Nachruf Dr. h. c. mult. Manfred Stolpe (1936–2019)

Porträt Dr. h. c. mult. Manfred Stolpe, Foto: Archiv der Universität Greifswald
Porträt Dr. h. c. mult. Manfred Stolpe, Foto: Archiv der Universität Greifswald

Geboren wurde Manfred Stolpe am 16. Mai 1936 in der Nähe von Stettin. Seine Kindheit und Schulzeit verbrachte er in Greifswald, wo er 1955 auch das Abitur absolvierte. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Jena trat er 1959 als Jurist in den Dienst der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg ein, in der er fortan eine Reihe wichtiger Funktionen übernahm. Von 1969 bis 1981 prägte er als Leiter des Sekretariats des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR deren Weg maßgeblich mit. 1982 wurde er zum Konsistorialpräsidenten der Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg berufen und übernahm gleichzeitig den stellvertretenden Vorsitz im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR. Während dieser Zeit wurde Manfred Stolpe zu einem maßgeblichen Protagonisten des „Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“, der nach der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1983 in Vancouver als ein gemeinsamer Lernweg der Kirchen begann und 1988/89 auf den Versammlungen in Dresden und Magdeburg eine weithin sichtbare Gestalt annahm. In seiner Funktion als Sekretär des Bundes der Evangelischen Kirchen wirkte Manfred Stolpe an der Formulierung einer neuen Standortbestimmung der Kirchen in der DDR mit, die auf der Eisenacher Bundessynode von 1971 in der viel diskutierten Formel von der „Kirche nicht neben, nicht gegen, sondern im Sozialismus“ (vgl. C. Kähler, Art. Kirche im Sozialismus, Staatslexikon 3, 2019, 711-715) ihren Ausdruck fand.

Am 14. November 1989 verlieh die Theologische Fakultät der Universität Greifswald Manfred Stolpe in einer festlichen Veranstaltung den Titel eines doctor theologiae honoris causa. Dieser Akt, von langer Hand vorbereitet, fiel im Herbst 1989 einigermaßen unerwartet mitten in die Umbrüche der friedlichen Revolution. Dokumentiert ist er in den Greifswalder Universitätsreden NF Nr. 54. Die Auszeichnung Manfred Stolpes erfolgte damals „in Würdigung seines bedeutenden Anteils an der Konstituierung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, seines Engagements für die Standortfindung der Kirchen in der sozialistischen Gesellschaft unseres Landes und seines Beitrags für einen konstruktiven Dialog zwischen Christen und Marxisten“. Hans-Jürgen Zobel, Dekan der Theologischen Fakultät und wenig später neuer Rektor der Universität, hielt die Laudatio. Seine Rede wie auch der Festvortrag des Laureaten unter dem Thema „Verantwortungsgemeinschaft – Christen und Marxisten in der DDR in den Herausforderungen unserer Zeit“ waren bereits von den „demokratischen Umwälzungen“ und der Hoffnung auf grundlegende Veränderungen im Lande durchdrungen. Noch wenige Monate vorher wären sie in dieser Offenheit völlig undenkbar gewesen. Manfred Stolpes Vortrag endete mit einem Ausblick: „Die Zukunft dieses Landes als eines Teils der ganzen gefährdeten Menschheit wird mit davon abhängen, ob genügend Verantwortungsbewusste trotz unterschiedlicher Grundüberzeugungen Überlebensgemeinschaft praktizieren.“ Das sind hellsichtige Worte, die auch nach 30 Jahren nichts von ihrer Bedeutung verloren haben.

Noch war 1989 nicht abzusehen, welche Rolle Manfred Stolpe in dem künftigen Deutschland einmal spielen würde. Doch sein Greifswalder Festvortrag bewies bereits staatsmännisches Format und offenbarte den politischen Geist, der die Dinge in ihren großen Zusammenhängen wahrzunehmen und zu artikulieren verstand. Als Mann der SPD (mit dem Wahlkreis Cottbus) wurde er 1990 zum Ministerpräsidenten des neu gebildeten Landes Brandenburg gewählt und wirkte in dieser Funktion bis 2002 prägend am Um- und Aufbau seines Bundeslandes mit. 2002 wechselte er dann als Bundesminister für Verkehr, Bau und Wohnungswesen in das Kabinett von Gerhard Schröder, dem er bis 2005 angehörte.

Manfred Stolpe galt nach der „Wende“ bundesweit als profilierte Stimme aus dem Osten. Zu dem hohen Respekt, den er sich dabei erwarb, trat indessen auch Kritik an seiner Vermittlerrolle zwischen Kirche und Staat und im Besonderen gegenüber dem MfS. In dieser Debatte, die viel über die Gratwanderungen kirchlichen Handelns in einer Diktatur sichtbar machte, blieb eines klar und deutlich: Manfred Stolpe war stets ein Mann der Kirche; auf welcher Seite er stand, litt nie einen Zweifel.

Für seine vielfältigen Verdienste um eine gerechte Neuordnung der politischen Landschaft wurde Manfred Stolpe außer in Greifswald auch an den Universitäten von Tokio (1989), Zürich (1991) und Stettin (1996) mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet; weitere Ehrungen kamen im Laufe der Jahre hinzu. Werbend und motivierend trat Manfred Stolpe seit 2001 im Rahmen des „Petersburger Dialogs“ für eine Verständigung zwischen den Zivilgesellschaften Deutschlands und Russlands ein. Er gehörte dem Domkapitel in Brandenburg an und blieb seiner Kirche auch während der Jahre aufreibender politischer Tätigkeit zugewandt.

Seit 2004 sah sich Manfred Stolpe mit einer Krebserkrankung konfrontiert, der er sich öffentlich stellte. 2010 publizierte er gemeinsam mit seiner Frau, der Ärztin Ingrid Stolpe, ein berührendes Buch unter dem Titel „Wir haben noch so viel vor. Unser gemeinsamer Kampf gegen den Krebs“. Kurz vor dem Jahreswechsel 2019/20 ist er diesem Kampf erlegen.

Die Universität Greifswald bewahrt Manfred Stolpe ein ehrendes Angedenken. Sein Engagement für Demokratie und Toleranz, seine „Ethik des verantwortlichen Lebens“ sowie sein Einsatz für „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ sind auch für unsere alma mater eine bleibende Verpflichtung.


Ansprechpartner an der Universität Greifswald
Jan Meßerschmidt
Presse- und Informationsstelle
Domstraße 11, Eingang 1, 17489 Greifswald
Telefon +49 3834 420 1150
pressestelleuni-greifswaldde

 

Medieninformation


Zurück zu allen Meldungen