Alles wird immer schneller? Neues Projekt „Schreibweisen der Gegenwart“ erforscht Zeitkonzepte der digitalen Gesellschaft

Schreibweisen-Blog

Facebook, Twitter und WhatsApp sind aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Sie haben die Art und Weise verändert, wie wir schreiben und kommunizieren. In populärwissenschaftlichen Zeitdiagnosen wird in diesem Zusammenhang häufig die These vertreten, dass die Digitalisierung mit Beschleunigung und einer Fixierung auf die Gegenwart verbunden sei. Diese Veränderung der Zeitwahrnehmung wird als bedrohlich empfunden: Zukunft und Vergangenheit würden entwertet, Gegenwart würde für unser Erleben zentral.

Das Forschungsprojekt reagiert auf diese neue, bislang nicht erforschte Fokussierung auf Gegenwart in populärwissenschaftlichen Zeitdiagnosen und ergänzt sie durch die Betrachtung literarischer Texte. Im Fokus stehen Texte, die seit Mitte der 2000er Jahre und damit genau in dem Zeitraum erschienen sind, in dem die oben genannten Apps ihre zentrale Stellung im täglichen Leben erlangten. Zu denken ist an Zeitdiagnosen wie Hans Ulrich Gumbrechts Unsere breite Gegenwart (2011)oder Manfred Spitzers Digitale Demenz (2012) genauso wie an die literarischen Bücher und Tweets der „Online-Omi“ Renate Bergmann (seit 2013) oder die Romane von Terézia Mora oder Sibylle Berg. Das Projekt fragt auf diese Weise nach Wechselwirkungen von Zeitreflexion und literarischen Verfahren unter den Bedingungen der Digitalisierung: Welchen Einfluss haben literarische Verfahren auf verschiedene Formen des Nachdenkens über Zeit? Inwiefern sind sie selbst als eine Form der Zeitreflexion zu verstehen?

Ziel des Projekts ist eine Bestandsaufnahme und Analyse der Schreibweisen, mit denen unter den Bedingungen der Digitalisierung Gegenwart reflektiert wird. Im Blick auf ihre je spezifischen „Schreibweisen der Gegenwart“ sollen zeitdiagnostische und literarische Texte erstmals im Zusammenhang untersucht und vor dem Hintergrund medien- und kulturwissenschaftlicher Zeitreflexion aufeinander bezogen werden. Mit den Ergebnissen kann das Projekt auf diese Weise einen innovativen Beitrag zur Gegenwartsliteraturwissenschaft leisten und zugleich der Gegenwartsdiagnostik neue Perspektiven eröffnen. Zur Ergänzung von herkömmlichen literaturwissenschaftlichen Methoden wird im Projekt mit neuen digitalen Methoden gearbeitet. Diese Methoden erlauben die computergestützte Analyse von Zeitkonzepten in großen Textmengen – ob in Romanen, Sachbüchern oder Twitter-Texten.

Das Forschungsprojekt wird von Prof. Dr. Eckhard Schumacher, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie, geleitet. Der Fokus seiner Forschung richtete sich schon in den vergangenen Jahren auf die Erforschung von Gegenwartsliteratur und -kultur. Im Rahmen des Forschungsprojekts wird er von Dr. des. Elias Kreuzmair, dessen Forschungsschwerpunkte ebenfalls im Bereich der Digitalisierung und der Gegenwartsliteratur liegen, und Magdalena Pflock, M. A., unterstützt. Mit Workshops und einer Konferenz tritt das Projekt in Austausch mit der Fachöffentlichkeit, über ein Weblog und den Twitter-Account @ggw_hgw soll aber auch eine weitere Öffentlichkeit von seiner Arbeit profitieren. Zudem werden Studierende über Lehrveranstaltungen in die Arbeit des Projekts eingebunden. Für die Workshops und die Konferenz besteht eine Kooperation mit dem Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald.

Die Medieninformation auf der Website der Presse- und Informationsstelle der Universität.


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