mare Balticum:
Fremdheit und Integration im Ostseeraum« ein, das Anfang Juni 2000
seine Arbeit an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
aufgenommen hat, und in die Forschungen zu »Identität und
Integration im Ostseeraum«, die zugleich vom Senat der Universität
zu einem Forschungsschwerpunkt erklärt wurden. Im Ostseeraum läßt
sich gut verfolgen, wie Ethik gegenüber Fremden möglich und
alltäglich gelebt wurde.
24.10.2000:
Ethnische Dimension des Begriffs des Fremden - Fremdheit als Grund
von Ethik überhaupt - Gastlichkeit als Ethos gegenüber Fremden
07.11.2000: Prof. Dr.
Christian Lübke, Universität
Greifswald, Historisches Institut:
»Fremde als Gäste«
14.11.2000:
Ethik gegenüber Fremden in der Antike (Hebräer, Griechen)
21.11.2000:
Prof. Dr. Herfried Münkler,
Humboldt Universität zu Berlin, Fachbereich
Politikwissenschaften: »Fremde in der
modernen Gesellschaft«
28.11.2000:
Paradoxien des Denkens des Fremden - Begriffe zur Entparadoxierung:
Orientierung, Zeichen, Zeit
05.12.2000: Prof. Dr. Bernhard
Waldenfels, Universität Bochum,
Institut für Philosophie: »Fremderfahrung
in phänomenologischer Sicht«
12.12.2000:
Konstitutive Begriffe einer Ethik gegenüber Fremden: Das Denken des
Ethnischen und das Denken des Denkens
19.12.2000: Prof. Dr. Manfred
Bornewasser, Universität Greifswald,
Institut für Psychologie: »Die Gruppe
und die Fremden«
09.01.2001:
Philosophie der Gastlichkeit: Kant und Derrida
16.01.2001: Prof. Dr. Erk
Volkmar Heyen, Universität Greifswald,
Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät:
»Recht gegenüber Fremden«
23.01.2001:
Grenzbegriff einer Ethik gegenüber Fremden: Das Fremde als Parasit
30.01.2001 (16-18 h): Prof.
Dr. Ulrike Jekutsch, Universität
Greifswald, Institut für Slawistik:
»Begegnung mit Fremden in der russischen Kultur«
30.01.2001 (18-20 h): Prof.
Dr. Witold Kosny, Universität Rostock,
Institut für Slawistik: »Marcin
Borzymowskis "Seefahrt von Danzig nach Lübeck" im Jahre 1612: Die
Gastlichkeit von Deutschen und Polen«
06.02.2001:
Entfremdung und Veränderung des Selbst gegenüber Fremden