Greifswald goes international

Natalie Exner

Studium in Greifswald

Landschaftsökologie und Naturschutz (B.Sc.)

Aktivität im Ausland

Praktikum beim Naturschutzverein Giacche Verdi Bronte auf Sizilien (Italien)

Zeitraum

Februar - August 2019

Wieso ich ins Ausland gegangen bin?

Die Frage nach dem „warum“ ist schnell zu beantworten: wegen der interessanten praktischen Arbeiten mit anderen internationalen Freiwilligen, um eine neue Kultur und fremde Tier- und Pflanzenarten kennenzulernen und Italien einen ganzen Sommer lang zu erleben!
Von meiner Kommilitonin Anne habe ich von der Möglichkeit des Praktikums erfahren. Kurzerhand habe ich mich entschieden, mein letztes Bachelorsemester dafür zu nutzen. Da ich gern Sprachen lerne, habe ich die letzten zwei Semester einen Italienischkurs belegt, so dass ich nicht ganz unvorbereitet bin und hoffe so auch anspruchsvollere Arbeiten übernehmen zu können. Besonders gespannt bin ich darauf herauszufinden, wie Naturschutzarbeit in einem anderen Land funktioniert, mit welchen Problemen sie dort konfrontiert sind und wie damit umgegangen wird. Da das Studieren ja eher eine Einzelsportart ist, freue ich mich auch schon sehr auf die Gruppenarbeit mit den anderen Freiwilligen und den Einwohnern Brontes."


04. März 2019 - Erste Impressionen von Sizilien

Als wir los fahren steht die Sonne eine handbreit über dem Ätna und lässt seine Schneeflächen leuchten. Wir haben uns für italienische Verhältnisse sehr früh am Büro getroffen um den Autobus zu beladen, Setzlinge vom Tier- und Pflanzenladen in Bronte abzuholen und dann die engen Straßen nach Mascali entlang zu düsen. Von fast all seinen Seiten durften wir den Vulkan heute schon bewundern. Mittlerweile wacht der Mond, der noch nicht vom Licht der Sonne unsichtbar gemacht wurde, über der weißen Haube. Man merkt deutlich, dass das Klima hier mehr von der Küste beeinflusst ist, mehr Wind und Blüten - endlich wieder Meer in Sicht! Ich belausche die Gespräche unserer Chefs, kann aber nur Satzfetzen für mich übersetzen. Die anderen bereiten sich auf ihre Arbeit mit den Kindern vor. Sie lesen ihre vorbereiteten Texte oder genießen die Ruhe, mit der es gleich vorbei sein wird. Die kleinen Dörfer draußen erwachen langsam, Obststände werden aufgebaut. Mit kalten Füßen und warmem Gesicht warte ich auf das, was mich gleich erwartet.

Meine Arbeitszeit hat sich in der letzten Woche in Ausflüge zu Schulen rund um den Ätna und das Schreiben von Berichten darüber im Büro geteilt. Wir haben im Rahmen des Projekts "Frutti per la Biosfera" gemeinsam mit den Schülern Schulgärten angelegt. Meine Aufgabe bestand darin, den Kindern beim Pflanzen zu helfen, was auch ohne große Italienischkenntnisse funktionierte. Die Kinder wirkten sehr glücklich draußen sein zu können, so als wäre es etwas sehr Besonderes für sie. Daher waren sie auch relativ temperamentvoll, so dass die Lektionen meist in ein ziemliches Chaos ausuferten. Die südländische Gelassenheit habe ich mir zum Glück schon antrainiert und zusammen mit den anderen Freiwilligen und reichlich Kaffeepausen in der Tartufo-Bar neben dem Büro ist alles zu schaffen. Wir verbringen viel Zeit zusammen, gehen in die Pizzeria oder kochen gemeinsam. Vor allem die türkische Küche wird von uns allen sehr geschätzt und ich kann mich glücklich schätzen mit Sally eine begnadete Köchin als Mitbewohnerin zu haben. Jeden Donnerstagmorgen dürfen wir später ins Büro kommen um zum Markt fahren zu können. Dort kann man frische Orangen, Nüsse und alles erdenkliche kaufen - ich war ziemlich überwältigt.
An den Wochenenden sind wir viel wandern gewesen. Am Piano di Grilli hat es geschneit, auf dem Krötenpfad bei Santa Domenica Victoria hat es gehagelt und am Strand von Mascali haben wir unsere Füße ins kühle Meereswasser gehalten. Für jemanden aus den gemäßigten Breiten wie mich ist es etwas gewöhnungsbedürftig nachts mit vielen Decken und Wärmflasche einzuschlafen und tagsüber in T-Shirt und Sonnencreme auf der Haut zu arbeiten. Jeden Tag vor, zwischen und nach der Arbeit gehe ich meiner liebsten Aufgabe nach und mache einen Spaziergang mit unserem sechsmonatigen Hund Bengi. Die Sizilianer halten ihre Hunde meist nur, um ihre Häuser vor Einbrechern zu schützen und ich schaue oft in verständnislose Gesichter, die im Auto vorbeifahren, während ich im Regen stehe und versuche Bengi beizubringen, dass er an der Straße Sitz machen soll.


19. Februar 2019 - Die Reise beginnt!


Blauer Himmel über den roten Häuserfronten und Dächern Bolognas. Ich sitze im botanischen Garten mitten auf dem Unigelände an eine Esche gelehnt und beobachte zwei graugrün schimmernde Eidechsen, die neben mir den Stumpf einer Idesia beklettern.
Auf dem uralten amerikanischen Amberbaum vor den Gewächshausanlagen begutachtet ein Kleiber kopfüber die rissige Rinde. Den Geruch der Gewächshaus-Orangen habe ich in der Nase, vorsichtig habe ich dort eben ein paar Kakteenableger eingesteckt. Ich spüre leichte Stiche in den Fingern, ein Preis den ich nur zu gern bezahle. Das Vogelgezwitscher nimmt die Geräuschkulisse fast vollständig ein und verschluckt den Lärm der Stadt, der sich zu behaupten versucht. Die Sonne wärmt meine Beine, eine Jacke ist heut überflüssig, daher ist sie um meine Hüfte geknotet. Die satten Grüntöne werden von den roten Nadeln einer mexikanischen Sumpfzypresse überschattet. Eben sah ich den ersten Schmetterling des Jahres - einen Admiral. Es ist Mitte Februar aber es fühlt sich wie Sommer an.

Den ersten Teil meiner Reise nach Bronte habe ich bereits hinter mir. Da meine Praktikumsorganisation es bevorzugt, wenn man möglichst nachhaltig anreist, fahre ich die gesamte Strecke mit dem Zug. Die Fahrt nach München vergeht wie im Flug, dort eine kurze Brotzeit im Park und dann weiter im Sonnenuntergang durch die Alpen nach Italien. Mein Zimmer in Bahnhofsnähe habe ich schnell gefunden und trotz Zugverspätung verlangt der Host nicht den nächtliche-Anreise-Aufschlag. Sowieso sind alle sehr zuvorkommend, nur das Heizen wird etwas übertrieben... Mit geöffneten Balkontüren schlafe ich bei frischer Abendluft ein.

Der nächste Zug fährt erst am Abend und so verlasse ich das Zimmer mit den Palmen vor dem Balkon wieder und kann meinen Rucksack den Tag über für wenig Geld in einem Fahrradverleih lassen. Auf eine übliche Touristentour habe ich keine Lust, also laufe ich einfach los und biege in die Straßen ein, die interessant aussehen. Ich laufe über das älteste Unigelände der westlichen Welt und besuche den botanischen Garten. Meine Zufallstour führt mich durch wunderschöne Bogengänge immer wieder in Parks, wo ich lese, Eis esse und mich aus Versehen in einen Ameisenhügel setze. Außerdem nutze ich die Gelegenheit einer Großstadt dazu, ein paar Kleinigkeiten zu kaufen, die auf Sizilien schwer zu bekommen sind. Nach einer Pizza kehre ich zum Bahnhof zurück und steige in den nächsten Zug nach Neapel. Auch ein paar meiner neuen Ameisenfreunde sind mit an Bord. Ich lerne schnell, dass es hier völlig normal ist, dass die Zeitangaben nur ungefähre Richtwerte sind und dass das auch funktioniert. Es gibt zwar kaum Anzeigen, dafür reden die Leute miteinander. Nach ein paar Stunden steige ich in den Nachtzug um. Spätestens als der Zug auf die Fähre fährt um die Straße von Messina zu passieren, ist jedoch an Schlafen nicht zu denken. Die Gefahr durch das ständige Anfahren und ruckartige Abbremsen von meiner Pritsche zu fallen ist mir zu groß.

Als wieder etwas Ruhe einkehrt, geht die Sonne über dem Hafen von Messina auf und ich bin hellwach. Darauf folgt eine aussichtsreiche Fahrt entlang der Küste nach Catania. Dann wieder Rumfragen welcher Zug mich wann wohin bringt. Glücklicherweise habe ich auch eine detaillierte Wegbeschreibung von Selina, eine der anderen Freiwilligen in Bronte. Nach einem Espresso geht‘s dann los auf bequemen Polstern in der kleinen CircumEtnea-Bimmelbahn. Ich sehe Kaktusfelder und Olivenhaine, weite Ebenen und zum ersten Mal den Ätna, der sich mit seiner weißen Schneehaube und dem rauchenden Schlot über allem erhebt. Immer mehr Lavagestein verdrängt die Pflanzenwelt, immer näher arbeitet sich die kleine Bahn rüttelnd an den Krater heran, bis sie Bronte erreicht.


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