Pierre Grube

Studium in Greifswald
Lehramt Gymnasium: Russisch und evangelische Religion

Aktivität im Ausland
Hochschulaustausch, Baltische Förderale Immanuel-Kant-Universität Kaliningrad (Russland)

Zeitraum
Januar - Dezember 2020

Wieso ich ins Ausland gegangen bin?
„Zum Ende meines Studiums wurde uns, die Russisch auf Lehramt studieren, gesagt, dass ein Auslandsaufenthalt in Russland doch obligatorisch sei. Da der Bewerbungszeitraum für ein Auslandssemester in Kaliningrad verlängert wurde, bekam ich glücklicherweise noch einen Platz für das Sommersemester 2020. Kaliningrad war Thema meiner Russisch-SPÜ 2018, in der ich über die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland sprach. Die Schülerinnen und Schüler sollten abseits des Lehrwerkes sich mit den einzelnen Städten /Austragungsorten beschäftigen und Plakate gestalten. Bei der Vorbereitung der Materialien fand ich Kaliningrad als Stadt sehr interessant. Nicht nur wegen des Naturspektakels der "Tanzenden Bäume" in der Kurischen Nehrung, sondern auch wegen ihrer deutschen Vergangenheit (Königsberg), die noch sehr geehrt und gelebt wird im heutigen Kaliningrad. Seit 2005 ist der große Philosoph Immanuel Kant wieder Namenspatron der dortigen Universität."


Die Unmöglichkeit der Normalität

Der Platz des Sieges im Winter - Foto: Pierre Grube

Ich sitze in meinem Wohnheim, das Apartment ganz für mich allein, weil aktuell keine anderen ausländischen Studierenden in den Kaliningrader Oblast einreisen können. Es ist der erste September und ich lausche dem bunten Musikprogramm der naheliegenden Schule. Es ist nämlich der erste Tag des neuen Schuljahres und des neuen Wintersemesters.
Ich möchte mit meinen Kommilitoninnen auf eine erfolgreiche Zeit anstoßen, auf den Zweitversuch meines Auslandssemesters. Nur ist das leider nicht möglich. Die meisten von ihnen sind während der Quarantäne im Frühling nach Hause geflogen und hocken dort in den Zoom-Vorlesungen. Doch selbst wenn wir uns im realen Leben wiedersehen könnten, wäre es heute nicht möglich, mit etwas Sekt oder Bier anzustoßen.Es gibt Tage im Kaliningrader Oblast, in denen kein Alkohol verkauft werden darf. Selbst im gewöhnlichen Zeitraum von 11 bis 21 Uhr nicht. Fast immer hat es etwas mit Kindern zu tun. Am ersten Schultag des Jahres, am internationalen Kindertag und dem Tag der Jugend Ende Juni war es den Geschäften untersagt, Alkohol zu verkaufen. Und am 11. September, wer weiß schon warum.
Es ist Herbst. Der unerwartet heiße Sommer endete in starken Regengüssen, typisch für Kaliningrad. Zurück zur Normalität also, jedoch gilt das noch nicht für die Vorlesungen.


Grau in Grau


Mitte Januar fuhr ich mit dem Bus von Berlin aus über Warschau nach Kaliningrad. Siebzehn Stunden hatte ich Zeit, mir mein bevorstehendes Auslandssemester und die Stadt selbst auszumalen. Ich erwartete ein reguläres Semester, eine neue Herausforderung, sich in einer fremden Umgebung und Sprache zurechtzufinden.

Es sollte durch Corona ganz anders verlaufen.
Das Buddy-Programm der BFU Kaliningrad stellte mir Marija zur Seite, die mich vom Bahnhof abholte und zusammen fuhren wir zu meinem Wohnheim. Es fühlte sich gut an, schon von Anfang an nicht allein in dieser unbekannten Umgebung zu sein. Marija sprach zu gut Deutsch, dass ich mir nicht die Mühe machte, mich mit ihr auf Russisch zu unterhalten.
Als einer der russischen Austragungsort der letzten Fußballweltmeisterschaft wandelte und modernisierte sich das Stadtbild Kaliningrads. Im Allgemeinen verschönerten neue Restaurants, Cafés und Promenaden die Stadt. Den Mittelpunkt des Zentrums bildet aber immer noch das leblose Haus der Sowjets. Ein symbolisches Konstrukt vergangener, polarisierender Zeiten, beabsichtigt größer als jedes andere Gebäude um sich herum. Kinder
bauen solche nutzlosen Häuser aus Steckbausteinen. Hier stand früher das Schloss, vor Corona durch Virtual Reality Brillen wenigstens für einen Moment wiederbelebt. Selbst der Gouverneur des Kaliningrader Oblast Anton Alichanov fordert immer lauter den Abriss des Gebäudes, das aufgrund seiner Nutzlosigkeit fasziniert.
Unser Taxi fuhr auf breiten Straßen zwischen einheitlichen Hochhäuser mit verlebten Fassaden vorbei. Es gab viele Russen, die sich für eine solche Wohnung in ihnen lebenslang verschuldeten. Alles in Allem verwinkeltes Grau. Selbst der glühende Sonnenuntergang schaffte es nicht, die trüben Häuserfassaden zu beleben. Sie erstickten emotionslos das Feuer des vergehenden Tages und biederten sich der kühlen Nacht an.
Wie hielt es eine halbe Million Menschen nur in dieser trostlosen Stadt aus? Mein erster Eindruck war eine herbe Enttäuschung.
 

Anders als gewöhnlich


Doch was erwartete mich im Wohnheim? Fliederfarbene Wände, neues Mobiliar aus hellem Holz, makellose Laminatböden, im Badezimmer blau-gelb-weiße Kacheln in den Farben der Universität. Ich besaß eine eigene vollausgestattete Küche und einen Balkon. Die Miete kostete mich umgerechnet nur 25€ im Monat. Für diese vor allem saubere Unterkunft nahm ich gerne eine Stunde Weg zu meiner Fakultät in Kauf. Es gibt nämlich auch ein Wohnheim direkt gegenüber der philosophischen Fakultät. Eine ganze andere Welt verglichen mit meiner Bleibe und das gewöhnliche russische Studentenleben on Point. Einfache Mehrbettzimmer, Gemeinschaftsküche und -badezimmer auf einer Etage sowie eine äußerst neugierige Kommandantin, die Liste führte, wer wann aus- und einging. Mein Apartment war dennoch zu klein für zwei Schlafzimmer. Marija wunderte sich zwar, warum noch keiner da war, versicherte mir aber, dass ich mir mit noch jemanden das Schlafzimmer teilen würde. Der Luxus eines eigenen Schlafzimmers und der dazugehörigen Privatsphäre war auch mir nicht vergönnt, egal wie schön das Apartment gegenüber dem normalen russischen Studentenleben war. Und den Wert einer Privatsphäre schätzte ich zu Zeiten der Quarantäne umso mehr.

 

Die Chance, mich selbst auszuprobieren

 

Dinge, die für ein Semester in Russland obligatorisch sind: Ein negativer HIV-Test, ein Röntgenbescheid zwecks Tuberkulose, ein vollständiger Impfpass. Ich erledigte alle
medizinischen Dokumente samt Visum in den ersten beiden Januarwochen. Am zweiten Tag liefen Marija und ich von einem Büro zum anderen, um mich offiziell anzumelden und meine medizinischen Gutachten durchchecken zu lassen. Ich bekam meinen Stundenplan, der sich aus verschiedensten Gründen in den nächsten Wochen noch änderte.
Das Kaliningrader International Office bemühte sich stets, passende Aktivitäten für mich zu finden. Hast du Interesse auf der Bühne russische Gedichten zu rezitieren? Nein, auf keinen Fall. Das ist so gar nicht mein Ding. Hättest du nicht Lust, ein Video zu drehen, wo du über dein Leben an der Universität erzählst? Nope, auch nicht. Könntest du dir vorstellen, anderen Studierenden im Language Club Deutsch beizubringen? Ja, das klingt schon interessant. Auch wenn ich das vorher noch nie gemacht habe.


Viel Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft


Die Studierenden sind sehr aufgeschlossen gegenüber ausländischen Kommilitonen. Ich erinnere mich gerne an meine erste Vorlesung an der BFU zurück - "Russisch als Fremdsprache". Ich kam etwas zu spät, weil ich den Raum nicht fand. Auf dem Flur traf ich zufällig meine Dozentin, die mit mir ins Klassenzimmer ging, wo bereits fünf Kommilitoninnen auf "uns" warteten. Ich wurde kurz vorgestellt und danach verfolgte ich anderthalb Stunden mehr oder weniger erfolgreich der Vorlesung. Ein bisschen überfordert von der russischen Unterrichtssprache lehnte ich mich in der Pause zurück und wollte mich vor dem nächsten Seminar etwas ausruhen. Doch dann bemerkte ich wie mich jede meiner Kommilitoninnen interessiert anschaute und im nächsten Augenblick fingen sie an, mich neugierig mit Fragen zu löchern. Leider kamen die Dozentinnen stets zu spät, weshalb sich diese Pause sehr in die Länge zog und jede meiner Kommilitoninnen die Möglichkeit bekam, mich zu allen Themen und persönlichen Dingen zu befragen.
Ich glaube, dass das in Deutschland nicht so üblich ist, da man im Vorlesungssaal nicht ganz interessiert an seinen Kommilitonen ist. Auch habe ich in Russland sehr viel Hilfsbereitschaft erfahren. Da ich keinen Online-Account für das Vorlesungsverzeichnis besaß (eigenes Versäumnis vor der Quarantäne, es war davor nutzlos für mich), half mir vor allem die Kurssprecherin, dass ich während des distanzierten Lernens die Materialien und Aufgaben bekam. Es schien für sie alle selbstverständlich, sich die Mühe zu machen, um jemandem Fremden zu helfen. Auch waren meine Kommilitoninnen sehr geduldig mir manche Sache noch einmal zu erklären oder sich zu wiederholen. Sie und vor allem die menschliche Interaktion im Allgemeinen brachten das erste Mal Farbe in den grauen,
winterlichen Stadtalltag Kaliningrads. Nicht die Leuchtreklamen der Einkaufszentren mit ihren überteuerten Geschäften. Nicht die Graffities auf dem Universitätscampus zum 75. Jubiläum des sowjetischen Triumphs im Großen vaterländischen Krieges. Und vor allem auch nicht das abwechselnden Rot- Grün der Ampeln, die vergeblich den Abendverkehr und seine Staus Kaliningrads ent- bzw. beschleunigten.

Abends durch die Innenstadt - Foto: Pierre Grube
Das Uni-Hauptgebäude - Foto: Pierre Grube
Der Platz des Sieges im Sommer - Foto: Pierre Grube
Die philosophische Fakultät - Foto: Pierre Grube

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