Symbolbild Fakt der Woche – Foto: ©Till_Junker

#wissenlocktmich ...

... zum Fakt der Woche

Fakt der Woche

Mit dem „Fakt der Woche“ präsentieren wir im wöchentlichen Turnus wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Universität Greifswald. Damit möchten wir mehr Aufmerksamkeit für die vielfältigen Forschungsbereiche unserer Universität generieren, Interesse an ihnen wecken und ein Zeichen für wissenschaftliche Erkenntnisse setzen. Der „Fakt der Woche“ erscheint ebenso auf Instagram, Facebook und Twitter.


Warum Forschende unter Tage nach dem Wald der Zukunft suchen

Im Projekt ArchaeoForest suchen Forschende in alten Holzfunden nach dem Wald der Zukunft, ©Landesamt für Archäologie Sachsen
Im Projekt ArchaeoForest suchen Forschende in alten Holzfunden nach dem Wald der Zukunft, ©Landesamt für Archäologie Sachsen
Mittelalterliche Holzfunde in einem historischen Stollen im Erzgebirge, ©Landesamt für Archäologie Sachsen
Mittelalterliche Holzfunde in einem historischen Stollen im Erzgebirge, ©Landesamt für Archäologie Sachsen

Es ist nur ein kleines Loch im Boden in einem Fichtenwald irgendwo im Erzgebirge. Viele Jahrhunderte ist hier niemand eingestiegen. Jetzt werden einige der zahlreichen mittelalterlichen Silbergerbwerke erkundet. Archäolog*innen bergen einen Stützbalken. Anhand des charakteristischen Jahrringmusters kann das genaue Alter seiner Fällung und somit das Alter der Stollen bestimmt werden. Dieser hier stammt aus dem 12. Jahrhundert. Der letzte Jahrring datiert auf das Jahr 1152 AD. Es ist eine Weißtanne. Sie war damals in der Höhenstufe von circa 400 Metern die dominierende Baumart in den noch natürlichen Wäldern. Später wandelt sich das Bild. Mit zunehmender Übernutzung kommen auch Fichten-, Ahorn- oder Buchenholz zum Einsatz. Deren Holz ist eigentlich weniger gut zum Abstützen der Stollen geeignet. Das Holz knarrt nicht bei Überlastung – eine wichtige Eigenschaft. Damit konnten sich Bergleute früh genug in Sicherheit bringen, bevor ein Stollen instabil wurde. Heute ist die Weißtanne – vom sauren Regen der 1980er Jahre stark geschädigt – weitestgehend aus den Wäldern des Erzgebirges verschwunden. Sie wird jedoch vermehrt wieder aufgeforstet. Anders als die Fichte, die aufgrund der Trockenheiten der letzten Jahre extrem vom Borkenkäfer befallen ist und großflächig abstirbt, bleibt die Tanne von den Borkenkäfern verschont.

Doch die alten Holzproben können noch weit mehr verraten. Kleine Holzstücke werden vorsichtig aus den Stützbalken und anderen Grubenfunden herausgesägt und an das dendrochronologische Labor DendroGreif der Universität Greifswald gesandt. Dort werden aus den Proben noch kleinere Streifen herausgesägt. Das Eisen und Mangan aus dem Grubenwasser, das sich über die Jahrhunderte im Holz angereichert hat, wird zunächst extrahiert. Anschließend werden die Proben in einem speziellen Röntgenscanner durchleuchtet. Anhand der Röntgenbilder können neben den Jahrringbreiten auch jährliche Holzdichten bestimmt werden. Besonders interessant ist das Spätholz, der äußere Teil eines Jahresringes. Ist es sehr dicht gepackt, so war der Sommer in dem Jahr sehr warm. Charakteristische Muster in den Jahrringdichten verraten, ob der Baum, aus dem der Holzbalken gesägt wurde, in der Nähe der Grube wuchs oder aus höheren Gebirgsteilen des Erzgebirges zur Grube transportiert wurde. War der Wald im Umfeld der Gruben gerodet, musste Holz von weiter her herangeflößt werden. Eingriffe wie starke Rodungen im Umfeld eines Baumes befreien diesen von der Lichtkonkurrenz. Anhand sprunghaft steigender Jahrringbreiten in den Grubenhölzern können Perioden intensiver Waldnutzung identifiziert werden.

Die Zeit des mittelalterlichen Silberbergbaus fällt in eine klimatische Gunstperiode, das mittelalterliche Klimaoptimum. Es dauerte circa vom 11. bis zum 13.Jahrhundert. Damals waren die Sommer warm und wahrscheinlich auch eher trocken – vergleichbar mit den aktuellen klimawandelbedingten Entwicklungen unseres Wetters. Im Projekt ArchaeoForest wollen Forschende herausfinden, wie ein natürlicher Wald auf diese Klimabedingungen reagiert hat, welche Baumarten dort mit welchen Wachstumsraten dominierten und wie sich die zunehmende Übernutzung auf den Wald auswirkte. Dies soll helfen, heute den Wald zu pflanzen, der auf der einen Seite stabil genug ist, um dem zunehmenden Klimastress zu trotzen, und auf der anderen Seite flexibel genug, um sich den veränderten Umweltbedingungen anzupassen. Daher sind auch Förster*innen der sächsischen Landesforstanstalt im Projekt ArchaeoForest involviert.  

Ansprechpartner*innen
Prof. Martin Wilmking, Dr. Tobias Scharnweber und Svenja Ahlgrimm
AG Landschaftsökologie und Ökosystemdynamik an der Universität Greifswald

 


Croy-Teppich: Zur Geschichte des textilen Riesenbildes aus Wolle, Seide, Gold- und Silberfäden

Der Croy-Teppich wird heute im Pommerschen Landmuseum im Greifswald ausgestellt. ©Jan-Meßerschmidt, 2014

Die Universität Greifswald ist Eigentümerin eines Kunstwerks, das als Kulturgut von nationaler Bedeutung eingestuft wurde: dem Croy-Teppich. Es handelt sich dabei um einen über 30 Quadratmeter großen Bildteppich aus der Lutherzeit im 16. Jahrhundert, einem sogenannten Gobelin.

Gobelins waren in der Renaissance und dem Barock ein fester Bestandteil des Hausrats in herrschaftlichen Schlössern und Burgen. Sie kamen dem Bedürfnis der Adelskultur der Zeit nach Mobilität, Dekoration, Repräsentation und geistreichen Bildprogrammen entgegen. Wer einen Fundus aus derartigen Bildteppichen besaß, konnte die kahlen Wände eines lange unbewohnten Flügels des Schlosses schnell prächtig herrichten, das Aussehen eines Fest- oder Audienzsaales verändern oder die Teppiche als kostbare diplomatische Geschenke an andere Fürstenhäuser verwenden. Gobelins waren also Bildmedium, Hausausstattung und Statussymbol zugleich.

Darum verwundert es überhaupt nicht, dass Ernst Bogislaw von Croy – der Neffe des letzten regierenden Pommernherzogs – der damaligen Pommerschen Landesuniversität in Greifswald Ende des 17. Jahrhunderts einen derartigen Prunkteppich vermachte. Das textile Riesenbild aus Wolle, Seide, Gold- und Silberfäden muss als religiöses und politisches Statement des regierenden Hauses gelesen werden: Die durch eine Ehe verbundenen Fürstenhäuser der Herzöge von Pommern und der Kurfürsten von Sachsen sind unter der Kanzel des predigenden Martin Luther versammelt. Das drückt ein klares Bekenntnis zur Reformation aus.

Die Universität hat den Teppich bis heute bewahrt. Er war Teil der im Testament Ernst Bogislaws verfügten Verpflichtung, im 10-Jahres-Rhythmus eine Gedenkfeier für die letzte geborene Pommernprinzessin Anna und damit für das erloschene Herrscherhaus auszurichten. Genau das tun wir bis heute!

Doch wohin mit dem Gobelin, wenn das Schloss dazu fehlt? In früheren Zeiten lagerte die Universität den riesigen Teppich zusammengelegt oder -gerollt im Hauptgebäude. Zu den Croy-Festen sollte er im jeweils größten Auditorium aufgehängt werden. Doch das war problematisch: Das Audimax, der heutige Konferenzsaal in der Domstraße 11, war auf der Seite des früheren Rednerpults zu niedrig, um die Bildfläche vollständig ausbreiten zu können. Folglich zeigte man den Croy-Teppich seit 1750 dort immer mit umgeschlagener Oberkante.

Heute gibt es dieses Problem nicht mehr: Der Croy-Teppich ist konservatorisch sicher und dauerhaft im Croy-Saal des Pommerschen Landesmuseums zu sehen. Am 7. Juli 2021, dem 361. Todestag der Anna von Croy, ist der Eintritt sogar frei.

Weitere Informationen
Zum Croy-Fest

Ansprechpartner
Dr. Thilo Habel

 


Deutschland auf der Suche nach dem Endlager für hoch-radioaktiven Abfall – Wie ist der Stand?

In Deutschland gibt es viele Gebiete, die aus rein geologischer Sicht, geeignete Endlagerstandorte sind. Teilgebiete in Norddeutschland gem. § 13 StandAG, ©Quelle: www.bge.de
In Deutschland gibt es viele Gebiete, die aus rein geologischer Sicht geeignete Endlagerstandorte sind. Teilgebiete in Norddeutschland gem. § 13 StandAG, ©Quelle: www.bge.de

Ende 2022 soll in Deutschland das letzte Kernkraftwerk vom Netz gehen. Der hochradioaktive Abfall aus Kernkraftwerken muss noch für einen Zeitraum von einer Millionen Jahren im tiefen Untergrund sicher gelagert werden.

Welche Gebiete in Deutschland sind grundsätzlich für ein Endlager geeignet? 
Ende September 2020 hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) eine Karte veröffentlicht, in der alle noch im Endlagersuchverfahren enthaltenen Regionen farbig dargestellt sind. Die große Überraschung ist: 54 Prozent der Fläche Deutschlands sind noch im Suchverfahren. Es sind diejenigen Regionen, in denen eines der möglichen Wirtsgesteine (Kristallin- und Tongestein oder Salzablagerungen) in einer Qualität vorkommt, die die Mindestanforderungen an Tiefenposition, Mächtigkeit, Wasserdurchlässigkeit und Flächenbedarf erfüllt. In diesen Regionen darf es außerdem keine Erdbeben- oder vulkanische Tätigkeit geben. Es darf auch keine weitere Zerrüttung innerhalb des Zeitraums von einer Millionen Jahre zu erwarten sein.

Wie weit sind wir bei der Suche nach geeigneten Endlagern?
Im nächsten Untersuchungsschritt sollen die in der Karte ausgewiesenen, teilweise riesigen Gebiete weiter eingeengt werden. Zuvor wird das momentane Zwischenergebnis sowie die Suchmethoden in drei öffentlichen – coronabedingt digital stattfindenden – Fachkonferenzen erörtert. Dieser Schritt ist, wie das gesamte Suchverfahren, im Standortauswahlgesetz (StandAG) festgeschrieben. Die nächste und letzte der drei Fachkonferenzen findet am 6. und 7. August 2021 statt.

Warum soll sich die Öffentlichkeit an der Suche beteiligen?
Die öffentliche Beteiligung ist einer der fünf Grundpfeiler des Suchverfahrens: Partizipation – Wissenschaftlichkeit – Fairness – Transparenz – Lernendes Verfahren. Lernen soll heißen, die Fehler der siebziger Jahre nicht zu wiederholen. Damals wurden einsame politische Entscheidungen für die Standorte Gorleben (BRD) und Morsleben (DDR) gefällt. In beiden Standorten bilden Salzablagerungen das Wirtsgestein, und sie liegen unmittelbar an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Damit in Zukunft bessere Entscheidungen getroffen werden, wird heute die Öffentlichkeit verstärkt in das Suchverfahren eingebunden.

Der derzeitige Stand der Erörterungen lässt sich – sicher noch unvollständig – wie folgt zusammenfassen:

  • Eine echte Betroffenheit der Bevölkerung konnte bisher, angesichts der sehr großen ausgewiesenen Fläche, nicht erreicht werden. Die Öffentlichkeit wird auch im nächsten Einengungsschritt kontinuierlich beteiligt. Insbesondere junge Menschen müssen stärker für das Endlagerthema interessiert werden. Sie haben in der Vergangenheit von der Kernkraft kaum profitiert, sind aber in Zukunft mit den Fragen und Problemen konfrontiert, die der hochradioaktive Abfall mit sich bringt.
  • Die Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen leidet noch an einer mangelnden Zugänglichkeit der verwendeten geologischen Information. Teils ist auch das Grundverständnis der Öffentlichkeit für geologische Sachverhalte nicht ausreichend.

Ansprechpartnerin an der Universität Greifswald
Prof. Dr. Maria-Theresia Schafmeister
Mitglied des Nationalen Begleitgremiums


Geklaut oder gerettet? – Was der Reliquienraub im Mittelalter und der Parthenon-Fries gemeinsam haben

Mosaik mit Darstellung der Ankunft des Hl. Markus in Venedig, Fassade des Markusdoms, 13. Jahrhundert. © Wolfgang-Maroder, 2014
Mosaik mit Darstellung der Ankunft des Hl. Markus in Venedig, Fassade des Markusdoms, 13. Jahrhundert. ©Wolfgang-Maroder, 2014
Der „Elgin Room“ mit Publikum im Jahr 1819. Gemälde von Archibald Archer, Öl auf Leinwand, 94 x 133 cm ©The Trustees of the British Museum
Der „Elgin Room“ mit Publikum im Jahr 1819. Gemälde von Archibald Archer, Öl auf Leinwand ©The Trustees of the British Museum

Die Entführung und Mitnahme wie auch das Behalten und die verweigerte Rückgabe fremden Kulturguts werden in vielen historischen Quellen als heroische Akte des Bewahrens – gar der Rettung – dargestellt, in denen scheinbar interessenlos nur das Wohl des Objekts im Mittelpunkt steht. Oft geht das mit der Abwertung derjenigen einher, aus deren Lebensbereich die Gegenstände entfernt wurden – weil sie sich, im Verständnis der Entführer, nicht um die Werke kümmern könnten oder sie gar zerstören würden.

Ein Beispiel findet sich in einem Bericht des 11. Jahrhunderts über den Erwerb der Reliquien des Heiligen Markus für die Stadt Venedig. Die Gebeine des Heiligen waren in einer Kirche im ägyptischen Alexandria verwahrt, als – so der Bericht – zwei venezianischen Händlern das Gerücht zu Ohren kam, dass die Kirche auf Geheiß des Sultans zerstört werden sollte. Mit einer List erschlichen sie die Ausfuhr der Reliquien aus Ägypten. Die triumphale Ankunft der Reliquien in Venedig wird im Markusdom in vielerlei bildlichen Zeugnissen zelebriert.

Auch der französische Diplomat Benoît de Maillet, der im 18. Jahrhundert eine römische Ehrensäule aus Alexandria (Ägypten) nach Paris bringen lassen wollte, sprach von einer Rettung vor Menschen die „zu grob sind, solche Merkwürdigkeiten zu schätzen“ (1735).

Ebenso lauteten seit dem 19. Jahrhundert britische Argumente im Streit um den Parthenon-Fries, der von Lord Elgin aus Athen nach Großbritannien gebracht wurde. Im Protokoll einer parlamentarischen Befragung von 1816 ist zu lesen, dass die Skulpturen großer Gefahr durch Einheimische ausgesetzt gewesen wären, die Fragmente antiker Skulpturen an Reisende verkauften. Im Wandtext des British Museum, wo die Skulpturen heute ausgestellt sind, heißt es: „Elgin‘s removal of the [Parthenon] sculptures has always been a matter for discussion, but one thing is certain – his actions spared them further damage by vandalism, weathering and pollution.“*

Nicht selten wird auch im Hinblick auf die tagesaktuelle Frage der Restitution von kolonialzeitlichem Kulturgut aus westlichen Museen die Kompetenz der enteigneten Gesellschaften, die Objekte sicher zu verwahren infrage gestellt.

Wenn von Kunstraub und Beutekunst, von kulturellem Erbe, Aneignung, Eigentum und Restitution die Rede ist, sind die Worte politisch oder ideologisch geladen – sie transportieren eine Lesart der Ereignisse, sie verfolgen ein Ziel. Der Fokus zweier kürzlich aus dem Forschungsprojekt translocations erschienener Bücher mit dem Titel Beute – Eine Anthologiezu Kunstraub und Kulturerbe sowie Beute –Ein Bildatlas zu Kunstraub und Kulturerbeliegt darauf, solche Ziele offenzulegen und wiederkehrende Argumente sowie feststehende Muster – wie die des hier geschilderten „Rettungsnarrativs” – erkennbar zu machen.

Der Blick auf die in beiden Bänden zusammengetragenen Bild- und Schriftzeugnisse aus zweitausend Jahren Menschheitsgeschichte zeigt, dass viele, vielleicht sogar die meisten Argumente um recht- oder unrechtmäßigen Besitz von Kunst- und Kulturgütern nicht neu sind. So stellte der griechische Geschichtsschreiber Polybios im 2. Jahrhundert vor Christus über den Abtransport von Kunstwerken durch die römischen Eroberer seiner Heimat fest: „Ob sie damit richtig und in ihrem eigenen Interesse gehandelt haben, oder ob das Gegenteil der Fall ist, darüber wäre viel zu sagen.“ Er und viele weitere taten es, und zeigten dabei, dass es nicht um Reizwörter und Einzelfälle geht – sondern um eine Grundsatzfrage menschlicher Kultur, die trotz ihres Alters nicht unlösbar bleiben muss.

* „Elgins Demontage der [Parthenon]-Skulpturen war immer ein Diskussionsthema, aber eines ist sicher – sein Handeln hat ihnen weiteren Schaden durch Vandalismus, Verwitterung und Verschmutzung erspart.“

Weitere Informationen
Online-Buchpremiere (25. Mai 2021) mit den Herausgeber*innen

In den Medien

  • Interview mit Isabelle Dolezalek (Universität Greifswald) und Merten Lagatz (Technische Universität Berlin), in: SWR2 Kultur am Mittag.
  • Von der Antike bis heute: Kulturgüter als Beute, in: Deutsche Welle (auch englisch und spanisch)
  • Der lange Schatten der kolonialen Raubkunst, in: Österreichischer Rundfunk
  • „Beute“ – Anthologie und Bildatlas | Bénédicte Savoy und Robert Skwirblies, in: ZDF Aspekte  

Buchveröffentlichungen

Ansprechpartnerin an der Universität Greifswald
Prof. Dr. Isabelle Dolezalek


Welchen Zweck haben Staatsfonds?

Länder mit Staatsfonds von über 10 Mrd. US-Dollar und ihr Demokratisierungsgrad, ©Katapult-Magazin
Länder mit Staatsfonds von über 10 Mrd. US-Dollar und ihr Demokratisierungsgrad, ©Katapult-Magazin

Staatsfonds stellen Sondervermögen von Staaten dar. Sie erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. In ihnen bündeln Länder Geld, um damit später bestimmte Staatsausgaben zu finanzieren. Die angehäuften Vermögen werden beispielsweise zum Ausgleich konjunktureller Schwankungen, zur Förderung von Infrastrukturprojekten oder zur Deckung zukünftiger Pensionszahlungen genutzt.

Die Sondervermögen entstehen, weil Länder in ihrem Territorium beispielsweise auf Öl- oder Gasvorkommen stoßen und diese ausbeuten. Damit nicht nur die aktuelle Generation von den dabei erzielten Gewinnen profitiert, fassen die Länder einen Teil der Gewinne in staatlich verwaltete Sondervermögen zusammen.

Weltweit gibt es rund 90 Staatsfonds, wobei manche Länder mehrere Staatsfonds besitzen. Zwei Drittel der Staatsfonds wurden erst nach 2000 gegründet. Das Volumen mancher Staatsfonds übersteigt inzwischen das Bruttoinlandsprodukt des fondsverwaltenden Landes. Die geballte Finanzkraft von Staatsfonds beunruhigt umso mehr, je weiter die Länder, die Staatsfonds besitzen, im Demokratieindex abrutschen und sich nicht als Demokratien, sondern als Autokratien erweisen.

Die Zweckentfremdung von Geldern der Staatsfonds wird eher dem abrupten Sinneswandel von Autokratien zugeschrieben. Abseits dessen kann die Frage gestellt werden, ob Änderungen in der Zweckbestimmung von Staatsfonds auch in vollständigen Demokratien stattfanden. Spanien und Irland gründeten in den Jahren 2000 und 2001 Staatsfonds, um ihre steigenden Pensionsverpflichtungen zukünftig besser decken zu können. Später wurden die Gelder der Staatsfonds jedoch zweckentfremdet, indem Löcher im Staatshaushalt gestopft (Spanien) oder sie zur Bankenrettung eingesetzt (Irland) wurden.

Die Beispiele Spanien und Irland zeigen, dass vollständige Demokratien gegen eine Zweckentfremdung ihrer Staatsfonds keineswegs immun sind. Selbst wenn die Änderungen in der Zweckbestimmung wie in den beiden vorliegenden Fällen demokratisch legitimiert sind, bleiben erhebliche Vertrauensverluste und das ursprüngliche Problem der Finanzierung steigender Pensionsverpflichtungen ungelöst.

Originalveröffentlichung
Jan Körnert und Thomas Junghanns (2021): Zweckentfremdung von Staatsfonds in Irland und Spanien. Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen (ZfgK), Verlag Fritz Knapp, Frankfurt a.M., ISSN 0341-4019, Jg. 74, Heft 11, S. 581–583.

Ansprechpartner
Prof. Dr. Jan Körnert

Wie lernen wir zu argumentieren?

Kinder lernen spielend argumentieren. ©Till-Junker, 2018
Kinder lernen spielend argumentieren. ©Till-Junker, 2018

Durch die pandemiebedingten Einschränkungen sind seit über einem Jahr viele Kinder zuhause. Sie gehen nicht mehr in die Kita oder zur Schule, sondern verbringen häufig die meiste Zeit mit ihren Eltern. Aus Spracherwerbsperspektive ist das problematisch, denn die Interaktion der Kinder untereinander fehlt. Diese Begegnungen, die sonst in der Kita oder auf dem Spielpatz stattfinden, haben vielfältige Funktionen. Sie dienen als Lernort für Literacy-Fähigkeiten. Damit sind nicht nur reine Lese- und Schreibkompetenzen gemeint. Der Begriff schließt auch Kompetenzen wie Sinnverstehen, sprachliche Abstraktionsfähigkeit, Vertrautheit mit Büchern und Schriftsprache ein. Kita-Kinder sammeln also erste Erfahrungen mit Sprache und Sinnverstehen. Da diese Treffen fehlen, mangelt es auch an relevanten Kommunikationsthemen. Normalerweise lernen Kinder argumentieren, wenn sie sich mit bestimmten Sachverhalten auseinandersetzen. Wenn viele dieser Erfahrungen ausbleiben, gibt es keinen Grund, mit anderen zu diskutieren.

Argumentieren ist eine wichtige Praxis in der Kommunikation. Trotzdem ist noch wenig erforscht, wie Kinder lernen, untereinander zu argumentieren. Es wird davon ausgegangen, dass schon Kindergartenkinder bei Konflikten miteinander und voneinander lernen können, mit Streitsituationen umzugehen. Durch die Forschung in diesem Bereich wird herausgearbeitet, was Kinder auf argumentativer Ebene tun. Damit können die Kinder in ihrer Entwicklung besser gefördert und unterstützt werden. Sie können lernen, bereits im Kindergartenalter Konflikte selbstständig und erfolgreich zu lösen und werden auch auf die Anforderungen der Schule vorbereitet.

Weitere Informationen
Arendt, Birte (2019): Argumentieren mit Peers. Erwerbsverläufe und -muster bei Kindergartenkindern. Tübingen: Narr/Stauffenburg Linguistik.

Ansprechpartner
PD Dr. Birte Arendt

 


Warum die Sonne und der Mond manchmal blau erscheinen

W. Gelbke beobachtete das Phänomen der blauen Sonne im Jahr 1950 vom Observatorium in Greifswald aus und fotografierte es. ©Laura-Schirrmeister, 2021
W. Gelbke beobachtete das Phänomen der blauen Sonne im Jahr 1950 vom Observatorium in Greifswald aus und fotografierte es. ©Laura-Schirrmeister, 2021

Es kommt nur äußerst selten vor, doch nach Vulkanausbrüchen, Waldbränden oder Sandstürmen können die Sonne und der Mond blau oder auch grün erscheinen. In Greifswald wurde das Phänomen der blauen Sonne im Jahr 1950 beobachtet und vom Observatorium aus fotografiert. Auch in historischen Überlieferungen finden sich zahlreiche Berichte über diese ungewöhnliche Verfärbung der Sonne. Insbesondere nach dem Ausbruch des Vulkans Krakatoa im Jahr 1883 wurde das Phänomen der blauen Sonne an vielen Orten beobachtet und dokumentiert.

Wir können jeden Tag beobachten, wie sich die Sonne verfärbt. Steht die Sonne hoch am wolkenfreien Himmel, so erscheint sie uns gelblich. In Nähe des Horizonts färbt sie sich meist orange-rötlich. Diese alltägliche Verfärbung der Sonne wird hauptsächlich auf die sogenannte Rayleigh-Streuung des Lichts an Luftmolekülen zurückgeführt. Das Spektrum des Sonnenlichts vereint bekanntlich Licht verschiedener Wellenlänge. Im sichtbaren Bereich reicht das Spektrum von kurzwelligem blauen Licht über Grün und Gelb hin zum langwelligen roten Licht. Unter normalen Bedingungen wird das kurzwellige Licht sehr viel stärker gestreut als das langwellige Licht. Das gelbe und rote Licht erreicht dann unser Auge, während das blaue Licht auf dem Weg dorthin zu großen Teilen abgelenkt wird. Die Rayleigh-Streuung macht also die Beobachtung einer blauen Sonne unwahrscheinlich.

Damit die Sonne blau erscheint, müssen die gelben und roten Komponenten des Sonnenlichts stärker unterdrückt werden als die blauen Komponenten. Bisher gab es mehrere mögliche Erklärungen für dieses Phänomen. Das Sonnenlicht könnte auf dem Weg zum Auge durch molekulare Bestandteile in der Atmosphäre wie Ozon und Wasser oder durch Aerosole absorbiert werden. Eine weitere Erklärung war die so genannte „anomale Streuung“ an Aerosolen.
Forschende haben für all diese Erklärungen nun genaue Modellrechnungen der Ausbreitung des Sonnenlichts durch die Erdatmosphäre durchgeführt. Dabei wurde beispielsweise der Einfluss der Rayleigh-Streuung, im Gegensatz zu vielen früheren Studien, genau modelliert. Mit Hilfe der Strahlungstransfersimulationen konnte ausgeschlossen werden, dass das Phänomen auftritt, weil Sonnenlicht durch molekulare Bestandteile und durch Aerosole absorbiert wird. Die Berechnungen zeigten dagegen, dass das Phänomen blaue Sonne aufgrund von „anomaler Streuung“ entsteht. Dabei wird das Licht der Sonne im sichtbaren Spektralbereich entgegen dem sonst üblichen Verhalten mit steigender Wellenlänge stärker gestreut. Das langwellige gelbe und rote Licht wird demnach stark gestreut, während das kurzwellige blaue Licht unser Auge erreicht. Diese Art der Streuung tritt nur auf, wenn alle Aerosolpartikel ungefähr die gleiche Größe und annähernd einen Radius von etwa 500 Nanometern haben. Und dies ist äußerst selten der Fall.

Weitere Informationen

DFG-Forschungsgruppe VolImpact (Volcanic impact on atmosphere and climate, FOR 2820)

Originalveröffentlichung
Wullenweber N., Lange A., Rozanov A., von Savigny C. (2021): „On the phenomenon of the blue sun“, in: Climate of the Past, 17, 969–983. Research highlight.

Ansprechpartner
Prof. Dr. Christian von Savigny


In Greifswald ist das Fahrrad das beliebteste Verkehrsmittel für den Arbeitsweg

Fahrräder am Berthold-Beitz-Platz - Foto: Till Junker
Das Fahrrad ist ein beliebtes Verkehrsmittel in Greifswald. ©Till-Junker, 2018
Karte zur Herkunft Greifswalder Arbeitnehmer*innen - Abbildung: Oliver Klein
Woher kommen Greifswalder Arbeitnehmer*innen? ©Oliver-Klein, 2021

Wie viel Pendelverkehr hat unsere Stadt täglich zu bewältigen? Welche Verkehrsmittel werden auf dem Weg zur Arbeit genutzt? Wie können wir unsere Mobilität nachhaltig gestalten? Welche Herausforderungen und Lösungen wird es in Zukunft geben? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Initiative „MobilitätsWerkStadt 2025“, an der sich die Stadt Greifswald als eine von deutschlandweit 50 Kommunen beteiligt hat. Hintergrund sind die seit Jahren steigenden Pendlerzahlen und ein daraus resultierendes erhöhtes Verkehrsaufkommen, insbesondere im Bereich des Pkw-Verkehrs. Dies beeinträchtigt die Aufenthalts- und Lebensqualität in der Stadt Greifswald zunehmend. Mit Hilfe eines forschungsbasierten Ansatzes zielt die „MobilitätsWerkStadt“ auf die Entwicklung und experimentelle Umsetzung von nachhaltigen Mobilitätskonzepten auf kommunaler Ebene. Die wissenschaftliche Begleitung der 15-monatigen Konzeptphase des „Modellprojektes Greifswald“ lag in den Händen von Professorin Dr. Christine Tamásy und von Dr. Oliver Klein am Lehrstuhl Humangeographie an der Universität Greifswald. Das Projekt wurde von den studentischen Hilfskräften Lukas Klische, Konrad Nemitz und Carry Ann Witthohn tatkräftig unterstützt.

Im Mittelpunkt stand eine umfangreiche Befragung von Greifswalder Arbeitnehmer*innen. Insgesamt 2455 Personen haben sich zwischen dem 6. August und dem 13. September 2020 an der Umfrage beteiligt. Wertvolle Erkenntnisse hinsichtlich Arbeitsweg, Verkehrsmittelwahl, Parkverhalten, ÖPNV-Nutzung und so weiter konnten daraus erlangt werden. Auch wurden die Veränderungsbereitschaft bei der Wahl des Verkehrsmittels sowie mögliche Potenziale von nachhaltige(re)n Mobilitätskonzepten wie beispielsweise Park & Bike oder Car-/Bike-Sharing ausgelotet. Zwei Drittel der Befragten wohnen im Greifswalder Stadtgebiet, circa 13 Prozent im Stadt-Umland-Raum, vorwiegend in Gemeinden, die an Greifswald grenzen. Die übrigen 20 Prozent wohnen außerhalb des Stadt-Umland-Raums. Die Ergebnisse der Stichprobe zeigen unter anderem, dass das Fahrrad für den Arbeitsweg am häufigsten genutzt wird. 45 Prozent der Befragten fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit. Den Pkw nutzen 42 Prozent der Befragten. Insofern kann Greifswald nicht zu Unrecht als „Stadt der kurzen Wege“ oder „Fahrradstadt“ bezeichnet werden. 7 Prozent der Befragten können zu Fuß zur Arbeit gehen. Bahn und Bus spielen in Greifswald kaum eine Rolle. Nur 2 Prozent der Befragten nutzen die Bahn und 1,5 Prozent den Bus. Der häufigste Grund ist die ungünstige ÖPNV-Anbindung des Wohnortes. Hier liegen also noch Potenziale im Sinne einer nachhaltigen Mobilitätsentwicklung, vor allem da ein nicht unerheblicher Teil der Befragten den ÖPNV grundsätzlich nutzen würde. Darüber hinaus gab es viel Zuspruch für innovative Konzepte, wie beispielsweise Park & Bike-Stationen, die vereinzelt schon in Planung sind, oder E-Bike- und Lastenrad-Sharing.

Neben der Befragung wurde eine umfangreiche Datenauswertung durchgeführt. Zentrale Grundlage waren die jährlichen Pendlerstatistiken der Bundesagentur für Arbeit. Danach werden täglich fast 13 000 Einpendler*innen und rund 6500 Auspendler*innen gezählt. Die meisten Einpendler*innen kommen aus der Hansestadt Stralsund (918 Personen), der Stadt Wolgast (514) sowie den Gemeinden Süderholz (510), Sundhagen (480), Neuenkirchen (478) und Weitenhagen (420). Die Daten zeigen jedoch, dass die Pendlerzahlen aus den Stadt-Umland-Gemeinden seit etwa zehn Jahren leicht rückläufig sind, während immer mehr Pendler*innen aus weiter entfernt liegenden Kommunen in Greifswald arbeiten. Das Einzugsgebiet des Greifswalder Arbeitsmarktes hat sich also vergrößert. Die verschiedenen Datensätze wurden mit Hilfe von ArcGIS kartografisch aufbereitet und visualisiert. Gemeinsam mit den Befragungsergebnissen liefern diese Analysen eine wichtige Grundlage für die zukünftige Mobilitätsplanung in Greifswald.

Zum Abschluss des Projektes fand am 25. März 2021 ein öffentliches Online-Symposium statt, wobei die Forschungsergebnisse sowie die weiteren Planungen der Stadt Greifswald vorgestellt und diskutiert wurden. Mit mehr als 70 zugeschalteten Gästen traf die Veranstaltung, die vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) moderiert und begleitet wurde, auf reges Interesse. Die Teilnahme an der „MobilitätsWerkStadt 2025“ und die dadurch initiierten Prozesse sind ein weiterer wichtiger Schritt, um das erklärte Ziel der Stadt Greifswald zu erreichen, den Pkw-Verkehr sowie die verkehrsbedingten Schadstoff- und Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren. Dafür ist es wichtig, den Umweltverbund weiter zu stärken, den ÖPNV attraktiver zu gestalten und den Zugang zur städtischen Mobilitätsinfrastruktur zu verbessern, insbesondere in Bezug auf die bestehenden Stadt-Umland-Verflechtungen. Ein kontinuierlicher Dialog mit verschiedenen Stakeholdern sowie der Greifswalder Bevölkerung kann diese Aufgaben begleiten.

Informationen zum Stadtradeln

Noch bis zum 21 Mai 2021 können Kilometer beim Wettbewerb Stadtradeln gesammelt werden. Am 1. Juni geht es dann gleich mit der nächsten Herausforderung weiter, der ABC-Challenge. Während beim Stadtradeln verschiedene Kommunen gegeneinander antreten, radeln beim ABC-Radeln Hochschulen weltweit gegeneinander. Ziel beider Wettbewerbe ist, möglichst viele Kilometer per Rad zurückzulegen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren und sich zu bewegen. www.uni-greifswald.de/radeln 

Ansprechpartner Mobilitätsstudie
Dr. Oliver Klein


Wie Elias Lönnrot die Flöte neu erfand – Ein Fakt der Woche zum 30. Nordischen Klang 2021

Abb.: Elias Lönnrot, Brief an J. F. Cajan, 01.01.1837. Konzept und Reinschrift, pilliä und valminaa unterstrichen. Quelle: Elias Lönnrotin kirjeenvaihto. Online-Edition. SKS/SLS. Entnommen aus: Benjamin Schweitzer: Musikinstrumentenbezeichnungen im Finnischen: Historisch-systematischer Überblick, Varianten und Verstetigung. MA-Arbeit, Greifswald 2019.
Abb.: Elias Lönnrot, Brief an J. F. Cajan, 01.01.1837. Konzept und Reinschrift, pilliä und valminaa unterstrichen. Quelle: Elias Lönnrotin kirjeenvaihto. Online-Edition. SKS/SLS. Entnommen aus: Benjamin Schweitzer: Musikinstrumentenbezeichnungen im Finnischen: Historisch-systematischer Überblick, Varianten und Verstetigung. MA-Arbeit, Greifswald 2019.

Die finnische Sprache erlebte im 19. Jahrhundert einen rasanten Aufschwung. Teils war dies Ausdruck des finnischen Nationalbewusstseins, teils aber auch eine schlichte Notwendigkeit: Es mussten finnische Bezeichnungen für viele kulturelle, technische und wissenschaftliche Begriffe und Gegenstände gefunden werden. Auch für das heute so renommierte finnische Musikleben wurden wichtige Grundlagen in dieser Zeit geschaffen, und entsprechend brauchte man eine finnische Musikterminologie. Benjamin Schweitzer, Doktorand am Institut für Fennistik und Skandinavistik, hat sich in seiner Masterarbeit mit einem sehr interessanten und lebendigen Bereich davon beschäftigt, nämlich den Bezeichnungen für die Instrumente des „klassischen“ Orchesters. Eines der wichtigsten Ergebnisse seiner Arbeit war, dass dieses Untergebiet viele Entwicklungen der finnischen Kultursprache quasi in Miniaturform abbildet. Dazu gehörten auch viele gescheiterte Versuche, neue Bezeichnungen zu prägen. Durch einen Textvergleich konnte Schweitzer z. B. auf den Tag genau nachweisen, wann Elias Lönnrots Vorschlag eines neuen Wortes für „Flöte“ entstand: In der Abbildung sieht man, wie im Entwurf (oben) eines Briefes an einen Freund noch das alte finnische pilli steht, in der Reinschrift (unten) seine Erfindung valmina. Obwohl Lönnrot ein begeisterter Flötenspieler und einflussreicher Sprachschöpfer war, wurde die Bezeichnung nie heimisch; die Flöte heißt auf Finnisch heute wie schon seit Jahrhunderten pilli oder huilu.

Passend zu diesem finnisch-musikalischen Forschungsthema hat Finnland in diesem Jahr die Schirmherrschaft des Nordischen Klangs inne. Im Sommer will das Festival, das eng mit dem Institut für Fennistik und Skandinavistik verbunden ist, wieder vor Ort in Greifswald unter freiem Himmel Musik aus Nordeuropa erlebbar machen. Mit Suistamon Sähkö und Antti Paalanen werden dann beispielsweise die irrwitzigsten und bahnbrechendsten Acts erwartet, die die finnische Folktronica zu bieten hat. Bevor es aber soweit ist, startet der 30. Nordische Klang im Mai erst einmal mit einem digitalen Festivalprogramm ins Jubiläumsjahr. Bis zum 22. Mai gibt es online eine bunte Auswahl aus Lesungen, Vorträgen, Musikbeiträgen und einem nordischen Spielfilm zu entdecken. Weitere Infos unter https://nordischerklang.de/programm-2021.

Ansprechpartner 
 Benjamin Schweitzer

Masterarbeit


Für eine Auseinandersetzung mit Verschwörungsmythen im Geschichtsunterricht

Verschwörungserzählungen haben das Potential zur Demokratiegefährdung. ©Jannik-Zoubeck, 2019
Verschwörungserzählungen haben das Potenzial zur Demokratiegefährdung. ©Jannik-Zoubek, 2019

Sechs gute Gründe
Die Beschäftigung mit Verschwörungsglauben im Geschichtsunterricht, der sich den Paradigmen des Historischen Lernens verpflichtet fühlt, ist eine Selbstverständlichkeit. Es gibt gute Gründe, sich in der Ausbildung von angehenden Lehrer*innen mit Verschwörungstheorien aus geschichtswissenschaftlicher, didaktischer und methodischer Perspektive zu beschäftigen.

  1. Inhaltsorientierung: Abseits der Tatsache, dass es tatsächliche Verschwörungen in der Vergangenheit gab, entstehen Verschwörungserzählungen im Zusammenhang mit historischen Ereignissen. Die Französische Revolution oder die Entstehung der USA wird beispielsweise mit den Freimaurern in Verbindung gebracht. Der Angriff auf Pearl Harbour 1941 oder die Angriffe auf die Twin-Towers 2001 werden in Verschwörungskreisen als Machwerk der US-Regierung bezeichnet.
  2. Geschichtsbewusstsein: Verschwörungserzählungen sind wirkmächtige Fiktionen und Imaginationen, die das individuelle und das kollektive Geschichtsbewusstsein intensiv prägen können. Lernende sollen zwischen fiktionalem und reflektiertem Geschichts- und Politikbewusstsein unterscheiden lernen.
  3. Geschichtsbilder sind stabilisierte Gefüge von historischen Vorstellungen einzelner Personen oder ganzer Gruppen über die Vergangenheit. Sie lassen sich im Rahmen von Geschichtspolitik sehr gut und einfach instrumentalisieren. Verschwörungslegenden beinhalten oft problematische Geschichtsbilder und Welterklärungen, die im politischen Bereich verheerende Wirkung entfalten können. Die Nationalsozialisten sprachen von einer jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung, im arabisch-islamischen Raum speist sich der weit verbreitete strukturelle Antisemitismus aus Elementen des Verschwörungsglaubens. Zentral ist hier bis heute die fiktionale Konstruktion der so genannten „Protokolle der Weißen von Zion“, die im Dunstkreis des russischen Geheimdienstes Ende des 19. Jahrhunderts auf nicht vollständig geklärte Art und Weise entstanden sind.
  4. Funktion von Geschichte: Geschichte ist Narration und Konstruktion. Sie dient der Orientierung, Identitäts- und Sinnbildung des Individuums oder der Gesellschaft respektive Teilen davon. Verschwörungserzählungen sind problematische, bisweilen auch gefährliche Bestandteile dieser Funktionen von Geschichte.
  5. Geschichtskultur: Heute begegnen Schüler*innen Geschichte außerhalb der Schule vor allem in Form von geschichtskulturellen Produkten. Die Begegnungen finden primär im Netz statt. Hier sind Verschwörungserzählungen auch ein bei Schüler*innen beliebtes Thema. Verschwörungserzählungen bedienen die imaginative, fiktionale, ästhetische, inszenierte, kontrafaktische und diskursive Verarbeitung von Geschichte. Diese Formen der Manipulation gilt es, im Historischen Lernen im Idealfall zu erkennen.
  6. Demokratiepolitische Dimension: Verschwörungserzählungen haben das Potential zur Demokratiegefährdung. Historische und politische Bildung leisten im schulischen Kontext einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt und zur Festigung einer freiheitlich demokratischen Grundordnung. Diese normative Vorgabe evoziert geradezu die Beschäftigung mit Verschwörungserzählungen im historisch-politisch bildenden Unterricht.

Ist ein Scheitern vorprogrammiert?
Eines der zentralen Ziele von Geschichtsunterricht ist die Dekonstruktion von fertigen Narrationen. Dieser Anspruch gelingt aber bereits abseits von Verschwörungserzählungen selten, da das Meinen, Annehmen und Glauben oftmals mächtiger ist, als der rationale Zugang zur Welt. Es ist daher im Rahmen des Historischen Lernens wenig verwunderlich, wenn es zur Ablehnung von Dekonstruktionsprozessen auch beim Thema „Verschwörungstheorien“ kommt. Der primäre Sozialisationsprozess von Schüler*innen ist sehr wirkmächtig, das zeigen beispielsweise die fiktiven und imaginierten Vorstellungen zur Religion. Die Resilienz gegenüber Strategien der Beweisführung und einem aufklärerischen Impetus sind vor allem bei denjenigen Lernenden zum Scheitern verurteilt, die bereits überzeugte Anhänger*innen von „Verschwörungstheorien“ sind.

Die digitale Welt verstärkt die Möglichkeiten, sich mit Irrationalitäten zu befassen und dies in der Form ständiger Verfügbarkeit, Abrufbarkeit und stets in aktualisierter Form. Es darf daher im Rahmen von schulischen Lehr-Lern-Settings nicht verwundern, wenn Schüler*innen mit Ablehnung darauf reagieren, „Verschwörungstheorien“ als solche zu erkennen und zu dekonstruieren. Schüler*innen gehen dann etwa in die innere Emigration und verweigern die Teilnahme am Unterricht. Andere suchen sich Verbündete im Unterrichtsgeschehen, um gegen die Versuche der Dekonstruktion mit Gegenbeweisen vorzugehen. Tatsächliche Verschwörungsgläubige unter den Schüler*innen werden noch mehr an ihre Überzeugungen glauben, nachdem sie mit überzeugenden Gegenbeweisen konfrontiert wurden. Ein Infrage stellen der Glaubwürdigkeit von Lehrenden kann als Strategie zur Anwendung kommen. „Woher wissen Sie denn das?“ kann Lehrende mehr als nur herausfordern. Dass Schüler*innen auf eine Erschütterung ihrer Identität ablehnend, mit Abwehr und irrational reagieren, liegt auf der Hand und sollte weder verwundern, noch davon abhalten, derartige Lehr-Lern-Settings immer wieder zum Einsatz zu bringen.

Für die Entwicklung von Lehr-Lern-Settings zu ausgewählten Beispielen von Verschwörungserzählungen sind daher folgende Grobziele stets zu berücksichtigen:

  • Schüler*innen sollen Merkmale und Kategorien von Verschwörungserzählungen ermitteln können.
  • Schüler*innen sollen die problematischen Aspekte von „Verschwörungstheorien“ nennen und erkennen können.
  • Schüler*innen sollen jene Fähigkeiten erwerben, die es ihnen ermöglichen, selbst zwischen Verschwörungserzählungen und Nicht-Verschwörungstheorien zu unterscheiden.
  • Schüler*innen sollen Funktion und Bedeutung von „Verschwörungstheorien“ beurteilen und bewerten können.
  • Schüler*innen sollen die eigene Anfälligkeit für Verschwörungslegenden reflektieren lernen.

Im Rahmen der fachdidaktischen Ausbildung sind Studierende daher auf diese zweifelsohne herausfordernde Situation insofern vorzubereiten, dass sie sich der Schwierigkeiten und potentiellen Widerstände bewusst sind. Rezepte für diese Themen kann es natürlich nicht geben. Sie sollen aber ein Handlungsrepertoire kennen lernen, das sie in Hinblick auf die rechtliche, pädagogische und methodisch-didaktische Facette beim Unterricht von Verschwörungsglauben unterstützen soll. Das ist zumindest der Anspruch des Fachbereichs der Geschichtsdidaktik am Historischen Institut der Universität Greifswald.

Weitere Informationen

Ansprechpartner
Alfred Germ

 


Mit einer Röntgenquelle auf der Suche nach Arzneimitteln gegen das Corona-Virus SARS-CoV-2

Der Probenhalter (links) dreht die Probe im Röntgenlicht aus dem PETRA III-Beschleuniger. Mit Hilfe vieler Streubilder aus verschiedenen Richtungen kann man die Molekülstruktur des Protein-Wirkstoff-Komplexes berechnen. ©Christian-Schmid-DESY, 2021
Molekülstruktur des aktiven Zentrums der Main Protease von SARS-CoV-2 (hellblau) mit gebundenem Inhibitor Calpeptin. Der Sauerstoff ist rot, Stickstoff blau und Kohlenstoff grün dargestellt. Protein Data Bank code 7AKU. ©Winfried-Hinrichs, 2021

Auf die Corona-Pandemie hat die Forschung mit immensen Anstrengungen reagiert. In bisher unerwartet kurzer Zeit wurden Impfstoffe gegen das Corona-Virus SARS-CoV-2 entwickelt. Damit nicht oder unzureichend geimpfte Patient*innen besser vor den Folgen einer Infektion geschützt sind, braucht es Medikamente, die verhindern, dass der Virus sich im Körper ausbreitet. Die medikamentöse Behandlung von viralen Infektionen richtet sich gegen alle biochemischen Prozesse der Infektion und der Vermehrung des Virus im menschlichen Körper.

Wie vermehrt sich das Virus?
Nachdem das Virus in eine Körperzelle eingedrungen ist, zwingt es die Wirtszelle, lange Proteinketten herzustellen. Deren Aminosäuresequenz ist durch das Erbgut (Genom) der Corona-Viren festgelegt. Das Genom des Corona-Virus besteht aus einem RNA-Strang. Die lange Proteinkette enthält eine Hauptprotease (engl. main protease). Diese löst sich aus der Kette und zerlegt sie in viele kleine Proteine. Die einzelnen Proteine können weitere Virus-Partikel produzieren. Es werden immer mehr Kopien des Virus erzeugt.

Wirkstoffe gegen Viren sind außerordentlich schwierig zu finden
Für ein wirksames Medikament müssen chemische Verbindungen (Virostatika) gefunden werden, die an den Proteinen binden. Nur so kann die Vermehrung des Virus unterbrochen werden. Ein verlockendes Ziel für die Forschung ist die Hauptprotease.
In Hamburg haben die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Christian Betzel am Institut für Biochemie und Molekularbiologie der Universität Hamburg und die Arbeitsgruppe von Dr. Alke Meents am Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY eine Zusammenarbeit initiiert und ein Forschungsprojekt organisiert, an dem fast 30 Institutionen beteiligt waren. Die Universität Greifswald war mit den ehemaligen Absolventinnen aus der Biochemie Julia Lieske (Diplom-Biochemie, 2007, jetzt DESY) und Nadine Werner (M.Sc. Biochemie, 2015, Universität Hamburg) indirekt beteiligt. Beide waren in der früheren Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Winfried Hinrichs, der seine Expertise in der Biokristallographie, Molekulare Strukturbiochemie und Enzymologie eingebracht hat. Die Ergebnisse der Studie wurden im April 2021 im Wissenschaftsmagazin Science online veröffentlicht. 102 Autor*innen waren an der Veröffentlichung beteiligt.
In der Studie wurden etwa 6000 bereits für die Behandlung anderer Krankheiten zugelassene Wirkstoffe mit Hilfe der Biokristallographie untersucht. Dazu wurden die Wirkstoffe in einem ersten Schritt zusammen mit der Hauptprotease kristallisiert. Mit Hilfe von Röntgendiffraktion wurden im Anschluss deren atomare Strukturen sichtbar gemacht. Dafür wurde die Röntgenlichtquelle PETRA III am DESY eingesetzt.
Mit dem Verfahren wurden 37 Wirkstoffe identifiziert, die an der Hauptprotease des SARS-CoV-2-Virus binden. Sieben dieser Stoffe wirkten antiviral und waren außerdem gut zellverträglich. Das ist eine unerwartet hohe Zahl. Zwei der Wirkstoffe eignen sich sogar für präklinische Untersuchungen – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem anwendbaren Medikament, bei dem die molekulare Struktur dieser Wirkstoffe optimiert wird.

Weitere Informationen
Günther S., Reinke P. Y. A. et al. (2021): X-ray screening identifies active site and allosteric inhibitors of SARS-CoV-2 main protease, in: Science. DOI: 10.1126/science.abf7945

Ansprechpartner an der Universität Greifswald
Prof. Dr. Winfried Hinrichs

 


Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Milchproduktion unserer heimischen Kühe aus?

MilchkuhMilchkuh ©Nordlicht/FBN
Milchkuh ©Nordlicht/FBN

Wenn Futter verdaut und verstoffwechselt wird, entsteht Wärme im Körper. Diese Wärme muss über die Körperoberfläche wieder abgegeben werden. Dies geschieht entweder passiv oder unterstützt durch Schwitzen oder Hecheln. Kann nicht genug Wärme abgeführt werden, kommt es zur Hyperthermie. Die Körpertemperatur steigt an. Umgebungstemperaturen höher als 15 bis 20 Grad Celsius erschweren die Wärmeabgabe einer Kuh. Aufgrund des Klimawandels liegen die Sommertemperaturen immer deutlicher über diesem Wert. Temperaturen von über 30 Grad Celsius werden zudem immer häufiger gemessen. Unsere Milchkühe haben dann Schwierigkeiten, die Verdauungs- und Stoffwechselwärme an die Umgebung abzugeben. Um die Wärmebildung im Körper zu reduzieren, fressen sie weniger Futter. Dadurch geht die Milchleistung etwas zurück.

Die Tiere passen sich den hohen Umgebungstemperaturen an. Dies beginnt bereits im Mutterleib und setzt sich in den ersten Monaten nach der Geburt fort. Kälber, die im Sommer geboren werden, geben später weniger Milch. Leiden erwachsene Milchkühe unter akutem Hitzestress, wird unter anderem ihr Immunsystem aktiviert. Das kostet sehr viel Energie und kann den allgemeinen Gesundheitszustand der Tiere schwächen. Ziel sollte also sein, akuten Hitzestress bei unseren Tieren zu minimieren: Schattenplätze, eine ausreichende Frischluftzufuhr und Luftzirkulation sowie kalte Duschen können Abhilfe leisten.

Es ist wichtig, die Prozesse, die im Körper einer Milchkuh bei Hitze ablaufen, besser zu verstehen. Forschende der Universität Greifswald und des Leibniz-Instituts für Nutztierbiologie (FBN) haben die Ursachen für die Anpassungsvorgänge im Körper unserer Kühe genauer untersucht. Die Tiere wurden vier Tage bei 28 Grad Celsius in einer speziell dafür erbauten Klimakammer gehalten. Die Vergleichsgruppe wurde bei 15 Grad Celsius gehalten. Diese Gruppe erhielt die gleiche Futtermenge, die auch die hitzegestressten Kühe aufgenommen haben. Mit dem Versuchsdesign konnten die Forschenden unterscheiden, ob die Anpassungsvorgänge im Körper der Kühe auf die erhöhten Umgebungstemperaturen oder auf die damit einhergehende verringerte Futteraufnahme zurückzuführen sind.

Derzeit arbeiten die Forschenden an der Frage, wie Fütterung gestaltet sein muss, damit die Immunreaktion begrenzt wird und weniger Wärme im Körper entsteht.  

Weitere Informationen
Eslamizad M., Albrecht D., Kuhla B. (2020): The effect of chronic, mild heat stress on metabolic changes of nutrition and adaptations in rumen papillae of lactating dairy cows, in: Journal of Dairy Science. https://doi.org/10.3168/jds.2020-18417

Ansprechpartner
Dr. Dirk Albrecht


Die Wissower Klinken in 3D

3D-Modell der Wissower Klinken ©Anna-Gehrmann, 2021
3D-Modell der Wissower Klinken ©Anna-Gehrmann, 2021

Die Wissower Klinken auf der Insel Rügen sind eines der bekanntesten Motive von Caspar David Friedrich und heute eines der beliebtesten Fotomotive bei Rügentouristen. Die Geologen der Universität Greifswald haben von diesen Kreidefelsen jetzt ein 3D-Modell erstellt und präsentieren es der Öffentlichkeit. Der Abschnitt der Wissower Klinken ist ein sogenannter Aufschluss. Solche Stellen sind für Geologen besonders interessant, da sie hier das Gestein direkt betrachten und untersuchen können, Strukturen sehen und Proben entnehmen können. An den Wissower Klinken lässt sich zudem beobachten, wie die Natur ständig an der Steilküste nagt. Vor über 15 Jahren brach ein großes Stück der damals noch viel höheren Wissower Klinken ab. Solche Küstenabbrüche sind an Steilküsten etwas völlig Normales. Die Drohnen erlauben es nun, Stellen mit sehr hoch aufgelösten Fotos zu dokumentieren, die man ohne die Drohne nur unter größten Schwierigkeiten und mit viel Klettererfahrung erreichen könnte. Werden solche Beobachtungen über mehrere Jahre hinweg wiederholt, ist man vielleicht in der Lage drohende Küstenabbrüche frühzeitig zu erkennen.

Das 3D-Modell wurde mithilfe von Drohnenüberflügen an der Kreideküste angefertigt. Die Steilküste wurde dabei aus vielen verschiedenen Blickwinkeln und Höhen fotografiert. Markierungspunkte am Boden wurden mit einem stationären GPS-Gerät auf wenige Zentimeter genau eingemessen, um damit das 3D-Modell zu georeferenzieren. Das erlaubt das Modell in andere 3D-Plattformen wie beispielsweise Google Earth einzubinden. Aus den bei den Drohnenflügen gewonnenen hunderten von Bildern errechnet ein Programm ein 3D-Bild des Aufschlusses, das am Computer interaktiv von allen Seiten betrachtet werden kann. Die Drohnenaufnahmen haben Dr. Anna Gehrmann und Prof. Dr. Martin Meschede unter Mithilfe einiger studentischer Mitarbeiter*innen vom Institut für Geographie und Geologie vorgenommen. Die Ausarbeitung des 3D-Modells hat im Wesentlichen Anna Gehrmann durchgeführt.

Das dreidimensionale Modell ist Teil eines bundesweit angelegten Projektes unter der Schirmherrschaft der Deutschen Geologischen Gesellschaft – Geologische Vereinigung (DGGV). Die DGGV ist eine der ältesten deutschen Wissenschaftsvereinigungen, die anlässlich ihres 175-jährigen Jubiläums im Jahr 2023 das Projekt „30 Geotope³“ initiiert hat. Hier werden seit Februar 2021 jeden Monat Geotope und Aufschlüsse präsentiert, die mit Hilfe von Drohnen, 360°-Kameras, Laserscannern und differentiellem GPS dreidimensional aufgenommen wurden, um daraus 3D-Modelle zu erstellen. Mit ausführlichem Informationsmaterial ausgestattet werden diese Modelle dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Universität Greifswald ist an diesem Projekt beteiligt.

Die Serie startete mit dem Teufelstisch im Dahner Felsenland in der Pfalz, im März 2021 folgte der Dohlenstein bei Jena. Es soll mit diesen 3D-Darstellungen deutlich gemacht werden, dass Aufschlüsse die primären Informationsquellen in der Geologie sind und wie diese mit modernen Methoden dokumentiert werden können. Alle im Rahmen des Projektes aufgenommen Daten werden frei zugänglich zur Verfügung gestellt.

Ausführliche Informationen zu diesem Projekt und sämtliche bisher erstellten 3D-Darstellungen mit weitergehenden Informationen zur Geologie und zur Herstellung der Modelle sind auf der Webseite www.digitalgeology.de zu finden. In der Galerie werden die 3D-Modelle abgelegt und jeden Monat wird mindestens eines dazukommen.

Für weitere Informationen stehen Dr. Anna Gehrmann und Prof. Dr. Martin Meschede (derzeit Vizepräsident der DGGV) vom Lehrstuhl für Regionale Geologie | Strukturgeologie der Universität Greifswald zur Verfügung.


Wo die richtigen Fragen Leben retten können: Notfallkommunikation auf Polnisch

Nachbarsprachen retten Leben
Nachbarsprachen retten Leben ©Grzegorz Lisek, 2019

Wer in ein Notfallsituationen Leben retten will, der muss die richtigen Fragen stellen können. Rettungskräfte in unserer Region können auf beiden Seiten der deutsch-polnischen Grenze tätig sein. Sie müssen die richtigen Fragen also auch auf Polnisch stellen und darauf angemessen reagieren können. Welche sprachlichen Hilfsmittel benötigen Rettungskräfte? Wie müssen Sprachtrainings aussehen, damit Rettungskräfte im Notfallsituationen Leben retten können? Antworten darauf haben Forschende der Universität und Universitätsmedizin Greifswald gemeinsam mit verschiedenen Rettungsdiensten im Rahmen des jetzt abgeschlossenen interdisziplinären grenzüberschreitenden Projekts InGRiP (2017–2021) gesucht und gefunden.

InGRiP ist das Kürzel für „Integrierter grenzüberschreitender Rettungsdienst Pomerania/Brandenburg“. Ziel des Pilotprojekts war, die Zusammenarbeit der zuständigen Institutionen im grenzüberschreitenden Rettungsdienst zu stärken und zu verbessern. Dabei waren gezielte Sprachtrainings für Rettungskräfte der Region ein wesentlicher Baustein. Das am Institut für Slawistik entwickelte Trainingskonzept wurde mit polnischen und deutschen Rettungskräften erprobt und wissenschaftlich begleitet. Die Rettungskräfte wurden sprachlich von Mitarbeiter*innen der Slawistik während Präsenzveranstaltungen sowie E-Learning-Phasen vorbereitet. Deutsche und polnische Rettungskräfte lernten zuerst separat die jeweilige Nachbarsprache, um dann gemeinsam in einem notfallmedizinischen Simulationstraining zu üben. Die Forschenden konnten somit in praxisnahen Situationen beobachten, wie die Notfallkommunikation realisiert wird.

Die notfallmedizinische Kommunikation wurde wissenschaftlich erfasst und ausgewertet. Sie führte den Projektbeteiligten erneut vor Augen, wie wichtig Polnisch als Nachbarsprache in einer Notfallsituation sein kann. Die Analyse hat verschiedene sprachliche Merkmale deutlich gemacht. So lassen sich die erfassten Äußerungen in verschiedene Sprechakte gruppieren: Assertiva, Direktiva und Expressiva.

Expressiva werden im Gespräch vor allem von Patient*innen geäußert. Diese sind unterrichtsrelevant, da die Fremdsprachenlernenden die Antworten der Patient*innen auf Polnisch verstehen und darauf angemessen reagieren sollten. Dies muss auch möglich sein, wenn Patient*innen ihren Aussagen eine emotionale Komponente hinzufügen. Aus der Untersuchung geht hervor, dass die Antworten der Patient*innen mehrheitlich verstanden werden, jedoch die Reaktion nicht immer angemessen ist.

Die Untersuchung zeigte auch, dass die von Rettungskräften gestellten Fragen eine besondere Rolle spielen. Fragen gehören meist zur Gruppe der Direktiva. Es gibt unterschiedliche Fragetypen wie

  • Informationsfragen: Co teraz panu / pani dolega? – Was fehlt Ihnen jetzt?
  • Einschätzungsfragen: Na skali od 0 do 10, jak silny to ból? – Auf der Skala von 0 bis 10, wie stark ist der Schmerz?
  • Verhaltensfragen: Brał(a) pan(i) dziś już leki? – Haben Sie heute schon ihre Medikamente eingenommen?
  • Kettenfragen: Dlaczego i kiedy był(a) pan(i) ostatni raz w szpitalu? – Wann waren Sie das letzte Mal im Krankenhaus und warum?

Sie alle sind für Notfallsituationen relevant. Ebenso relevant ist das Erlernen der Fragesequenzen, die in notfallmedizinischen Schemata wie SAMPLER und OPQRST vorkommen. Dies sind festgelegte Fragemuster, die in Notfallsituationen genutzt werden, um das Krankheitsbild zu spezifizieren und eine erste Diagnose erstellen.

Weitere Informationen
Projekt InGRiP

Literatur:

Ansprechpartner
Dr. Grzegorz Lisek


Soziale Kognition im Alter

Es braucht soziale Kognition, um die Gefühle und Gedanken anderer Menschen zu verstehen. ©Laura-Schirrmeister, 2020
Es braucht soziale Kognition, um die Gefühle und Gedanken anderer Menschen zu verstehen. ©Laura-Schirrmeister, 2020

Soziale Kognition erlaubt es, die Gefühle, Perspektiven und Gedanken anderer Menschen zu verstehen. Mit Hilfe dieser Fähigkeiten können wir geistige Prozesse anderer Personen interpretieren, erklären und manchmal sogar deren Verhalten vorhersagen. Soziale Kognition ist daher ein wesentlicher Bestandteil erfolgreicher menschlicher Interaktionen – sei es beim Plaudern mit Freunden, beim Austausch mit der Kollegin oder auf einer Familienfeier.

Allerdings kommt es im Laufe des Lebens – als Teil des normalen Alterns – oft zu einer Verschlechterung dieser Fähigkeiten. Des Weiteren ist bekannt, dass verschiedene Alterserkrankungen, wie bestimmte Formen von Demenz, zu stark ausgeprägten sozio-kognitiven Einschränkungen führen. Dies kann dazu führen, dass die Gefühle anderer Menschen nur schwer erkannt werden. Weiter sind Probleme möglich, verschiedene Perspektiven nachzuvollziehen, wenn eine Geschichte erzählt wird. Um dem vorzubeugen ist es wichtig, kognitiv und sozial aktiv zu bleiben. Beispielsweise hilft es, Hobbys innerhalb einer Gruppe auszuüben, oder in einem aktiven sozialen Netzwerk aus Freund*innen und Bekannten aktiv zu sein, in dem ein regelmäßiger Austausch stattfindet.  

Seit Anfang 2020 gehören sozial-kognitive Fähigkeiten zu den Forschungsschwerpunkten der Arbeitsgruppe „Gesundes Altern und Prävention dementieller Erkrankungen“ an der Universitätsmedizin Greifswald. Forschende untersuchen nicht nur die Folgen einer verminderten sozialen Kognition. Sie erkunden auch Möglichkeiten, dieser Verschlechterung vorzubeugen. Die Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. Marcus Meinzer untersucht mit einer Reihe von neurowissenschaftlichen Methoden gezielt,

  1. welche Bereiche sozialer Kognition im gesunden Altersprozess und bei verschiedenen Alterserkrankungen besonders stark betroffen sind,
  2. was diesen Veränderungen zugrunde liegt und
  3. ob sich betroffene Funktionen durch Intervention verbessern lassen.

In Hinblick auf unsere älter werdende Gesellschaft wird es immer wichtiger, Wege zu finden, wie wir sozio-kognitive Fähigkeiten möglichst lange erhalten können, um älteren Menschen eine lange und aktive Teilnahme am sozialen Leben zu ermöglichen. Dazu möchte das Meinzer Lab mit seiner Forschung einen Beitrag leisten.

Ansprechpartner*innen
Prof. Marcus Meinzer
Dr. Mandy Roheger


Die heimlichen Klimahelden – Bodenbakterien binden Methan aus der Atmosphäre und schützen so das Klima

Im Waldboden wird ungefähr doppelt so viel Methan gespeichert als in Grünlandböden. ©Jan-Meßerschmidt, 2020
Im Waldboden wird ungefähr doppelt so viel Methan gespeichert als in Grünlandböden. ©Jan-Meßerschmidt, 2020

Methan ist als Treibhausgas etwa 25-mal wirksamer als Kohlendioxid und damit bedeutend für die Entwicklung des Klimas. Die Konzentration von Methan in der Atmosphäre hat seit Beginn des Industriezeitalters um 150 Prozent zugenommen. Mehr als ein Drittel der globalen Emissionen des Klimagases stammt aus sauerstoffarmen Böden. Gut durchlüftete, sauerstoffreiche Böden sind dagegen eine wichtige Senke für Methan. In diesen Böden fühlen sich methanotrophe Bakterien wohl. Sie nutzen Methan für ihre Energiegewinnung – fressen quasi das Klimagas. So wird das Gas aus der Atmosphäre entfernt und im Boden gebunden.

Eine intensive Bewirtschaftung von Grünland und Wäldern kann die Aktivität dieser Bakterien hemmen, wodurch weniger Methan von den Bodenbakterien oxidiert wird. Welchen Einfluss haben Intensität und Art der landwirtschaftlichen Nutzung von Grünland- und Waldböden auf die Anzahl und Vielfalt von methanfressenden Bakterien in Böden? Wie wirkt sich dies auf die Methanoxidationskapazität von Boden aus?

Dies haben Forschende der Universitäten Greifswald und Hohenheim sowie des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg anhand von rund 300 verschiedenen Wald- und Grünlandböden aus verschiedenen Regionen Deutschlands untersucht. Sie fanden heraus: Wälder sind eine wichtige und stabile Senke für Methan. Unterschiedliche physikalisch-chemische Bodenbedingungen und die Art der Waldbewirtschaftung wirken sich kaum auf die Methansenkenfunktion von Waldböden aus. Die Fähigkeit von Grünlandböden, Methan aus der Atmosphäre zu entfernen, hängt deutlich stärker von standortspezifischen Bodeneigenschaften ab. Eine intensive landwirtschaftliche Nutzung von Grünlandböden wirkt sich in fast allen untersuchten Böden negativ auf die Methansenkenkapazität der Böden aus, und besonders schädlich ist Düngung.

Wichtig für die Aktivität der methanfressenden Bakterien in Wäldern und Grünland ist auch die Lagerungsdichte des Bodens. Je kompakter ein Boden ist, desto schlechter funktioniert der Luftaustausch zwischen Atmosphäre und Boden. Den Bakterien fehlt dann auch Methan. Ihr Stoffwechsel wird heruntergefahren. Dies mindert Aktivität und Anzahl der Bakterien. So wird weniger Methan aus der Atmosphäre im Boden gebunden.

Eine weniger intensive landwirtschaftliche Nutzung sowie Aufforstung kann die Senkenfunktion der untersuchten Wald- und Grünlandböden erhöhen und das Klima schützen.

Weitere Informationen
Medieninformation „Methanfressende Bakterien in Böden – heimliche Helden im Kampf gegen den Klimawandel

Ansprechpartner
Prof. Dr. Tim Urich


Das Grabinventar des Herzogsgrabes von Alt Reddevitz auf Rügen

Ein eisenzeitliches – also mehr als 2000 Jahre altes – Urnengefäß, welches 1823 zusammen mit weiteren Urnen, Beigefäßen und Leichenbrand auf einem Urnengräberfeld bei Neuenkirchen (bei Greifswald) ausgegraben wurde. ©Manuel-Vojtech, 2010
Ein eisenzeitliches – also mehr als 2000 Jahre altes – Urnengefäß, welches 1823 zusammen mit weiteren Urnen, Beigefäßen und Leichenbrand auf einem Urnengräberfeld bei Neuenkirchen (bei Greifswald) ausgegraben wurde. ©Manuel-Vojtech, 2010
Bearbeiteter Bernstein von einem Fundort bei Alt Reddevitz. Abgebildet sind eine Doppelaxt, drei Röhrenperlen und ein Bernsteinfragment. Die Funde stammen aus der Jungsteinzeit (3000 v. Chr.). ©Anne-Dombrowsky, 2020
Bearbeiteter Bernstein von einem Fundort bei Alt Reddevitz. Abgebildet sind eine Doppelaxt, Röhrenperlen und ein Bernsteinfragment. Die Funde stammen aus der Jungsteinzeit (3000 v. Chr.). ©Anne-Dombrowsky, 2020

Die Sammlung vorgeschichtlicher Altertümer der Universität Greifswald lässt tief in die Vergangenheit blicken. Sie wurde 1823 gegründet und bildet heute mit ihren mehr als 50 000 Funden die gesamte pommersche Geschichte ab – von der Steinzeit bis zur Neuzeit.

Darüber hinaus beinhaltet sie die Sammlungen und Nachlässe bedeutender pommerscher Forscher wie zum Beispiel des ehemaligen Rektors der Universität, Prof. P.F. Kanngießer (1774–1833), und des ehemaligen Vorsitzenden der Gesellschaft für Pommersche Geschichte, Hugo Lemcke (1835–1925). Dank ihnen finden sich von verschiedenen Forschungsreisen auch Bronzefunde aus Italien sowie Keramik aus Mesopotamien unter den Sammlungsbeständen.

Ein herausragender Fundkomplex im Sammlungsbestand ist das Grabinventar des sogenannten Herzogsgrabes von Alt Reddevitz auf Rügen. Diese jungsteinzeitliche Megalithanlage wurde 1922–1924 sowie 1960 ausgegraben, wobei zahlreiche menschliche Skelettreste, aber auch Keramik, Feuersteinbeile, Pfeilspitzen und bearbeiteter Bernstein, beispielsweise in der Form von Doppeläxten, zutage traten.

Die Sammlung ist bis heute für die Wissenschaft und Forschung von Bedeutung. Das zeigen zahlreiche Forschungs- und Leihanfragen aus dem In- und Ausland. Zum Beispiel lässt sich anhand ihrer Funde die Entwicklung des Metallhandwerks nachvollziehen, da hier Schwerter und Beile der Bronzezeit zu finden sind, ebenso wie fein gearbeiteter Schmuck der Eisenzeit, arabische Münzen der frühmittelalterlichen Seehandelsplätze, slawische Schläfenringe und mittelalterliche Steigbügel mit Reitersporen. Zudem bieten die zahlreichen Sammlungsfunde der umfangreichen Altstadtgrabungen in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts einen detailreichen Einblick in das mittelalterliche und neuzeitliche Stadtleben Greifswalds.

Ein Teil der Sammlungsfunde ist heute für die Öffentlichkeit zugänglich und kann unter anderem in der Dauerausstellung des Pommerschen Landesmuseums betrachtet werden.

Ansprechpartnerin
Anne Dombrowsky


Könnte es Sepsis sein?

Fieber über 38 Grad, Bewusstseinsstörung, schneller Puls und Kurzatmigkeit: Dies sind Symptome einer Sepsis. ©Jan-Meßerschmidt, 2017
Fieber über 38 Grad, Bewusstseinsstörung, schneller Puls und Kurzatmigkeit: Dies sind Symptome einer Sepsis. ©Jan-Meßerschmidt, 2017

Sepsis, vielen wahrscheinlich eher als Blutvergiftung bekannt, ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Alle sieben Minuten stirbt ein Mensch in Deutschland an einer Sepsis. Häufig werden die Symptome zu spät erkannt und behandelt. Doch was macht die Erkrankung so gefährlich? Und wie kann die Behandlung verbessert werden?

Sepsis ist die schwerste Verlaufsform einer Infektion. Dabei schädigt die körpereigene Abwehrreaktion gegen die Infektion das eigene Gewebe und die eigenen Organe. Die Erkrankung ist lebensbedrohlich und immer ein Notfall, der im Krankenhaus behandelt werden muss. Aufgrund der hohen Gefahr von Organversagen findet die Behandlung fast immer auf der Intensivstation statt.

Eine weit verbreitete Falschinformation ist, dass Blutvergiftungen vor allem nach einer Infektion mit multiresistenten Erregern im Krankenhaus auftreten. Doch in den meisten Fällen wurde die Infektion außerhalb des Krankenhauses verursacht. Prinzipiell kann Sepsis jeden treffen. Manche Gruppen wie chronisch Kranke, Neugeborene oder Menschen über 60 Jahren haben ein erhöhtes Risiko. Das Problem bei Sepsis ist, dass die Symptome anfangs oft sehr unspezifisch sind und das Wissen über die Gefahr einer Blutvergiftung in weiten Teilen der Bevölkerung nicht bekannt ist. Sie erkennen deshalb die Frühwarnzeichen nicht.

Doch auch das medizinische Fachpersonal ist häufig nicht gut genug darauf geschult, eine Sepsis zu erkennen. Patient*innen berichten, dass die Erkrankung oft zu spät erkannt wurde und dass die Diagnostik und Therapie nur mit Verzögerung begonnen wurden. Dabei ist es bei einer Sepsis sehr wichtig, dass die Diagnostik schnell beginnt und auch die Therapie parallel einsetzt. Dazu müssen unter anderem Blutkulturen angelegt werden, um den Erreger nachzuweisen.

Damit Fälle von Sepsis in Zukunft besser und schneller erkannt werden können, ist eine gemeinsame Strategie von Bundesregierung, Kostenträgern, Leistungserbringern und Selbstverwaltung nötig. Gemeinsam mit dem Aktionsbündnis Patientensicherheit, der Deutschen Sepsis Hilfe und der Sepsis Stiftung hat der Sepsisdialog der Universitätsmedizin Greifswald am 16. Februar 2021 die Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis gestartet. Dabei soll sowohl die Bevölkerung aufgeklärt und informiert als auch das medizinische Personal besser ausgebildet werden. Der Film „Sepsis. Gönn‘ dem Tod ‘ne Pause“ wurde zum gemeinsamen Start präsentiert.

Für praktizierende Ärzt*innen ist es wichtig, die unspezifischen Symptome einer Blutvergiftung möglichst früh zu erkennen, sodass sie die Ursachen der Erkrankung behandeln können. Studien zeigen, dass ein Screening bestimmter Vitalwerte dabei helfen kann, eine Sepsis zu diagnostizieren. Da nicht sicher ist, welche Parameter am besten untersucht werden sollten, ist die Empfehlung aus der Praxis, dass jede*r kritische Patient*in mit mindestens zwei der typischen Symptome als potenzielle*r Sepsis-Patient*in gelten solle. Die Kriterien sind unter anderem Fieber über 38 Grad, Bewusstseinsstörung, schneller Puls und Kurzatmigkeit. In der Therapie wird dann die Infektion möglichst schnell behandelt und der Entzündungsherd entfernt oder saniert.

Das Qualitätsmanagement-Projekt „Sepsisdialog“ der Universitätsmedizin Greifswald hat die Krankenhaussterblichkeit aufgrund von Sepsis in den letzten Jahren erheblich gesenkt. Ein „Change Management Team“ bestehend aus Ärzt*innen und Pflegekräften bietet Weiterbildungen und Schulungen an. Zusätzlich informiert die Website www.sepsisdialog.de Patient*innen und medizinisches Personal. 2017 wurde der „Sepsisdialog“ mit dem „Global Sepsis Award“ der Global Sepsis Alliance ausgezeichnet. Seit dem Sommer 2020 gibt es außerdem die SepsisAkademie mit monatlichen Online-Schulungen.

Weitere Informationen

Ansprechpartner
PD Dr. Matthias Gründling


Das Herrenhauszentrum Greifswald erforscht die Geschichte der Herren- und Gutshäuser des Ostseeraums und macht sie digital erlebbar

Virtuelle Rekonstruktion von Schloss Friedrichstein in Russland, ©Herder Institut
Virtuelle Rekonstruktion von Schloss Friedrichstein in Russland, ©Herder Institut

Herrenhäuser und auch Gutshäuser finden sich bis heute in den Ländern des Ostseeraums und darüber hinaus. Die Gebäude der meist landadligen Besitzer sollten durch ihre Bauform und ihre landschaftliche Verortung den Bauherrn in der Region sichtbar machen und zugleich als Teil der Region darin verwurzeln. Die Häuser waren häufig schon von weitem erkennbar und das Wegenetz in der näheren Umgebung war auf das Haupthaus als zentralen Fixpunkt ausgerichtet. Im Inneren vermittelten fest in der Wand verbaute Dekorationen, Sammlungen, kostbare Möbel oder Porzellan aus Fernost dem Besucher sofort den Rang des Bewohners und sorgten somit wortlos für ein standesgemäßes Miteinander.

Leider sind viele dieser Gebäude im gesamten Ostseeraum nicht mehr vorhanden oder nur noch als Ruinen wahrnehmbar. Schnell fällt auf, dass diese Häuser nur in ihrer Gesamtheit, das Gefühl vermitteln konnten, für welches sie erbaut wurden. Auch eine 3D-Rekonstruktion wie für das Herrenhaus Friedrichstein im heutigen Oblast Kaliningrad erzeugt nur ansatzweise das Gefühl jenes Zusammenspiels von Innen und Außen.

Das Herrenhauszentrum Greifswald, welches zum 1. Juni oder 1. Juli 2021 starten soll, wird sich dieser Thematik annehmen. Im dreijährigen Pilotprojekt wird ein Team aus Postdoktorand*innen und weiteren Fachleuten sowie sechs Doktorand*innen die Herrenhauslandschaft des Ostseeraums anhand ausgewählter Beispiele erforschen. Dabei liegt der Fokus auf den Jahren zwischen 1710 und 1770. Von Beginn an soll die Gesamtheit der Anlagen im Blick bleiben.

Es geht nicht darum, sämtliche Details zu rekonstruieren und bis in die letzte Furche zu ergründen, aber darum die politischen, sozialen, wirtschaftlichen Perspektiven neben den kunstwissenschaftlichen und historischen Kernbereichen zu bestimmen und für die Öffentlichkeit nachvollziehbar zu machen. Zudem werden mit neuester Technik und digitaler Unterstützung noch vorhandene Fragmente und Anlagen dokumentiert und digitalisiert, ausgewählte Objekte beziehungsweise Fragmente virtuell rekonstruiert, mittels Bodenradar Verstecktes aufgespürt und kartiert und alles auf einer später frei zugänglichen Plattform aufbereitet, zusammengefügt und präsentiert.

 

Das 3D Modell von Schloss Friedrichstein und dieses Video entstanden im Rahmen des Projekts „Virtuelle Rekonstruktionen in transnationalen Forschungsumgebungen – Das Portal: Schlösser und Parkanlagen im ehemaligen Ostpreußen“ (2013–2016 ) des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung. Die Kunstgeschichte unserer Universität war Kooperationspartner in diesem Projekt.

Bitte beachten Sie: Sobald Sie sich das Video ansehen, werden Informationen darüber an Youtube/Google übermittelt. Weitere Informationen dazu finden Sie unter Google Privacy.


Vom Brautbett in die Ewigkeit – Flurnamenforschung in Vorpommern

Flurnamen sind Bezeichnungen von Äckern, Wiesen, Weiden und Waldflächen. ©Jan_Meßerschmidt
Flurnamen sind Bezeichnungen von Äckern, Wiesen, Weiden und Waldflächen. ©Jan_Meßerschmidt

Flurnamen oder im Fachausdruck Mikrotoponyme sind Namen, mit denen landwirtschaftlich genutzte Flächen aller Art bezeichnet werden oder wurden. In erster Linie sind die Namen von Äckern, Wiesen, Weiden und Waldflächen gemeint. Oft sind diese heute schon in Vergessenheit geraten. Früher wurde damit die sprachliche Orientierung in einer noch weitgehend agrarisch geprägten Lebens- und Arbeitswelt gewährleistet. Die Fülle der vorhandenen Benennungsmotive ist nahezu unerschöpflich, weswegen auch ungewöhnliche Namen wie das Brautbett (ein Teich in Sestelin bei Greifswald) und die Ewigkeit (eine abseits liegende Parzelle auf der Insel Hiddensee) belegt sind. Deutlich profaner und wesentlich typischer für die heimische Flurnamengebung sind dagegen Flurnamen, die Hinweise auf Flora und Fauna geben. So verweist etwa die Eller Kuhl auf eine ehemals mit Erlen bestandene Senke, während der Kronskamp seinen Namen dort rastenden Kranichen verdankt.

Das Digitale vorpommersche Flurnamenbuch dokumentiert und analysiert die historisch überlieferten Flurnamen einer Region, die sprachgeschichtlich besonders durch das Nebeneinander von niederdeutschen und älteren slawischen Namenschichten geprägt ist. Im Herbst 2020 wurde die digitale Datenbank freigeschaltet. Damit werden der interessierten Öffentlichkeit die Ergebnisse eines namenkundlichen Forschungsprojekts präsentiert, das von 2016 bis 2020 am Institut für Deutsche Philologie durchgeführt wurde. Insgesamt konnten durch das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt aus unterschiedlichen Quellengattungen rund 40 000 Flurnamen erhoben werden, von denen der weitaus größte Teil bereits in die Datenbank eingepflegt worden ist.

Besonders hervorzuheben ist, dass die Datenbank sowohl für den fachwissenschaftlichen als auch für den eher heimatkundlich orientierten Zugriff zahlreiche Möglichkeiten bietet, das gesammelte Namenmaterial auf spezifische Fragen hin zu untersuchen. So sind selbstverständlich die Flurnamen aller Ortspunkte schnell und übersichtlich zu ermitteln. Interessierte können aber auch nach Grund- und Bestimmungswörtern suchen, etwas über die Beteiligung von Adjektiven und Präpositionen in Erfahrung bringen, unterschiedliche formale Bildungsweisen in den Blick nehmen, enzyklopädische Informationen abfragen, zeitliche Eingrenzungen vornehmen, slawische Namen zusammenstellen und vieles andere mehr.

Der Flurnamenforschung kommt in wissenschaftlicher Hinsicht eine Brückenfunktion zu, weil mit ihr interdisziplinäre Aspekte angesprochen sind. Mikrotoponyme besitzen nämlich nicht nur Relevanz für die Sprachwissenschaft, sie vermitteln zudem auch wertvolle Informationen besonders für die Geschichtswissenschaft, die Volkskunde und die Geografie.

Ansprechpartner
PD Dr. Matthias Vollmer


Wie vielstimmig ist unsere Geschichte? Über den Umgang mit Geschichte und Erinnerungen in der Musik unserer heutigen pluralen Gesellschaften

Wie klingt Geschichte? ©Aziza-Sadikova
Wie klingt Geschichte? – ©Aziza-Sadikova

Welche unterschiedlichen Geschichtskonzeptionen und Historiographien bestimmen das Zusammenleben in heutigen pluralen Gesellschaften mit? – Diese Frage war in den vergangenen Monaten Thema einer engagiert geführten öffentlichen Diskussion. Sie fordert dabei nicht nur zu einer Reflexion über gesellschaftsrelevante Deutungshoheiten oder adäquate Geschichts- und Erinnerungsbegriffe heraus, sondern lenkt auch den Blick auf die vielfältigen Verbindungen unterschiedlicher „Geschichten“ im lokalen Zusammenleben. Diese Verbindungen stehen seit einigen Jahrzehnten nicht zuletzt im Fokus zeitgenössischer musikalischer Produktionen, die ein breites Spektrum von der Interpretation klassischer Musik über HipHop und Rap bis hin zu Weltmusikfestivals, Chanson und Alter Musik abdecken und die im Februar 2020 in einem gemeinsamen, vom DAAD geförderten Tagungsprojekt des Instituts für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald und des Département de Musicologie der Universität Tours in Frankreich untersucht wurden.

„Geschichte“ nimmt in zeitgenössischen Musikproduktionen ganz verschiedene Bedeutungen an, die mit unterschiedlichen Funktionen und Wirkungen verbunden sind: Da gibt es Bezüge auf politik-, sozial- und kulturhistorische Ereignisse und Zusammenhänge wie den Nationalsozialismus, den Holocaust, die Französische Revolution, den Algerienkrieg oder den Mauerfall durch Musiker*innen und Komponist*innen mit Migrationserfahrungen. Auch historische Metaphern und Bilder für Interkulturalität und Mobilität wie die Seidenstraße, der Orientexpress oder der Koffer werden oft in Rapsongs, Kompositionen zeitgenössischer Kunstmusik oder Liedern angewandt. Sie alle garantieren einerseits eine Erweiterung des Rezipient*innenkreises über einzelne Minderheiten hinaus im französischen Rap, andererseits aber auch Kombinationen zeitlich heterogener Ästhetiken wie beispielsweise des mittelalterlichen Sonetts mit surrealistischen Zügen in Liedern italienischer cantautori wie Vinicio Capossela oder der Musikdramen Richard Wagners mit der Peking-Oper bei der usbekischen, in Berlin lebenden, Komponistin Aziza Sadikova. Zudem spielt die Arbeit an der Aufarbeitung historischer Zusammenhänge und ihrer Vermittlung in aktuellen Musikprojekten eine wichtige Rolle, durch die Archivmaterial, Zeitzeugenberichte oder geschichtswissenschaftliche Konzepte wie Kulturtransfer in Musik und Musikrezeption verankert werden. Nicht zuletzt rücken „Geschichten“ als Narrationen migrantischer oder transkultureller Biographien in den Vordergrund, durch die Geschichtskonstruktionen hinterfragt oder wie im Fall des weltweit aktiven türkischen Pianisten und Komponisten Fazıl Say politische Äußerungen musikkulturell übergreifend gebunden werden. Im Umgang mit Geschichte/n im gegenwärtigen Musikleben werden somit auch Zeichen einer Neuorientierung nach der fragmentierenden und theatralischen Kunst der Postmoderne sichtbar.

Weitere Informationen

Ansprechpartnerin
Prof. Dr. Gesa zur Nieden
Professorin für Musikwissenschaft


Frauen in der Forschung: Dora Benjamins Dissertation über „Die soziale Lage der Berliner Konfektionsarbeiterinnen“

Dora Benjamins (1901-1946) Dissertation an der Universität Greifswald, ©Universität Greifswald, Archiv
Dora Benjamins (1901–1946) Dissertation an der Universität Greifswald, ©Universität Greifswald, Archiv

Brandaktuell ist das Thema in den letzten Monaten wieder geworden, das die 23-jährige Dora Benjamin in ihrer 1924 abgeschlossenen Greifswalder Doktorarbeit behandelte: Es ging um Heimarbeit – derzeit als „Homeoffice“ in aller Munde – und insbesondere um deren Folgen für Mütter und ihre Kinder. Im Ergebnis betonte sie vor allem die Nachteile der Heimarbeit. Die Heimarbeiterinnen waren einer starken Belastung ausgesetzt und wurden ausgesprochen schlecht entlohnt. Außerdem hielt Benjamin fest, dass die Kinder der Heimarbeiterinnen in ihrer frühkindlichen Entwicklung litten, da sie nur selten in den Kindergarten geschickt würden, ihre Mütter ihnen aber nicht die gebührende Zeit widmen konnten.

Wie überdurchschnittlich viele der ersten Studentinnen stammte Dora Benjamin aus dem akkulturierten jüdischen Bürgertum. Während ihre Brüder Walter und Georg Benjamin Philosophie und Medizin studiert hatten, entschied sich Dora mit der Nationalökonomie für ein Studienfach, das sich dem Frauenstudium gegenüber besonders offen zeigte. Einige prominente Nationalökonomen gingen davon aus, dass Frauen für die Untersuchung von Themen, bei denen es um frauenspezifische Aspekte des wirtschaftlichen und sozialen Lebens ging, geeigneter seien als Männer. Diese Vorstellung mag auch bei Doras Themenwahl eine Rolle gespielt haben.

Das Frauenstudium selbst war aber in den 1920er Jahren bei weitem noch keine Normalität. Erst im Wintersemester 1908/09 hatte Preußen das reguläre Universitätsstudium auch für Frauen geöffnet. In den folgenden fünf Jahren lag der Frauenanteil unter den Greifswalder Studierenden bei fünf bis sieben Prozent. Bis 1918 stieg er kriegsbedingt auf 32 Prozent.

Erst 1921, als Dora Benjamin ihr Studium begann, erhielten Frauen das Recht, sich an preußischen Universitäten zu habilitieren. In Greifswald erfolgte die erste Habilitation einer Frau 1924. Akademische Karrieren blieben den Frauen jedoch in der Regel verschlossen. Auch Dora Benjamin verließ die Universität, wenngleich sie bis zu ihrem frühen Lebensende weiterhin wissenschaftlich arbeitete, sofern es ihr die Umstände erlaubten. 1933 floh sie nach Frankreich, 1942 – mittellos und schwer erkrankt – weiter in die Schweiz, wo sie 1946 einem Krebsleiden erlag.

Ansprechpartnerin
Prof. Dr. Christine G. Krüger
Inhaberin des Lehrstuhls für Allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit


Das weltweit einzige Carl-Zeiss-Doppelteleskop wird restauriert

Aufnahme hier des Teleskops noch als Kombination aus                     40 cm-Newton-Reflektor und 20 cm-Refraktor, ©Oliver Reimer
Aufnahme des Teleskops hier noch als Kombination aus 40 cm-Newton-Reflektor und 20 cm-Refraktor, ©Oliver Reimer
Verlauf des Venus-Transits durch die Sonne, ©Arne Rudnick
Verlauf des Venus-Transits durch die Sonne, ©Arne Rudnick
Fotografie des fertigen Physikalischen Instituts deutlich zu sehen die Beobachtungplattform, vor 1924. ©unbekannt
Fotografie des fertigen Physikalischen Instituts, deutlich zu sehen die Beobachtungplattform, vor 1924, ©unbekannt
Abb. 6 Bleichstiftzeichnung Physikalisches Institut,     früher im Zimmer des Institutsdirektors Alfred Rutscher. ©unbekannt
Bleichstiftzeichnung Physikalisches Institut, früher im Zimmer des Institutsdirektors Alfred Rutscher, ©unbekannt
Aufnahme des Teleskops von 2014 noch vor dem Umbau zum Cassegrain-System, ©Oliver Reimer
Aufnahme des Teleskops von 2014 noch vor dem Umbau zum Cassegrain-System, ©Oliver Reimer

Historische wissenschaftliche Leistungen
Die erste Greifswalder Sonnenbeobachtung ist für das Jahr 1465 belegt. Das damals erwähnte Phänomen der blauen Sonne, wahrscheinlich nach einem Vulkanausbruch, wird auch heute noch wissenschaftlich heiß diskutiert, unter anderem am Institut für Physik mit Christian von Savigny im Bereich der Umweltphysik.

Wissenschaftliche Höhepunkte der Greifswalder Astronomie sind die Beobachtungen der Venus-Transite von 1761 und 1769 durch die Begründer Andreas Mayer (1716–1782) und Lambert Heinrich Röhl (1733–1790). Zum damaligen Zeitpunkt waren in der westlichen Astronomie zwar die relativen Planetenabstände gut bekannt, jedoch fehlte die Kenntnis über die absoluten Abstände. Unterstützt von Astronomen, wie James Cook, und basierend auf dem Vorschlag zur Trigonometrie von Edmond Halley konnte mit den Beobachtungen von Mayer & Röhl erstmalig der absolute Abstand zwischen Sonne und Erde mit circa 150 Millionen Kilometern bestimmt werden. Alle weiteren absoluten Planetenabstände in unserem Sonnensystem lassen sich durch Einsetzen des absoluten Abstandes Sonne-Erde in die Keplerschen Gesetze berechnen.

Röhls genaue Sonnenbeobachtungen erschienen 1761. Große Beachtung fand seine Arbeit von 1768 „Merkwürdigkeiten von den Durchgängen der Venus durch die Sonne“.Als einer der Ersten vermutete er, dass die Venus eine Atmosphäre haben müsse. Die bestätigte Dan Kiselman et. al. im Jahr 2004 von der Royal Swedish Academy of Science.

Das waren große Höhepunkte der damaligen Greifswalder Astronomie in einem der ersten pan-europäischen Wissenschaftsprojekte. Beim nächsten Venus-Transit 1874 fand das Ereignis bereits unsichtbar in der Nacht vor Sonnenaufgang statt. Am 6. Dezember 1882 lag der Venus-Transit ungünstig in den Abendstunden, wobei dem Greifswalder Sternwarte e. V. derzeit keine Beobachtungsaufzeichnungen vorliegen. Kürzlich vom Verein durchgeführte Auswertungen der vom Deutschen Wetterdienst Hamburg dankenswerterweise bereitgestellten Wetterdaten für Kirchdorf/Poel, der am dichtesten gelegenen Wetterstation (circa 130 km entfernt), weisen auf schlechte Sichtbedingungen hin. Es gab eine fast vollständige Himmelsbedeckung von 7,7 (8,0 = volle Bedeckung) und eine relative Luftfeuchte von 91 Prozent.

Die nächste Beobachtung der Venus-Transite erfolgte dann erst wieder in den Jahren 2004 und 2012, unter anderem durch Vereinsgründer Holger Kersten. Damit ist Greifswald eine der wenigen Städte, in denen die Venus-Transite bisher vier Mal beobachtet werden konnten.

100 Jahre Sternwarte auf dem alten Physikalischen Institut (1924–2024)
Beginnend mit der Privatsternwarte von Andreas Mayer in der Martin-Luther-Straße 10 im Jahre 1743 haben die Greifswalder Sternwarten mehrfach den Standort gewechselt. Die letzte auf dem Pulverturm befindliche Sternwarte, am malerisch gelegenen Ryck, musste im September 1826 schließen.

Erst knapp 100 Jahre später, am 12. Juli 1924, bekommt das moderne Physikalische Institut (1888–1891) seine heutige Sternwarte. Dazu wird die bereits vorhandene für meteorologische Beobachtungen genutzte Turmplattform umgebaut unter Friedrich Krüger (1887–1940), dem damaligen Direktor des Astronomisch-Mathematischen Instituts.

Damals wurde zuerst ein 20-cm-Zeiss-Refraktor (Linsenteleskop) mit einer Brennweite von drei Metern angeschafft. Dank der Recherche von Dr. Wolfgang Wimmer vom ZEISS Unternehmensarchiv konnte aus der Serien # 11 800 B das Fertigungsjahr 1921 des leistungsstarken Objektivs E abgeleitet werden. Die Greifswalder Holzkuppel weist große Ähnlichkeiten mit der des berühmten Sonnenobservatoriums im Potsdamer Einsteinturm auf, welches nur wenige Monate später am 6. Dezember 1924, in Betrieb ging.

Moderne Physik und veränderliche Sterne
Zwischen 1835 und 1850 arbeitete in Greifswald der führende Mechanicus und Instrumentenmacher Friedrich Adolph Norbert (1806-1881), der hervorragende Mikroskope, astronomische Uhren, Quadranten und ähnliches baute. Beispielsweise benutzte der schwedische Spektroskopiker Angström eines der etwa briefmarkengroßen Norbertschen Beugungsgitter mit seinen 12 000 Rillen zum Entwickeln eines Linienatlas im Sonnenspektrum. Dieser von Anders Jonas Angström (1814–1874) entwickelte Atlas bildete lange Zeit die Grundlage zum Bestimmen der Wellenlänge. Als Norberts Nachfolger hatte sich auch Carl Zeiss aus Jena beworben. Jedoch konnte er sich mit der Universität Greifswald nicht einigen, so dass er kurze Zeit später in Jena durchstartete.

Um den damals schon berühmten Paul ten Bruggencate (1901–1961) nach Greifswald zu holen, entschließt man sich das vorhandene Teleskop um ein 40-cm-Newton-Reflektor (Spiegelteleskop, 400 / 6.400) zu ergänzen. Die Serien # 16 379 belegt das Fertigungsjahr 1934 und die Inbetriebnahme erfolgte 1935. Damit ist das weltweit einzige Carl-Zeiss-Doppelteleskop komplett.

Mit der Anschaffung eines Spiegelteleskops sollten insbesondere durch fotografische Aufnahmen und spektroskopische Untersuchungen die veränderlichen Sterne näher betrachtet werden. Veränderliche Sterne, sind die, die regelmäßig ihre Helligkeiten verändern, wie zum Beispiel die Plejaden (japanisch Subaru). Durch den frühzeitigen Weggang von Paul ten Bruggencate wurde das Spiegelteleskop allerdings nie richtig wissenschaftlich genutzt. Ten Bruggencate, mittlerweile habilitiert, nahm 1935 seine Arbeit als Hauptobservator am Astro-physikalischen Observatorium im bereits erwähntem Potsdamer Einsteinturm auf.

Dank der friedlichen Übergabe der Stadt zu Ende des Zweiten Weltkrieges kann das weltweit einzige Carl-Zeiss-Doppelteleskop in Greifswald verbleiben. Hobbyastronomen wie Erwin Strübing (1916–2003) oder auch Joachim Buhrow (1927–2014) kümmern sich jahrelang um die Sternwarte bis zur Vereinsgründung.

Generalrestaurierung 2024
Auch das beste Zeiss-Teleskop muss nach über 95 Jahren des zuverlässigen Betriebes in die Restaurierungsferien geschickt werden. Anfang Februar 2021 beginnt die Restaurierung des weltweit einzigen Carl-Zeiss-Doppelteleskops. Das restaurierte Teleskop wird zum Herbst 2021 in Greifswald zurückerwartet.

Weitere Informationen über die Generalrestaurierung 2024, über die Arbeit des Greifswalder Sternwarte e. V. und über Greifswalder Astronomie-Förderpreise finden Sie in dieser PDF.

Weitere Informationen
Medieninfo „ZEISS unterstützt Sternwarte Greifswald mit 50.000 Euro"

Ansprechpartner
Dr. Tobias Röwf
Vorstandsvorsitzender
Greifswalder Sternwarte e. V.
an der Universität Greifswald
sternwarte-greifswaldwebde


Zum Festjahr: „1700 Jahre Geschichte in 90 Sekunden“

Streichholzschachtel, ©Gustaf-Dalman-Institut
Vorderseite der Münze, ©Gustaf-Dalman-Institut
Vorderseite der Münze, ©Gustaf-Dalman-Institut
Rückseite der Münze, ©Gustaf-Dalman-Institut
Rückseite der Münze, ©Gustaf-Dalman-Institut

Seit 1700 Jahren lässt sich jüdisches Leben in Deutschland nachweisen. In Greifswald ist die erste jüdische Ansiedlung für das frühe 14. Jahrhundert belegt. Bis heute lassen sich in Vorpommern die unterschiedlichsten Spuren dieser wechselvollen Geschichte finden: zwischen Ausgrenzung und Zusammenleben, zwischen Verfolgung und aktiver Teilhabe. Zum bundesweiten Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ haben sich kulturelle Akteur*innen in Greifswald zusammengetan. Gemeinsam wollen sie erlebbar machen, wie Jüd*innen – trotz teils widriger Umstände – die Stadt über Jahrhunderte geprägt haben. Auch die Universität Greifswald ist mit Beiträgen vertreten, dazu gehört das virtuelle Angebot „1700 Jahre in 90 Sekunden“. Das Gustaf-Dalman-Institut stellt darin besondere Sammlungsstücke vor, die einen Blick in die jüdische Geschichte ermöglichen.

Seit 100 Jahren verwahrt das Greifswalder Dalman-Institut eine europaweit einmalige Sammlung, die einen Rundumblick auf die Kulturlandschaft Palästina um 1900 ermöglicht: vom Gebetsriemen bis zum archäologischen Fundstück, vom gepressten Olivenzweig bis zur Fotografie jüdischer Trauerriten. Die Sammlung ist eng in das universitäre Lehren und Forschen eingebunden. Ebenso werden die Inhalte regelmäßig einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mit „1700 Jahre in 90 Sekunden“ wird – virtuell und prägnant – zum Festjahr jeden Monat ein neues Artefakt vorgestellt. In nur 90 Sekunden Lesezeit können Interessierte eintauchen in die jüdische Geschichte und ihren Bezug zur Greifswalder Sammlung. Im Januar steht der Beitrag unter dem Titel „Aufstand in der Streichholzschachtel“.

In der kleinsten Schachtel steckt oft die größte Überraschung: Als erstes „Jüdisches Artefakt des Monats“ zeigt das Dalman-Institut eine Münze von 67 nach unserer Zeitrechnung (n.u.Z.). Oder, um den hebräischen Buchstaben auf der Vorderseite zu folgen, aus dem „Jahr 2“ (daneben eine Amphore). Bereits ein Jahr zuvor hatte sich der erste Jüdische Aufstand gegen die römische Besatzung aufgelehnt. Entsprechend selbstbewusst trägt die Rückseite der Münze eine Weinranke und den Schriftzug: „Freiheit Zions“. Eine Selbstständigkeit, die schon kurz darauf enden sollte. Denn 70 n.u.Z. eroberten die Römer erneut Jerusalem. Gut drei Jahre später unterlag mit der Festung Masada dann der letzte Rückzugsort der Bewegung. Zwei weitere Aufstände dieser Art sollten bis 135 n.u.Z. folgen, die beide ebenfalls unterlagen.

Die rund 600 historischen Münzen der Dalman-Sammlung wurden in den vergangenen Monaten hervorgeholt, fotografiert, beschrieben und online zugänglich gemacht – in Zusammenarbeit mit der Kustodie der Universität Greifswald und dem Forschungsverbund NUMiD. Bei den Stücken, die der Sammlungsgründer Gustaf Dalman (1855–1941) selbst bestimmt hat, ist oft die Verpackung mindestens ebenso interessant wie der Inhalt. In diesem Fall steckt die oben beschriebene Münze in einer alten Streichholzschachtel. Auf dem Deckel trägt ein Klebezettel, wie vom Rand eines Briefmarkenbogens abgerissen, in Dalmans Handschrift den Hinweis: „Jüd. Aufstandsmünzen. Dubletten“, denn im Inneren finden sich zwei fast identische Exemplare. Ursprünglich, wohl im frühen 20. Jahrhundert, lag in der Schachtel ein Fabrikat der Firma „Kaiser“. Immerhin handelte es sich um fortschrittliche „Sicherheitshölzer“, wie stolz beworben wird: „Entzünden sich nur an präparirten Reibeflächen“. Bis heute schützt die recycelte Verpackung in Greifswald zwei Münzen, die auf eine Wegmarke der jüdischen Geschichte verweisen.

Weitere Informationen
In Greifswald haben sich der Arbeitskreis „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ zusammengetan, um gemeinsam einen Beitrag zum Festjahr zu leisten. Dazu gehören der Arbeitskreis Kirche und Judentum, die Arbeitsgemeinschaft für pommersche Kirchengeschichte, das Gustaf-Dalman-Institut, die Kustodie der Universität Greifswald, die Stadtbibliothek „Hans Fallada“, das Sozio-kulturelle Zentrum St. Spiritus, die Partnerschaft für Demokratie Greifswald, das Pommersche Landesmuseum, das Koeppenhaus sowie die Universitäts- und Hansestadt Greifswald mit dem Amt für Bildung, Kultur und Sport als koordinierendes Amt.

Greifswalder Festjahresprogramm im ersten Quartal
Aufgrund der coronabedingten Einschränkungen startet das Festjahresprogramm virtuell. Bereits jetzt lassen Plakate, Postkarten und Online-Informationen „Jiddische Wörter im Alltag“ lebendig werden.
Interessierte online an einem digitalen Stadtrundgang zur jüdischen Geschichte in Greifswald teilnehmen.

Ansprechpartnerin
Dr. Karin Berkemann 


Warum „Rückführungspatenschaften“ und „Corona-Diktatur“ die Unwörter des Jahres 2020 sind

Unwörter des Jahres 2020, ©Jan_Meßerschmidt
Unwörter des Jahres 2020, ©Jan_Meßerschmidt

Seit dreißig Jahren wird Mitte Januar das „Unwort des Jahres“ auf einer Pressekonferenz bekanntgegeben. Zuvor sitzen die Mitglieder der Jury in der Regel fünf bis sechs Stunden zusammen, diskutieren mögliche Unwörter, argumentieren, wägen ab, entscheiden sich schließlich für ein Unwort und begründen die Wahl schriftlich in Form einer Pressemitteilung. So war es neunundzwanzig Jahre lang, nur in diesem Jahr war – wie ja eigentlich überall – auch beim Unwort einiges anders: Es gab keine Pressekonferenz, sondern nur die Verteilung der Presseerklärung per E-Mail; keine Präsenz-Jurysitzung, sondern ein digitales Zoom-Meeting; und vor allem gab es kein „Unwort des Jahres“, sondern ein „Unwort-Paar des Jahres 2020“: Rückführungspatenschaften und Corona-Diktatur.

Die Universität Greifswald hat einen besonderen Draht zum „Unwort“, genauer: zur Jury der sprachkritischen Aktion „Unwort des Jahres“, wie es offiziell heißt. Seit zehn Jahren ist Prof. Dr. Jürgen Schiewe, von 2003 bis 2018 Inhaber des Lehrstuhls für Germanistische Sprachwissenschaft und nun im Ruhestand, einer der Juror*innen. Insgesamt besteht die Jury aus ständigen festen Mitgliedern, vier Sprachwissenschaftler*innen und einem Journalisten: Prof. Dr. Nina Janich (Darmstadt) als Sprecherin der Jury, zudem Prof. Dr. Kersten Sven Roth (Magdeburg) und Prof. Dr. Martin Wengeler (Trier) sowie Stephan Hebel, Autor und freier Journalist. Diese Jury bittet in jedem Jahr ein weiteres Mitglied um Mitarbeit – in diesem Jahr war es die Journalistin, Bloggerin und Autorin Kübra Gümüşay, die kürzlich das Buch „Sprache und Sein” (2020) publiziert hat.

In diesem Jahr ist auch für die Jury eine Neuigkeit zu melden: Ab dem nächsten Jahr wird es eine komplett neue Jury geben. Sie wird vor allem jünger sein und mindestens genauso motiviert wie die bisherige.

Was aber sind denn nun „Unwörter“? Es sind Wörter, die in dem betreffenden Jahr öffentlich gebraucht wurden und die in ihrem Gebrauch oder sogar bereits in ihrer Gestalt gegen das Prinzip der Menschenwürde und gegen Prinzipien der Demokratie verstoßen, die einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren und euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend sind. Nicht alle diese Kriterien müssen erfüllt sein, aber zumindest muss eines deutlich hervortreten oder aus dem Gebrauch des Wortes erschließbar sein.

Die Jury-Entscheidung beruht in der Regel auf den das gesamte Jahr über eingesandten Vorschlägen interessierter Menschen. Für 2020 gab es 1826 Einsendungen mit 625 verschiedenen Wörtern. Davon entsprachen allerdings nur etwas mehr als 70 den genannten Kriterien. Dass nur so wenige der eingesandten Wörter als Unwörter prinzipiell in Frage kommen, liegt zumeist daran, dass Sache und Wort verwechselt oder gleichgesetzt werden. So ist z. B. „systemrelevant“ kein Unwort (obwohl 180mal und damit am häufigsten eingesandt), denn das „Wort“ entspricht keinem der genannten Kriterien. Die „Sache“, nämlich dass Menschen oder Branchen für die Aufrechterhaltung unseres Gesellschaftssystems als „relevant“ und – im Umkehrschluss – andere als „weniger relevant“ oder gar „irrelevant“ angesehen werden, mag ungerecht und vielleicht gar inhuman sein – im Wort drückt sich das aber nicht aus.

Anders ist das bei „Rückführungspatenschaften“, ein Wort, das von der EU-Kommission gebraucht wurde: EU-Staaten, die keine Flüchtlinge aufnehmen, sollen ihre „Solidarität“ mit den anderen Mitgliedern der EU dadurch gerecht werden, dass sie die Verantwortung für die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber übernehmen. So etwas „Rückführungspatenschaften“ zu nennen, ist, so die Begründung der Jury, „zynisch und beschönigend“. „Rückführung“ nämlich ist nichts anderes als „Abschiebung“, klingt aber viel humaner. Eine „Patenschaft“ suggeriert „Unterstützung“ und „Hilfe“. „Rückführungspatenschaften“ ist ein typisches Unwort: Die Kombination der Bestandteile des zusammengesetzten Wortes ergibt eine positive Vorstellung von einem – jedenfalls für die Betroffenen – keineswegs positivem Vorgang.

Das Wort „Corona-Diktatur“ wird vor allem von der selbst ernannten „Querdenker“-Bewegung, insbesondere von deren rechtsextremen Propagandisten, gebraucht, um die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu diskreditieren. Gewiss greifen diese Maßnahmen gravierend in unser Leben, auch in unsere Grundrechte, ein. Sie aber als „Diktatur“ zu bezeichnen, verharmlost tatsächliche Diktaturen und verhöhnt jene Menschen, die teils unter Einsatz ihres Lebens gegen Diktatoren und ihre Unterdrückungen kämpfen. Und ein Blick in die Geschichte, gerade auch die deutsche, würde zeigen, dass wir keineswegs in einer Diktatur leben.

Warum nun zwei Unwörter für 2020? Die Jury war sich einig, dass das Thema „Corona-Pandemie“ das Jahr über bestimmend war (und auch weiterhin bestimmend bleiben wird) und viele neue Wörter um dieses Thema herum geprägt wurden. Zwangsläufig waren auch Unwörter dabei, ganz vorne: „Corona-Diktatur“. Aber auch andere öffentliche, unsere Gesellschaft und die Politik betreffende Themen – wie die Migration – dürfen nicht vergessen werden. Und hier war und ist „Rückführungspatenschaften“ ein besonders bedrückendes Unwort.

Dass für 2020 zwei Unwörter benannt wurden, drückt nicht nur die Besonderheit dieses Jahres aus, sondern soll auch darauf hinweisen, dass die ganze Aktion keineswegs, wie ihr gelegentlich vorgeworfen wurde, als Zensurversuch zu verstehen ist. Vielmehr möchte sie dazu anregen, über öffentlichen Sprachgebrauch kritisch nachzudenken und zu diskutieren – im Sinne von Humanität, Demokratie und Toleranz.

Weitere Informationen
Vorschläge für das „Unwort des Jahres“ können jederzeit zugesandt werden an: vorschlaegeunwortdesjahresnet
Noch ein Tipp: Seit einigen Jahren setzt eine Gruppe Darmstädter Fotograf*innen das „Unwort des Jahres“ in Bildern um. Die Ausstellung für das Unwort-Paar 2020 ist ab März zu sehen: www.unwort-bilder.de.

Ansprechpartner
Prof. Dr. i.R. Jürgen Schiewe


Was macht uns Angst?

Struppi, die Therapiespinne an der Universität Greifswald, ©Elischa_Krause
Struppi, die Therapiespinne an der Universität Greifswald, ©Elischa_Krause

Angst und Panik kennen wir alle. Von einer Störung ist die Rede, wenn diese Emotionen zu einem starken Leidensdruck oder zu einer starken funktionellen Beeinträchtigung führen. Angststörungen gehören zu den häufig auftretenden psychischen Störungen. Laut SHIP-Studie sind Menschen aus Vorpommern mit einer Häufigkeit von 14,8 Prozent in 12 Monaten betroffen. 23,4 Prozent der Menschen haben im Laufe ihres Lebens bereits unter einer Angststörung gelitten. Damit gehören Ängste zu den häufigsten seelischen Störungen in der Region.

***

Frau K. leidet an einer ausgeprägten Spinnenphobie. Heute muss sie selbst Kartoffeln aus dem Keller holen. Dort hat sie früher einmal eine dicke Hauswinkelspinne gesehen. Schon beim Betreten des Kellers hat sie ausgeprägte Erwartungsangst (Pre-Encounter Defense). Sie achtet auf jede kleine Bewegung, inspiziert jeden schwarzen Punkt an der Wand und sucht alle Ecken und Winkel nach Spinnen ab. Als sie eine Spinne in der oberen Ecke des Kellerraums entdeckt, fängt ihr Puls an, schneller zu schlagen. Sie bekommt feuchte Hände und springt schreckhaft zur Seite (Post-Encounter Defense). Dabei berührt sie mit den Schultern eine herabhängende Wäscheleine. Nun setzt sich die Spinne in Bewegung und rennt schnell auf Frau K. zu. Schreiend läuft Frau K. die Treppe hinauf (Circa-Strike). Dabei stößt sie sich den Kopf an der niedrigen Tür. Den Schmerz spürt Frau K. erst, als sie in der Küche in Sicherheit ist. Sie geht anschließend lieber in den Supermarkt, um neue Kartoffeln zu kaufen, statt nochmals den Keller zu betreten.

Herr S. leidet in den letzten Jahren zunehmend an der Furcht vor Situationen, in denen er sich eingeschlossen fühlt und meint, nicht entkommen zu können. Er hat Angst Aufzug, U-Bahn oder Auto zu fahren. Die Furcht tritt nur in Situationen räumlicher Enge auf. Dort erlebt er starke körperliche Symptome wie Herzrasen, Schwitzen, Luftnot, aber auch Schwindelgefühle. Er befürchtet im Ernstfall, nicht aus der Situation herauszukommen, zu ersticken und so zu sterben. Daher vermeidet er solche Situationen meist. Wenn das nicht möglich ist, versucht er die Situationen unter großen Angstgefühlen durchzustehen. Dabei setzt er verschiedene taktische Manöver ein: Ablenkung durch entspannende Gedanken oder durch Gespräche mit anderen Leuten. Seit seiner ersten Furchtreaktion in einem überfüllten Skibus nehmen seine Angst vor Enge und die damit verbundenen Vermeidungsstrategien einen immer größeren Raum ein.

***

Herr S. und Frau K. leiden unter einer sogenannten Spezifischen Phobie. Damit wird eine intensive Furcht vor genau umschriebenen Situationen oder Objekten beschrieben. Forschende der Universität Greifswald untersuchen die Mechanismen, die diese Ängste und die damit verbundenen Verhaltensweisen aktivieren. Welche Regionen des Gehirns übernehmen in welcher Phase die Steuerung des dynamischen Geschehens? Und wann setzt das Vermeidungsverhalten – der Symptombereich, der zu den stärksten funktionellen Beeinträchtigungen führt – ein? 

Spezifische Phobien sind am weitesten verbreitet. Am häufigsten haben Menschen eine intensive Furcht vor bestimmten Tieren. Aber auch Naturereignissen wie Gewitter oder Dunkelheit sowie Situationen wie Höhe oder Enge können Angst auslösen. Die Furcht ist mit dem starken Drang gekoppelt, der angstauslösenden Situation zu entfliehen oder sie bereits im Vorfeld zu vermeiden. Werden Betroffene mit der angstauslösenden Situation konfrontiert, gibt es zwei Reaktionsmuster: Sie frieren ein – eine eher durch den Vagusnerv initiierte Bewegungsstarre – oder flüchten. In diesem Fall übernimmt der Sympathikus die Steuerung des Körpers.

Solange sich das angstauslösende Objekt vermeiden lässt, können Betroffene meist ganz gut mit ihrer Angst leben. Schwieriger wird es, wenn Menschen Angst vor sozialen Situationen haben – etwa Angst davor, zu versagen, sich zu blamieren oder abgewertet zu werden. Situationen, in denen diese Form der Angst auftritt, können nur ganz schwer gemieden werden. Schließlich müssten wir dazu Sozialkontakte einstellen. Tatsächlich schränken viele Menschen, die unter sozialen Angststörungen leiden, ihre Sozialkontakte auf das Nötigste ein. Das führt häufig zu depressiven Folgeerkrankungen.

Darüber hinaus gibt es Angststörungen, bei denen die Bedrohung nicht von außen, sondern vom eigenen Körper ausgeht. In diesem Fall sprechen Psycholog*innen von Panikattacken. Sie treten häufig aus heiterem Himmel auf und äußern sich durch das Gefühl, plötzlich unerklärliches Herzrasen oder Schwindelgefühle zu bekommen. Auch das Gefühl zu ersticken, plagt einige Menschen. Panikattacken treten zu 95 Prozent außerhalb des häuslichen Umfeldes auf und können dazu führen, dass Betroffene Situationen meiden, in denen die Panikattacke auftritt. Außerdem machen sich Menschen, die unter dieser Art der Angststörung leiden, oft Sorgen, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmt, obwohl ihnen Fachleute versichern, dass sie gesund sind. Die Diagnose erklärt jedoch nicht die Symptome. Das kann die betroffenen Menschen stark verunsichern.

Wie genau Angst, Furcht und Panik sich in unserem Körper manifestieren, das wird davon bestimmt, wie nahe oder intensiv die Bedrohung ist, und welche Handlungsalternativen es gibt. Es macht einen Unterschied, ob wir in einer Situation sind, in der wir die Bedrohung bereits erlebt haben, oder ob wir von anderen nur gehört haben, dass diese Situation gefährlich werden kann, selbst jedoch noch nicht in Kontakt mit der Bedrohung gekommen sind. Wie aufmerksam und vorsichtig wir gegenüber Anzeichen der Bedrohung sind, hängt also von der empfundenen Intensität der Bedrohung ab. Das Covid-19-Virus ist dafür ein gutes Beispiel.

In der Forschung zu Angststörungen werden experimentelle Anordnungen verwendet, etwa um die Dynamik defensiver Verhaltensweisen zu verstehen. Funktionelle Kernspintomographie dient beispielsweise dazu, die regulierenden Hirnbereiche zu erforschen. Forschende wissen heute, dass bei der Erwartungsangst – also der Angst vor der Sichtung der potenziellen Bedrohung – vor allem präfrontale Areale aktiv sind. Das Gehirn beschäftigt sich primär mit der Risikoabschätzung. Leider können wir komplexe bedingte Wahrscheinlichkeiten nicht besonders gut einschätzen. Je näher die Bedrohung kommt, desto eher schaltet das Gehirn auf Notfallmodus. Das bedeutet, der Präfrontale Kortex reduziert seine Aktivität zugunsten der Hirnstammfunktionen. Wir reagieren dann auf eine Weise, die uns im Nachhinein manchmal peinlich ist. In klinischen Studien wird untersucht, wie Menschen ihre Risikoeinschätzungen überprüfen. Proband*innen lernen, Erfahrungen im Gedächtnis zu verankern, in denen die befürchtete Bedrohung nicht aufgetreten ist. Solche Erfahrungsübungen – auch bekannt als Expositionstherapie – sind der Königsweg zur Überwindung der Angst. In großen klinischen Studien wurden an der Universität Greifswald inzwischen über 1000 Patienten mit dieser Methode erfolgreich behandelt. Je besser wir die Wirkmechanismen verstehen, desto länger wird der Erfolg solcher Therapien in Zukunft anhalten.

Ansprechpartner
Prof. Dr. Alfons Hamm

 


Nudging: Dürfen wir kluge Entscheidungen anstoßen?

Kann Nudging helfen, einmal mehr die richtige Entscheidung zu treffen? ©Magnus_Schult
Kann Nudging helfen, einmal mehr die richtige Entscheidung zu treffen? ©Magnus_Schult

Das Idealbild vom nutzenmaximierenden Homo Oeconomicus bröckelt (nicht erst seit Kurzem). Anstelle des stets rational abwägenden Mr. Spock ähneln wir in vielen Entscheidungssituationen viel häufiger dem guten alten Homer Simpson, berichtet Richard Thaler, Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften und Co-Autor des Buches „Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt“. Wir treffen schnelle Bauchentscheidungen und nutzen Daumenregeln. Besonders in komplexen oder ungewohnten Situationen greifen wir auf vereinfachende Kalkulationen (Heuristiken) zurück, mit denen wir im Alltag häufig zwar keine optimalen, jedoch hinreichend gute Entscheidungen treffen können.

In vielen Situationen schafft uns diese schnelle und intuitive Art des Denkens Erleichterung für unseren Alltag. Doch wer hat das nicht schon einmal erlebt: Wenige Wochen sind vergangen, und die Vorsätze für das neue Jahr sind vergessen. Der Sport weicht dem Platz auf dem Sofa, der gesunde Salat dem himmlisch duftenden Schokopudding und das unliebsame Zeitschriftenabonnement wurde noch immer nicht gekündigt. Wir werden unseren Vorsätzen nicht gerecht und ärgern uns über das Ergebnis unseres Tuns. Nicht immer steuert uns unser innerer Homer Simpson in die richtige Richtung. So sind wir anfällig für kognitive Verzerrungen und systematische Fehlurteile (Biases) wie zum Beispiel Selbstüberschätzung und unberechtigten Optimismus durch fehlerhafte Wahrscheinlichkeitskalkulationen, eine größere Gewichtung kurzfristiger Präferenzen gegenüber langfristigen Zielen und eine Tendenz zur Erhaltung des Status quo.

Mit ihrer 2008 veröffentlichten Strategie des Nudging versprechen Thaler und Sunstein einen Lösungsansatz für dieses Problem. Die beiden Wissenschaftler plädieren dafür, die Erkenntnisse über das menschliche Entscheidungsverhalten zu nutzen und den Entscheidungskontext von Personen gezielt so zu gestalten, dass wir im Entscheidungsmodus unseres Homer Simpsons verbleiben und dennoch bessere Entscheidungen treffen können. Durch das vorausschauende Austricksen unseres inneren Homer Simpsons, kämen wir den Entscheidungen näher, die auch unser innerer Mr. Spock in dieser Situation getroffen hätte.

Nudging heißt der Ansatz aus der Verhaltensökonomie, mit dem Menschen durch einen kleinen Schubs [engl. nudge] dazu bewegt werden sollen, die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen, ohne dabei ihre Entscheidungsfreiheit einzuschränken. Grüne Fußspuren, die uns den Weg zum Mülleimer weisen; kleinere Teller in der Mensa, um Essensreste zu vermeiden und doppelseitiges Drucken als Voreinstellung in der Software – all  dies sind Beispiele für Nudges.

Das Promotionsprojekt „Nudging im Namen der Umweltsorge? Eine ethische Reflexion auf den Schubs über die Kluft zwischen Wissen und Handeln“ erforscht Nudging im Rahmen des interdisziplinären Promotionsschwerpunktes Dimensionen der Sorge am Institut für Philosophie an dieser Schnittstelle zwischen empowernder Sorgehandlung und paternalistischer Manipulation. Kann Nudging uns dabei unterstützen, im Einklang mit unseren Wünschen und Werten zu handeln oder muss diese verhaltenspsychologische Strategie als unterschwelliger Eingriff in unsere Autonomie abgelehnt werden? Welche Bedeutung kommt der Strategie des Nudging im Kontext der Bestrebungen um Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu? Für eine differenzierte Betrachtung und normative Bewertung von Nudges werden im Projekt verschiedene Nudge-Typen ausgehend vom Grad ihrer Transparenz und ihrer Eingriffstiefe unterschieden und die Effektivität und Legitimität dieser Steuerungsmaßnahme im Kontext der Sorge um die Umwelt untersucht.

Ansprechpartner*innen
Birthe Frenzel M. Sc.
Prof. Dr. Micha H. Werner


Linguistik zur Weihnachtszeitszeit

Weihnachten – Zeit der Besinnlichkeit, ©Magnus_Schult
Weihnachten – Zeit der Besinnlichkeit, ©Magnus_Schult

Weihnachten ist die Zeit der Besinnlichkeit, geprägt also von innerer Einkehr. In dem gerade erschienenen Buch „Weihnachtslinguistik. Festliche Texte über Sprache“ ist die Herausgeberin, Konstanze Marx, gemeinsam mit den Autor*innen quasi eingekehrt in das eigene Fach, um es in seiner schillernden Breite in Glanzpapier zu verpacken. In den Blick genommen werden in dem Buch kommunikative Praktiken des Wünschens beim Einkaufen, in Briefen, über WhatsApp, in direktem Austausch am Weihnachtsabend oder medial vermittelt, wie beispielsweise bei den bundespräsidialen Weihnachtsansprachen sowie kulturelle Praktiken des Vorlesens, etymologische und lexikographische Perspektiven auf Pelzmärtel, Krampus, Nikolaus oder Knecht Ruprecht, syntaktische Besonderheiten oder Varietäten in Weihnachtsliedern, genderlinguistische Erhellungen bei Loriot oder der Zusammenhang zwischen Witzen und Weihnachten.

Vom Wort
Begonnen sei beim Wort, vielmehr bei Wortgeschichten: So ist zum Beispiel das Bestimmungswort in Lebkuchen nicht sicher zu deuten. Wofür könnte es stehen, fragt sich etwa Gabriele Diewald, für Lieb, Leib, Leben? Wolfgang Pfeifer et al. vermuten im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen, dass das Leb auf Laib zurückgeht oder auch eine Entlehnung aus dem lateinischen lībum (Fladen) ist. Noch umstrittener ist die Etymologie von Spekulatius, sie reicht von ,Zuckerbackwerk als Tischschmuck‘ (aus dem Niederländischen) über ,Betrachtung, Beschauung‘ (aus lat. speculātio) bis hin zu ,Erzeugnisse zum Wohlgefallen‘ (nach dem Französischen). Hier besteht also viel Unsicherheit.
Sicher ist aber, dass Wörter online nachgeschlagen werden, wenn sie gebraucht werden. Das heißt, dass die Zugriffe auf den Eintrag Nikolaus am Nikolaustag und auf den Eintrag Weihnachten am 24. Dezember sprunghaft ansteigen. Sascha Wolfer spricht deshalb vom „Effekt der sozialen Relevanz“, der übrigens auch an Ostern nachweisbar ist.

Über den Satz
Auch die Satzebene beherbergt interessante weihnachtliche Phänomene, Phänomene, die es eigentlich in der deutschen Satzstellung gar nicht gibt. So verstoßen Weihnachtslieder wie Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen oder Süßer die Glocken nie klingen (der eine oder die andere fühlt sich schon jetzt zurecht an Yoda erinnert) gegen die drei möglichen Verbstellungsvarianten im Deutschen. Finite Verben können am Ende eines Satzes stehen (wie in Nebensätzen), am Anfang (wie in Fragesätzen) oder an zweiter Stelle; das ist in Aussagesätzen der Fall und dann steht aber auch nur einzige Konstituente davor – im sogenannten Vorfeld. Wolfgang Imo setzt also den Rotstift an und zeigt, wie es eigentlich heißen müsste: Die Lichter brennen am Weihnachtsbaume oder Am Weihnachtsbaume brennen die Lichter und identifiziert hier eine weihnachtlich reiche (mehrfache) Vorfeldbesetzung.

Zum Text
Der Textebene sei ebenfalls eine Stippvisite abgestattet: So hat Simon Meier-Vieracker mittels korpuslinguistischer Keywordanalysen herausgefunden, dass in allen bisherigen bundespräsidialen Weihnachtsansprachen neben erwartbaren Ausdrücken (wie beispielsweise Weihnachten, Licht, Botschaft, Freude, Geburt oder Liebe) auch politische Topoi und mentalitätgeschichtliche Gestimmtheit der jeweiligen Amtsinhaber einfließen. Juliane Stude hat von Kindern verfasste Weihnachtsgeschichten untersucht und konnte damit das große Geheimnis hinter der Frage, wie die Geschenke zu den Kindern kommen, lüften: In einem „Inter Citi Express“, dort hat „der Weihnachtsmann [nämlich] einen eigenen Waggon“.

Ansprechpartnerin
Prof. Dr. Konstanze Marx


Wie andere Ernährungsgewohnheiten einen Beitrag zum Schutz von Süßwasserökosystemen leisten könnten

Symbolbild Süßwasser ©Jan Meßerschmidt
Symbolbild Süßwasser, ©Jan_Meßerschmidt

Die globale Nahrungsmittelproduktion steht vor einer doppelten Herausforderung. Für eine wachsende Weltbevölkerung müssen mehr Nahrungsmittel produziert werden. Gleichzeitig trägt die Landwirtschaft schon jetzt zur Überschreitung sogenannter planetarer Belastungsgrenzen (engl. „planetary boundaries“) bei und gefährdet damit die natürlichen Grundlagen der Nahrungsmittelproduktion. Neben der Auslaugung sowie Überdüngung von Böden, dem Verlust von Biodiversität und dem Beitrag zum Klimawandel ist der hohe landwirtschaftliche Wasserverbrauch ein entscheidendes Problem. Durch übermäßige Wasserentnahmen für die Landwirtschaft werden Süßwasserökosysteme global zunehmend zerstört. Eine Beschränkung der Wasserentnahme zum Schutz der Ökosysteme würde jedoch unweigerlich zu einer Reduktion der globalen Erträge führen.

Um diesen Zielkonflikt zwischen Umweltschutz und Ernährungssicherheit aufzulösen, könnte neben einem verbesserten landwirtschaftlichen Wassermanagement oder einer Reduktion der Nahrungsmittelabfälle auch eine Reduktion tierischer Produkte beitragen. Tierische Produkte haben einen weit überproportionalen Ressourcenverbrauch im Verhältnis zu ihrem Beitrag zur globalen Nahrungsmittelversorgung: Während etwa 18 Prozent der globalen Kalorien aus tierischen Quellen stammen, sind über ein Drittel des Wasserverbrauchs und über 80 Prozent des Flächenverbrauchs in der Lebensmittelproduktion auf tierische Produkte zurückzuführen.*

Basierend auf globalen Landwirtschaftssimulationen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und mehreren Ernährungsszenarien hat Johanna Braun in ihrer Masterarbeit an der Universität Greifswald quantitativ untersucht, inwieweit veränderte Ernährungsgewohnheiten mögliche Ernteeinbußen bei flächendeckendem Schutz von Süßwasserökosystemen kompensieren könnten. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Ernteeinbußen durch eine deutliche Reduktion des Konsums tierischer Produkte sogar überkompensiert werden könnten. Besonders stark sind die Potenziale in Westeuropa und Nordamerika. Die vergleichende Analyse verdeutlicht damit beispielhaft für den landwirtschaftlichen Wasserverbrauch, dass das große Dilemma der Nahrungsmittelproduktion innerhalb der natürlichen Grenzen des Erdsystems unter anderem durch einen Wandel der Ernährungsgewohnheiten auflösbar ist.

Basierend auf globalen Landwirtschaftssimulationen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und mehreren Ernährungsszenarien hat Johanna Braun in ihrer Masterarbeit an der Universität Greifswald quantitativ untersucht, inwieweit veränderte Ernährungsgewohnheiten einen Beitrag dazu leisten könnten, Süßwasserökosysteme zu schützen. Für ihre Arbeit erhielt sie den Nachhaltigkeitspreis 2020 der Universität Greifswald.

* Poore & Nemecek (2018) https://science.sciencemag.org/content/360/6392/987


Woran erinnern uns Stolpersteine?

Stolperstein für den Geologen Dr. Rudolf Kaufmann (1909–1942), ©Jan_Meßerschmidt
Stolperstein für den Geologen Dr. Rudolf Kaufmann (1909–1942), ©Jan_Meßerschmidt

Am 9. Dezember 2020 wird in Greifswald ein weiterer Stolperstein ins Pflaster eingelassen. Der Stolperstein wird vor dem Haupteingang des Theaters Greifswald in Gedenken an den Schauspieler Kurt Brüssow verlegt, der im Nationalsozialismus als Homosexueller verfolgt wurde. Auch an unserer Uni erinnern Stolpersteine an die Verbrechen des Nationalsozialismus. So ist auf einem Stolperstein vor dem ehemaligen Historischen Institut in der Domstraße 9 A der Name des Historikers Dr. Gerhard Knoche (1893–1944) zu lesen, und ein Stein vor dem Pharmakologischen Institut in der Friedrich-Loeffler-Straße 23 D erinnert an den Geologen Dr. Rudolf Kaufmann (1909–1942). Nach 1933 wurde ihnen der akademische Titel auf Grundlage des Gesetzes zur Wiederherstellung des Beamtentums vom 7. April 1933 (kurz: Berufsbeamtengesetz) aberkannt, unter anderem weil sie Juden waren oder jüdische Vorfahren hatten. Dr. Gerhard Knoche wurde später in Konzentrationslager deportiert. In Auschwitz verliert sich seine Spur. Dr. Rudolf Kaufmann wurde, weil er mit einer jüdischen Witwe liiert war, wegen Rassenschande zur Zwangsarbeit verurteilt. Er entkam den Nationalsozialisten zunächst, wurde 1942 jedoch von deutschen Soldaten in Litauen erschossen.

Stolpersteine und die Geschichte der Universität
Die Stolpersteine führen uns heute vor Augen, inwiefern Lebens- und Leidenswege von Greifswaldern im Nationalsozialismus auch mit der Geschichte unserer Universität verwoben sind. Dr. Gerhard Knoche und Dr. Rudolf Kaufmann – das sind nur zwei von etwa 80 Namen von Gelehrten, denen nach 1933 auf Grundlage des Berufsbeamtengesetzes der akademische Titel aberkannt wurde. Insgesamt wurde etwa jeder zehnte Wissenschaftler an der Universität Greifswald unter dem Gesetz verfolgt. Das Berufsbeamtengesetz öffnete nicht nur Tür und Tor für die Aberkennung von Titeln, sondern auch für Entlassungen jüdischer Dozenten und anderer Mitarbeitenden der Universität. Auch Menschen mit einer unerwünschten (politischen) Gesinnung fielen unter das Gesetz. Samt den zugehörigen Erlassen, die Ausnahmeregelungen für bestimmte Personengruppen zuließen, wurde das Gesetz als flexibles Willkürrecht eingesetzt: „Das Berufsbeamtengesetz und die anderen Erlasse waren jedoch bewusst flexibel gehaltenes Willkürrecht, so dass ausgemustert werden konnte, wer sich für die neue Gesellschaft nicht eignete.“ (Eberle 2015, 95 f.)

Auseinandersetzung mit der Geschichte der Universität
Über achtzig Wissenschaftler, denen im Nationalsozialismus akademische und Universitätsehrengrade aberkannt wurden, hat der Akademische Senat der Universität Greifswald am 19. Oktober 2000 rehabilitiert. Eine Kommission hatte die dem Universitätsarchiv bisher bekannt gewordenen Fälle zuvor einer Einzelfallprüfung unterzogen. Dabei ergab sich, dass in 53 Fällen das Kriterium der politischen Diskriminierung unbezweifelbar vorlag. Ebenso sind drei Aberkennungen wegen politischer Vergehen und eine Aberkennung wegen Verstoßes gegen die Rassengesetze als offensichtliche Unrechtsakte zu erkennen und nichtig. Die bisher erarbeitete Liste der Personen, bei denen die Aberkennung der akademischen Grade unwirksam ist, ist eine offene Liste. Das heißt, dass neu zu Tage geförderte Namen oder Entlastungsgründe sie verändern können.
Lange Zeit fehlte eine umfassende, tiefgreifende und systematische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Universität Greifswald während des Nationalsozialismus. Es gab jedoch eine große Anzahl wertvoller Einzelstudien von personen-, institutionen-, wissenschafts- und ereignisgeschichtlichen Charakter. Vor diesem Hintergrund rief das Rektorat der Universität Greifswald im Jahr 2011 ein Forschungsprojekt ins Leben, in dem die Geschichte der Universität systematisch untersucht wurde. Das Projekt wurde in den Jahren 2012 bis 2015 durchgeführt. Im Zentrum des Interesses standen dabei die Indienstnahme und Selbstindienstnahme universitärer Forschung und Lehre für außerwissenschaftliche Zwecke, die Frage nach der Mobilisierung von Wissenschaft für die Ziele des Nationalsozialismus sowie nach den Mechanismen, die zu einer neuartigen Konkurrenz der Disziplinen und damit letztlich zu einem Profilwandel der Universität führte. Die Forschungsergebnisse sind in der Monographie „Ein wertvolles Instrument“ – Die Universität Greifswald im Nationalsozialismus von Henrik Eberle ausführlich dargestellt.
Trotz intensiver Recherchen konnten in diesem Forschungsprojekt nicht alle Fragen gleichermaßen befriedigend geklärt werden. Es bleiben Lücken, die künftige Forschungsarbeiten schließen müssen. Die Stolpersteine in Greifswald, Deutschland und anderswo in Europa erinnern uns heute auch daran, dass solche Wissenslücken gefüllt werden müssen. 


Weitere Informationen
Literatur

  • Alvermann, Dirk (Hg., 2015): „… die letzten Schranken fallen lassen“ – Studien zur Universität Greifswald im Nationalsozialismus. Böhlau Verlag.
  • Eberle, Henrik (2015): „Ein wertvolles Instrument“ – Die Universität Greifswald im Nationalsozialismus. Böhlau Verlag.

Zum Projekt Stolpersteine

  • Stolpersteine ist ein internationales Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Dabei ließ er sich von Zitat aus dem Talmud leiten, in dem es heißt „Doch ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Im Jahre 1992 verlegte Gunter Demnig die ersten Stolpersteine. Heute finden wir sie an vielen Orten nicht nur in Deutschland. Die ersten elf Stolpersteine in Greifswald wurden 2008 auf Initiative der Evangelische Studiengemeinde verlegt. Im Jahr 2012, in der Nacht vom 8. zum 9. November, wurden diese elf Stolpersteine von Unbekannten herausgerissen. Sie konnten am 23. Mai 2013, den Tag des Grundgesetzes, zusammen mit zwei weiteren Stolpersteinen neu verlegt werden. Am 22. Oktober 2014 wurden weitere 14 Stolpersteine vom Künstler Gunter Demnig in Greifswald verlegt. Erstmals wird dabei auch an ein nichtjüdisches Opfer des Nationalsozialismus erinnert.

Kleinere Krankenhäuser im ländlichen Raum im Spannungsfeld von Qualität, Wirtschaftlichkeit und Erreichbarkeit

Ob groß oder klein – Im Notfall ist jedes Krankenhaus wichtig, ©Lukas_Voigt
Ob groß oder klein – Im Notfall ist jedes Krankenhaus wichtig, ©Lukas_Voigt

Was müssen Krankenhäuser leisten?
Krankenhäuser müssen (mindestens) drei Ziele verfolgen: Erstens müssen sie Gesundheitsdienstleistungen in hoher Qualität erstellen, die wirksam Krankheiten heilen und Leiden lindern können. Zweitens sollten sie für die ganze Bevölkerung in annehmbarer Zeit erreichbar sein, so dass sie für Patient*innen und deren Besucher*innen zugänglich sind. Drittens müssen sie bei gegebener Krankenhausfinanzierung mit den verfügbaren Ressourcen auskommen – also wirtschaftlich handeln. Insbesondere kleinere Krankenhäuser im ländlichen Raum haben größte Probleme, alle drei Ziele gleichzeitig zu erreichen.
Die dünne Bevölkerungsdichte in ländlichen Regionen impliziert eine geringe Krankenhausgröße mit gravierenden Auswirkungen auf Qualität und Kosten. Die Kosten je Patient*in oder Fall sind höher als bei größeren Häusern. Da in Deutschland die Krankenhäuser pro Fall pauschal und unabhängig von ihrer individuellen Kostenstruktur entgolten werden, sind kleinere Krankenhäuser deutlich häufiger in ihrer Existenz bedroht. Die Wirtschaftlichkeit spricht eindeutig für die Schließung der kleineren Einheiten im ländlichen Raum und die Konzentration auf Krankenhauszentren in den Städten.

Sind große Krankenhäuser besser als kleine?
Bei der Qualität ist das Bild nicht so eindeutig. Einerseits haben die größeren Krankenhäuser eine höhere Routine, was zu einer höheren Behandlungsqualität führt. Gerade bei Komplikationen macht es einen großen Unterschied, ob das Behandlungsteam diesen Notfall regelmäßig erlebt oder ob ein vergleichbarer Fall schon länger zurückliegt. Dies spricht ebenso für eine Konzentration auf größere Zentren. Aber die Qualität umfasst nicht nur die Qualität im Krankenhaus, sondern auch auf dem Weg dorthin. Gerade bei Notfällen ist ein schneller Zugang zum Krankenhaus lebenswichtig. Das heißt ein flächendeckendes Netz aus Krankenhäusern ist essenziell, auch wenn diese dann klein sein müssen. Betrachtet man beide Qualitätskomponenten zusammen, so erscheint weder die Konzentration auf wenige Standorte noch die unreflektierte Füllung des Raums mit möglichst vielen Krankenhäusern als qualitätsfördernd.
Die Erreichbarkeit ist aber nicht nur eine Determinante der Leistungsqualität, sondern stellt für Patient*innen und deren Besucher*innen einen Wert per se dar. Eine starke Konzentration von Krankenhäusern auf wenige, große Standorte impliziert eine schlechtere Versorgung der Bevölkerung auf dem Land, Vereinsamung der Patient*innen ohne Besuch und eine geringe Identifikation mit dem Hospital.
Der Konflikt zwischen Qualität, Erreichbarkeit und Wirtschaftlichkeit lässt sich nicht vollständig entschärfen. Kleinere Krankenhäuser im ländlichen Raum müssen noch mehr als größere Einheiten bei jeder Entscheidung diese Ziele abwägen und das bestmögliche aus ihren Ressourcen machen. Kleine Krankenhäuser haben aber auch Vorteile. Sie sind überschaubar, familiär und effizient, weil die Wege kurz sind und Mitarbeitende sich kennen. Und sie können die Vorteile größerer Krankenhäuser nutzen, in dem sie mit ihnen kooperieren. So müssen sie beispielsweise keine eigene Pathologie betreiben, sondern können die Dienste des größeren Hauses anfragen. Von zunehmender Bedeutung ist hier die Telemedizin, insbesondere das Telekonsil. Das kleine Haus schaltet den*die Spezialisten*in aus dem Zentralkrankenhaus per Videoschaltung zu, ohne dass dieser vor Ort sein muss. Überhaupt ist innovative Technik ein Schlüssel zur Existenzsicherung der kleineren Häuser. So können beispielsweise Drohnen Laborproben mit hoher Geschwindigkeit vom kleinen Krankenhaus in ein zentrales Labor bringen. Je kleiner ein Krankenhaus ist, desto effizienter und innovativer muss es arbeiten, um überleben zu können.

Wie viel ist uns eine ortsnahe Versorgung wert?
Allerdings liegt die Zukunft der kleineren Krankenhäuser im ländlichen Raum nicht nur beim Management dieser Einrichtungen. Auch die Politik und damit letztlich alle Bürger*innen sind gefragt: Wie viel ist ihnen eine ortsnahe Versorgung wert? Die Krankenhausfinanzierung kennt das Instrument des Sicherstellungszuschlags. So können beispielsweise Geburtskliniken, die als notwendig erkannt werden, aber auf Grundlage der geringen Fallzahl nicht mit den gegebenen Fallpauschalen auskommen können, zusätzlich vom Bundesland unterstützt werden. Das Instrument wird nur leider von den Ländern höchst selten eingesetzt.

Was lehrt uns die Corona-Pandemie?
Bis Februar 2020 gingen einige Wissenschaftler*innen so weit, kleinere Krankenhäuser als komplett unnötig zu bezeichnen. Sie wollten sie schließen, weil sie unwirtschaftlich, risikoreicher und schlecht ausgelastet waren. Die Corona-Pandemie hat uns aber gelehrt, dass wir diese Notfallkapazitäten dringend brauchen. Kleinere Krankenhäuser im ländlichen Raum haben zahlreiche Corona-Patient*innen behandelt und damit den Kollaps der großen Krankenhäuser in den Zentren verhindert. Wir sollten uns deshalb abgewöhnen von „Überkapazitäten“ zu sprechen, sondern lieber von „Notfallkapazitäten“ ausgehen.

Was macht gutes Krankenhausmanagement aus?
Kleinere Krankenhäuser im ländlichen Raum bleiben für die Versorgung der Bevölkerung notwendig. Nicht in jedem Einzelfall, aber doch flächendeckend. Und sie bleiben eine Herausforderung, die eine besonders gute Qualifizierung und Motivation der Führungskräfte erfordert. Die Ausbildung der zukünftigen Krankenhausmanager ist eine Aufgabe, der sich die Universität Greifwald in ihrem Master of Science Health Care Management stellt. Nicht, nur für kleinere Krankenhäuser im ländlichen Raum – aber ganz bewusst auch für sie.

Literatur:

  • Fleßa, Steffen (2020): Kleinere Krankenhäuser im ländlichen Raum: Lösungsmodelle für eine finanzierbare Versorgung. Springer Gabler. DOI: 10.1007/978-3-658-28105-2.
  • Fleßa, Steffen (2018): Systemisches Krankenhausmanagement. De Gruyter Oldenbourg. DOI: 10.1515/9783110525687.
  • Fleßa, Steffen; Greiner, Wolfgang (2013): Grundlagen der Gesundheitsökonomie: Eine Einführung in das wirtschaftliche Denken im Gesundheitswesen. 4. Auflage. Springer Gabler. DOI: 10.1007/978-3-642-30919-9.

Sammlungsobjekte werden mittels Metadaten für die Forschung nutzbar gemacht

Kreidebergwerk bei Sassnitz von Otto Jaekel, © Sina Casa Martin
Kreidebergwerk bei Sassnitz von Otto Jaekel, ©Sina_Casa_Martin

An der Universität Greifswald wurden schon seit Jahrhunderten Gemälde für die Galerie der Gelehrtenporträts gesammelt. Die eigentliche Akademische Kunstsammlung entstand im 19. Jahrhundert, parallel zur Sammlung „Vaterländischer Alterthümer“. In Form von Gipsabgüssen antiker Plastiken, Zeichenvorlagen, Münzen und später auch Fotografien bot sie Einblick in die Ästhetik und Lebenswelt der alten Griechen und Römer. Seit 1989 betreut die Kustodie den gesamten Kunstbesitz der Universität. Heute wird nicht nur die Porträtsammlung vervollständigt. Ein Sammlungsschwerpunkt sind auch bildgebende Instrumente aus der Universitätsgeschichte. Das Sammeln und Pflegen solcher Objekte ist die eine Seite der Aufgaben der Kustodie; das Erforschen, Erschließen und digitale Vernetzen der Sammlungsgegenstände mit normgerechten Metadaten und begleitendem Schriftgut ist die andere, sicher aufwendigere Aufgabe.

Wie wichtig diese Aufgabe ist, zeigen zwei Werke zur Erforschung der Rügener Kreide:

Mitte des 19. Jahrhunderts publizierte Friedrich von Hagenow Zeichnungen von Mikrofossilien der Kreide, die er mit einem von ihm erfundenen optischen Hilfsinstrument anfertigte. Das seltene Instrument befindet sich in der Sammlung der Kustodie. Die Vergleichsfossilien sind Teil der paläontologischen Sammlung und die Bibliothek besitzt die Originalpublikationen des Geologen.
Siebzig Jahre später wirkte der Geologe Otto Jaekel in Greifswald. Er ist heute vor allem bekannt aufgrund seiner Ausgrabungen von Dinosaurierfunden in einer Tongrube bei Halberstadt. Darüber hinaus erforschte er die pommersche Kreideküste. Seine Landschaftsbilder der Bodden- und Kreideküste sind bis heute erhalten. Sie dienten als fachdidaktisches Bildmaterial ihrer Zeit und sind kunsthistorisch interessante Bildwerke.

Der Schlüssel, um solche Bildwerke und Sachzeugen digital auffindbar zu machen und ihre unterschiedlichen Bedeutungsebenen zu beleuchten, ist eine ausgeklügelte Verschlagwortung. Das Rechenzentrum, die Sammlungsleiter*innen und die Kustodie erarbeiten ein transdisziplinäres Recherchesystem, in dem zukünftig die verstreut gelagerten Sammlungsobjekte unserer Universität digital aufgefunden und für die Forschung genutzt werden können.


Macht Mikroplastik krank?

Spektrometer als Bodyscanner für Mikroplastik, ©Ricardo_Pires
Spektrometer als Bodyscanner für Mikroplastik, ©Ricardo_Pires

Mikroplastik sind kleinste Plastikteilchen. Für das bloße Auge sind sie meist unsichtbar. Doch sie sind überall: in den Tiefen des Meeres, im Trinkwasser und in der Luft. Für die weltweiten Ökosysteme stellt Mikroplastik eine ernst zu nehmende Bedrohung dar, deren voller Umfang noch nicht absehbar ist. Über die Nahrung gelangen sie auch in den menschlichen Körper.

Welchen Einfluss die kleinen Plastikpartikel auf den menschlichen Körper haben, ist weitgehend unklar. Der Grund dafür ist unter anderem, dass die winzigen Partikel in den komplexen Strukturen von Zellen und Geweben nicht ohne weiteres nachgewiesen werden können. Forschende aus der Physik, Biochemie und Biologie entwickeln im Projekt PlasMark neue physikalische Verfahren, um auch kleinste Kunststoffpartikel sichtbar zu machen und deren Ursprungsmaterial zu identifizieren.

„Wir kombinieren in unserem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt die Fähigkeiten und Expertisen mehrerer Arbeitsgruppen an verschiedenen Instituten“, beschreiben Prof. Mihaela Delcea, Prof. Markus Münzenberg und Dr. Oliver Otto den Beitrag der Universität Greifswald. Beispielsweise wurden am interdisziplinären Institut ZIK HIKE bereits Methoden entwickelt, Herz-Kreislauf-Erkrankungen mittels Biomechanik und Nanotechnologie zu erforschen. Das nun begonnene Projekt geht einen Schritt weiter. Mikroplastikpartikel sollen erstmals mittels modernster Terahertz-Spektroskopie direkt im menschlichen Gewebe bestimmt werden. Die zu untersuchenden Partikel werden dabei zunächst im Labor erzeugt, indem gewöhnliche Plastikflaschen mit sogenannten Mikroscheren zerschnitten werden. Mit den Analyseverfahren, die im Rahmen des Projekts entwickelt werden, wird dann die Wirkung von Mikroplastik auf menschliche Zellen in-vitro untersucht. Die Stärke dieses Verbundprojektes liegt in der Zusammenarbeit aller drei Partner, des ZIK plasmatis, des ZIK HIKE gemeinsam mit der Universität Greifswald sowie des ZIK innoFSPEC. Das Projekt ist zunächst für zwei Jahre ausgelegt. Ziel ist zu verstehen, inwiefern Mikroplastik mit dem Auftreten von Krankheiten assoziiert werden kann.

Weitere Informationen

Partner im Projekt PlasMark:

  • ZIK plasmatis am Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie Greifswald (INP)
  • ZIK HIKE an der Universitätsmedizin Greifswald und der Universität Greifswald
  • ZIK innoFSPEC am Leibniz-Institut für Astrophysik in Potsdam (AIP)

Zur Medieninformation


Stehen Sekundarschüler*innen unter Stress?

Leistungsdruck in der Schule, ©Oliver_Böhm
Leistungsdruck in der Schule, ©Oliver_Böhm

Stress und Burnout in der Bevölkerung nehmen stetig zu. Stress ist mittlerweile eine der häufigsten Ursachen für Krankschreibungen und das frühzeitige Ausscheiden aus dem Arbeitsleben. Anhaltender Stress schädigt unseren Organismus. Er belastet das Herz-Kreislauf-System und wirkt negativ auf den Gemütszustand und die Leistungsfähigkeit von Menschen. Erschreckenderweise berichten sogar jüngere Sekundarschüler*innen zunehmend von Schlafstörungen, Bauchweh, Schwindel und Müdigkeit. Sie fühlen sich den Anforderungen und möglichen Erwartungen aus Schule und Familie nicht gewachsen.

Aus der Stressforschung ist bekannt, dass Individuen Stressoren unterschiedlich bewerten und verarbeiten. Bei einigen Schüler*innen löst eine bevorstehende Unterrichtsstunde Stress aus. Schon beim Gedanken an Schule dreht sich ihnen der Magen um. Andere Schüler*innen freuen sich, in die Schule zu gehen, um dort Neues zu lernen und Herausforderungen zu begegnen. Bislang ist wenig darüber bekannt, wie individuelle und kontextuelle Bedingungen mit der Wahrnehmung von Stress und mit körperlichen Stressreaktionen von Schüler*innen zusammenhängen und welche Resilienzfaktoren dazu beitragen, dass Schüler*innen Herausforderungen meistern und sich in der Schule wohlfühlen.

Unter der Leitung von Dr. Frances Hoferichter untersucht eine interdisziplinär ausgerichtete Arbeitsgruppe am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Greifswald, inwiefern Eltern, Lehrer*innen und Mitschüler*innen dazu beitragen können, dass Sekundarschüler*innen aus Mecklenburg-Vorpommern weniger Stress empfinden und geringere körperliche Stressreaktionen zeigen. Dafür beantworteten 733 Schüler*innen der siebten und achten Klasse aus zwölf Regionalen Schulen und Gymnasien Fragen zur Qualität ihrer sozialen Beziehungen, ihrem Wohlbefinden, Stress und Schulburnout sowie zur Persönlichkeit und Resilienz.

Die Ergebnisse aus den Fragebögen wurden ergänzt durch Biomarkertests, an denen 83 zufällig ausgewählte Schüler*innen freiwillig teilnahmen. In den Tests wurden das Stresshormon-Niveau und der oxidative Stress ermittelt. Durch einen innovativen Zugang zum Thema und das komplexe Forschungsdesign kann ein vielschichtiges Bild über Stressmechanismen generiert und Empfehlungen für die Gestaltung des Unterrichts abgeleitet werden. Schüler*innen sollen damit beim Lernen und in ihrer Entwicklung effektiv unterstützt werden. Mit der Zusammenführung von biologischen Stressmarkern und Selbstberichtsdaten über individuelle und kontextuelle Faktoren, die das Stressempfinden und Wohlbefinden beeinflussen, ist die Studie an der Schnittstelle von Bildungswissenschaft, Psychologie und Biologie angesiedelt. Erste Ergebnisse zeigen, dass Schüler*innen weniger Stress empfinden sowie körperlichen Stress aufweisen, wenn sie sich von ihren Eltern und Lehrer*innen unterstützt fühlen, was gleichermaßen für Jungen und Mädchen sowohl unabhängig von der Schulform und soziökonomischem Status gilt. Weitere Ergebnisse zur Nutzung von sozialen Medien zeigen, dass Schüler*innen, die täglich in sozialen Medien aktiv sind, mehr körperlichen Stress aufweisen (connection overload) und das Bedürfnis, Bilder in sozialen Medien hochzuladen (approval anxiety), mit subjektivem Stresserleben einhergeht.


Fressen Enzyme unseren Plastikmüll?

Enzyme und unser Plastikmüll ©Jan_Meßerschmidt
Enzyme und unser Plastikmüll, ©Jan_Meßerschmidt

Kunststoffe sind an sich wunderbare Materialien, weil sie extrem vielseitig einsetzbar und nahezu ewig haltbar sind. Doch genau dies ist auch der Grund für ein großes Umweltproblem. Nach rund 100 Jahren Kunststoffproduktion sind Plastikpartikel inzwischen überall: in den Ozeanen, im Grundwasser, in der Luft und in der Nahrungskette. Fressen können Enzyme unseren Plastikmüll nicht. Sie können Plastik aber immerhin in seine Bestandteile zerlegen. Dies gelingt bislang jedoch nur für Polyester wie PET, woraus beispielsweise Getränkeflaschen hergestellt werden. In der Tat gibt es ein Bakterium, das PET abbauen und die Bruchstücke als Nahrungsquelle verwenden kann. Ein japanisches Team hatte dieses Bakterium (Ideonella sakaiensis) im Jahr 2016 entdeckt und herausgefunden, dass es PET mit Hilfe von zwei Enzymen – PETase und MHETase – in seine Bausteine zerlegen kann. Dies geschieht allerdings sehr langsam. Diese Fähigkeit ist aus evolutionärer Sicht hochinteressant, da es diesen Kunststoff erst seit knapp 80 Jahren überhaupt auf der Erde gibt; ein sehr kurzer Zeitraum für die natürliche Evolution von Organismen. In der aktuellen Forschung ist es uns und anderen Arbeitsgruppen nun gelungen, PET-spaltende Enzyme aktiver zu machen. Ein französisches Team hat hierfür bereits ein integriertes Verfahren für das Recycling von PET entwickelt.

Doch was ist mit den vielen anderen Kunststoffen? Weltweit gibt es erhebliche Anstrengungen, die „Plastikkrise“ durch biotechnologische Methoden zu bewältigen. Der Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten widmen sich Forschende der Arbeitsgruppe Biotechnologie und Enzymkatalyse an der Universität Greifswald unter anderem in einem kürzlich in der Zeitschrift Nature Catalysis erschienenen Positionspapier. Gemeinsam erforschen sie in einem von der Europäischen Union im Rahmen von Horizon 2020 geförderten Verbundprojekt MIX-UP mit Forschenden aus China, wie eine Wertschöpfung aus Plastikabfällen, sowohl aus den Ozeanen als auch aus Haushalten, durch biotechnologische Verfahren erzielt werden kann. Wichtig ist, vor allem für langlebiges Plastik eine mittelfristige Lösung zu finden: Ein kontrollierter Abbau sollte innerhalb von wenigen Jahren – statt wie bisher in Hunderten von Jahren – sichergestellt sein. Für eine effiziente Kreislaufwirtschaft von Kunststoffen schlägt das Team sechs Prinzipien vor, damit neu produzierte Kunststoffe unsere Umwelt nicht belasten: „überdenken – ablehnen – reduzieren – wiederverwenden – recyceln – ersetzen“.

Weitere Informationen

Video:

Literatur:


Wahljahr in den USA – Warum Qualitätsjournalismus für eine Demokratie so wichtig ist

Tageszeitungen aus den USA © Martha_Kuhnhenn
Tageszeitungen aus den USA, © Martha_Kuhnhenn

Am 3. November wird der 46. US-Präsident gewählt. Die Wahlen finden im Kontext einer tief gespaltenen Gesellschaft sowie einer gezielt irreführenden Nachrichtenlandschaft statt. Die US-amerikanische Politik spaltet sich im Wesentlichen in Republikaner (mehr oder weniger konservativ) und Demokraten (mehr oder weniger liberal). Auch die großen Nachrichtensender spalten sich in diese Lager. Auf der einen Seite steht der Sender Fox News, 1996 gegründet, der regierungstreu und auf Linie der Republikaner berichtet. Auf der anderen Seite gibt es regierungskritische Sender wie CNN und MSNBC.

Mit Blick auf die Presse und lokale Nachrichten sind in den USA ganze Landstriche zu „Nachrichtenwüsten“ geworden. Seit 2004 sind in den USA 1800 Tageszeitungen von der Bildfläche verschwunden. Die Hälfte aller US-Counties hat nur noch eine lokale Tageszeitung; oft ist es nur noch eine Wochenzeitschrift. Betroffen sind vor allem Regionen, in denen viele ärmere und weniger gebildete Menschen leben. Diese Leserschaft greift vor allem auf nicht redaktionell betreute Online-Medien zurück. Hier trifft sie auf eine Kultur der gezielten Desinformation.

Wie bereits 2016 werden die Wahlen von gezielten Falschmeldungen und online gestreuten Gerüchten über Politiker*innen und Parteien stark beeinflusst. Eine zentrale Rolle spielt Facebook: Facebook war und ist Verbreiter tausender Fake News. Gleichzeitig ist Facebook eine wichtige Informationsquelle für viele Amerikaner*innen. 67 Prozent der US-Amerikaner*innen nutzen Facebook; unter ihnen nutzen 46 Prozent Facebook für die Nachrichteninformation. Zudem informiert sich das Gros der Social-Media-Nutzer*innen lediglich in einem sozialen Netzwerk. Im Wahlkampf 2016 war der*die durchschnittliche US-Amerikaner*in mehr online Falschmeldungen pro Trump als pro Clinton ausgesetzt. Zu welchem Grad Online-Fake-News jedoch den Wahlausgang beeinflussten, bleibt unklar.

Der Erfolg von Fake News macht Schwachstellen und Gefahren auf verschiedenen Ebenen deutlich. Dazu gehören die Profitlogik von Medien, die Spaltung der Gesellschaft sowie politische Kräfte, die mehr oder weniger offen der Demokratie schaden wollen. Qualitätsjournalismus schwindet an vielen Stellen. Dieser ist jedoch von zentraler Bedeutung, um Fake News und die dahinterstehenden Interessen aufzudecken. Die Wahl am 3. November wird zeigen, wie sich die US-Amerikanische Gesellschaft positioniert.

Weitere Informationen

Ansprechpartnerin
Dr. Martha Kuhnhenn

 

 


Pneumokokken – Zwischen harmlosem Besiedler und gefährlichem Erreger

Infektionsforschung an der Uni Greifswald © Till_Junker
Infektionsforschung an der Uni Greifswald, © Till_Junker

Pneumokokken können Infektionen wie Lüngenentzündungen auslösen
Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae) sind einerseits harmlose Bakterien, die symptomlos die oberen Atemwege des Menschen besiedeln können. Träger sind vor allem Kinder, die die Bakterien durch Tröpfcheninfektionen übertragen. Pneumokokken sind sehr anpassungsfähig. Sie finden die Schwäche ihres Wirtes und nutzen diese aus. Bei einem geschwächten Immunsystem können Pneumokokken schnell von einem harmlosen Besiedler zu einem gefährlichen Erreger werden und schwerwiegende Infektionen hervorrufen, wie eine Lungenentzündung (Pneumonie), die häufig einen schweren Verlauf nimmt und mit einer Blutvergiftung (Sepsis) einhergehen kann. Es wird oft vergessenen, dass eine Lungenentzündung für Kinder schnell tödlich enden kann. Auf der ganzen Welt sind Pneumokokken der bedeutendste Auslöser schwerer Pneumonien bei Kindern. Es wird geschätzt, dass jedes Jahr mehr als 150 Millionen Lungenentzündungen bei Kleinkindern in Entwicklungsländern auftreten. Das macht mehr als 95 Prozent aller Fälle weltweit aus. Mehr als zwei Millionen Kinder sterben jährlich an dieser Krankheit. Darüber hinaus können Pneumokokken neben milderen Nasennebenhöhlen- und Mittelohrentzündungen auch lebensbedrohliche Hirnhautentzündungen verursachen. Abgesehen von Kleinkindern sind zudem auch ältere und immungeschwächte Menschen einem erhöhten Risiko ausgesetzt.

Wie Virulenzfaktoren als Türöffner für den menschlichen Körper dienen können
Um sich im Wirt durchzusetzen, produzieren die Pneumokokken Zuckerstrukturen und Proteine, so genannte Virulenzfaktoren, die den Wirt schädigen können, das Immunsystem des Wirts manipulieren oder auch ausnutzen. Virulenzfaktoren dienen den Pneumokokken beispielsweise dazu, sich an Zellen im Nasenrachenraum oder der Lunge des Menschen anzuheften und in tieferes Gewebe einzudringen. Andere Virulenzfaktoren vermeiden Abwehrmechanismen oder verhindern, dass das Immunsystem des Wirts reagieren kann. Dadurch können die Bakterien im Menschen überleben. Einer der wichtigsten Virulenzfaktoren ist das Kapselpolysaccharid, eine variable Zuckerstruktur, die die Pneumokokken ummantelt und sie so davor schützt, von Fresszellen erkannt und beseitigt zu werden. Pneumokokken produzieren zudem ein Toxin, das Pneumolysin. Es wird freigesetzt, wenn Pneumokokken im Wirt absterben. Freigesetztes Pneumolysin bindet an die Membran von Wirtszellen und bildet dort Poren. Dadurch sterben die Wirtszellen ab und die Barrieren oder die Abwehrzellen werden geschädigt.

Worauf Schutzimpfungen gegen Pneumokokken basieren
Basierend auf den Kapselpolysacchariden werden Pneumokokken in Serotypen eingeteilt, von denen bis heute über 95 bekannt sind. Diese Kapselpolysaccharide bilden auch die Grundlage für die derzeitig verfügbaren Impfstoffe. Die Pneumokokken-Impfung wird als Standardimpfung für alle Säuglinge und Kleinkinder sowie für Menschen ab 60 Jahren empfohlen. Zukünftig werden jedoch neue Impfstoffe benötigt, da die Wirksamkeit der bisherigen Impfstoffe auf die von ihnen abgedeckten Serotypen beschränkt ist. Derzeit bieten Pneumokokken-Impfstoffe demnach gegen maximal 23 Serotypen einen Schutz.

Was die Pneumokokken-Forschung im Visier hat
Forschende der Universität Greifswald untersuchen unter Ausnutzung verschiedener Infektionsmodelle die Wirt-Erreger-Interaktionen der Pneumokokken, um die Mechanismen zu verstehen, die für eine erfolgreiche Besiedlung des Nasenrachenraumes und die Umwandlung in ein aggressives Bakterium notwendig sind. Dazu werden bakterielle Virulenzfaktoren identifiziert und ihre Funktion sowie Struktur aufgeklärt, die eine Kolonisierung und das Durchbrechen der Lungenbarriere ermöglichen. Auf der anderen Seite gehen die Forscher*innen den Mechanismen auf den Grund, welche es den Pneumokokken ermöglichen, der Immunabwehr durch den Menschen zu entkommen. Weitere Forschungsprojekte zielen darauf ab, neue Impfstoffkandidaten zu finden, die eine Basis für einen Serotyp-unabhängigen Impfstoff bilden sollen.

Weitere Informationen

Ansprechpartner*innen
Prof. Dr. Sven Hammerschmidt
Dr. Franziska Voß


Was der winterliche Schrumpel-Apfel besser kann als importiertes Obst

Früchte aus dem Arnoldischen Obst-Cabinet ©Martin_Schnittler
Früchte aus dem Arnoldischen Obst-Cabinet, ©Martin_Schnittler

Am Institut für Botanik und Landschaftsökologie gibt es eine seltene Sammlung von Obstmodellen: das „Arnoldische Obst-Cabinet“. Die Äpfel, Birnen oder Pfirsiche sehen täuschend echt aus. Die Modelle wurden zwischen 1856 und 1899 von Heinrich Arnoldi (1813–1885) aus einer speziellen Gipsmasse gegossen und anschließend aufwändig gestaltet. Arnoldi verkaufte seine Früchte zusammen mit detailreichen Beschreibungen an Obstbauern und als Lehrmittel an wissenschaftliche Institute – darunter die Universität Greifswald. Aber auch Liebhaber kauften die täuschend echten Früchte und stellten sie sich als Dekorationsobjekte in ihre Wohnungen.  

Arnoldis Cabinet gilt heute als eines der sortenreichsten und schönsten Obstkabinette. Die Greifswalder Sammlung umfasst noch 214 von insgesamt 455 Modellen aus der Arnoldischen Manufaktur, darunter 104 Äpfel, 73 Birnen und einige andere Obstsorten. Ein Teil der Sammlung wird derzeit im Humboldt Forum in Berlin ausgestellt.

Die Modelle zeigen uns heute, welche Obstsorten im 18. und 19. Jahrhundert im mitteleuropäischen Raum angebaut wurden. Sie führen uns vor Augen, wie vielfältig die heimische Sortenvielfalt sein könnte. In unseren Supermärkten wird – einschließlich der Importware – nur ein Bruchteil dieser Obstsorten angeboten. Zu Arnoldis Zeiten gab es beispielsweise Äpfel für jeden Zweck und für jede Jahreszeit. Es gab Äpfel zum Backen, zum Entsaften und für das Dessert. Es gab Sorten für den Sommer, den Herbst und den Winter. Einige Apfelsorten wurden im Herbst geerntet, mussten aber noch reifen und waren erst zu Weihnachten oder im Januar genießbar.

Der Obstanbau war zu Arnoldis Zeiten nicht nur geprägt von großer Sortenvielfalt. Obst wurde damals auf Streuobstwiesen angepflanzt und geerntet. Denn fast alle Obstbäume müssen fremdbestäubt werden. Es braucht also einen zweiten Baum in der Nähe und die Hilfe von Bienen. Streuobstwiesen tragen auch zum Erhalt der Artenvielfalt bei. Mit der Modernisierung des Obstanbaus nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele dieser Streuostwiesen gerodet.

Die Modelle sind heute ein Forschungsobjekt in der Pomologie, der Lehre von den Obstsorten. Die Pomologie entwickelte sich im 18. Jahrhundert und war im 19. Jahrhundert weit verbreitet. Heute lebt das Interesse an den alten Obstsorten wieder auf. Denn alte Obstsorten haben viel zu bieten: Sie sind vielfältiger, sie schmecken oft besser und sind dazu oft haltbarer. Außerdem können sie regional erzeugt und vertrieben werden. Das wiederum ist gut für die CO2-Bilanz und das Klima. Angesichts des Klimawandels ist die Sammlung heute auch wieder für die Landwirtschaft relevant. Denn alte Sorten sind teils besser für den Klimawandel gerüstet als die empfindlichen Supermarkt-Sorten. In Zukunft könnte der winterliche Schrumpel-Apfel wieder eine ernsthafte Alternative zu importiertem Obst vom anderen Ende der Welt sein.


Wie Gletscher die Rügener Kreideküste formten

Kreideschuppen an der Ostküste der Halbinsel Jasmund @Anna_Gehrmann
Kreideschuppen an der Ostküste der Halbinsel Jasmund, @Anna_Gehrmann

Die Rügener Schreibkreide entstand vor etwa 70 Millionen Jahren als Meeresablagerung. Vor weniger als 20 000 Jahren, in der Weichsel-Kaltzeit, wurden diese Ablagerungen großräumig vom Eis verformt. Denn Rügen lag während der Weichselvereisung im Randbereich des Skandinavischen Inlandeises. Das Eis ist im Laufe der Kaltzeit mehrmals angewachsen und zurückgeschmolzen. In dem Gebiet der heutigen Rügener Kreideküste hat es mindestens zwei heftige Gletschervorstöße gegeben. Die Gletscher haben die Kreide in einer Tiefe von rund 100 Meter abgeschert und herausgehoben. Dabei wurde die Kreide gefaltet und in Schuppen zerlegt. Die Schuppen wurden vor dem Gletscher dachziegelartig übereinander geschoben.
Die Oberflächenformen der Halbinsel Jasmund im Nordosten der Insel Rügen und komplizierte innere Strukturen der Kreide geben Aufschluss über die einzelnen Gletschervorstöße. Die Verformungsprozesse können mit Hilfe von Rechenmodellen am Computer schrittweise aufgedeckt werden. Die Untersuchungen haben gezeigt, dass zuerst der nördliche Teil Jasmunds durch einen Gletschervorstoß aus Nordosten gebildet wurde. Danach entstand der südliche Teil Jasmunds durch einen lokalen Eisschub aus südlicher Richtung. Die höchste Erhebung an der Küste, der Königsstuhl (118 Meter über NN), stellt einen Grenzbereich zwischen dem glazitektonischen Nord- und Südteil der Halbinsel dar.
Das Ergebnis der gewaltigen Verformungen können Interessierte heute selbst beobachten, wenn sie die Kreideküste im Osten und Norden von Jasmund besuchen. Das weiße Lockergestein enthält dunkle Feuersteinlagen, die ursprünglich horizontal abgelagert wurden, heute jedoch unterschiedlich stark geneigt und gefaltet sind. Außerdem treten regelmäßig Abschnitte auf, die braun, grau und ocker gefärbte Ablagerungen aus Geschiebemergel, Ton, Sand oder Kies enthalten. Diese jüngeren Ablagerungen aus den vorherigen Eisvorstößen markieren immer das hintere Ende einer Schuppe und die Nähe zu einer weiteren Überschiebungsbahn.
Das neu entwickelte Entstehungsmodell der Halbinsel Jasmund zeigt, dass die Rügener Schreibkreide zwischen Sassnitz und dem Königsstuhl durch die Kraft eines Gletschers um die Hälfte von elf auf etwa 5,5 Kilometer zusammengeschoben wurde. Ursprünglich lag die Kreide, die wir heute an der Küste sehen können, weiter südöstlich in der Prorer Wiek.

Weitere Informationen

Literatur


Zucker aus dem Meer

Polysaccharid-abbauende Bakterien (türkis) an einer Kieselalge @Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie / I. Bakenhus
Polysaccharid-abbauende Bakterien (türkis) an einer Kieselalge, @Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie / I. Bakenhus

Mehrfachzucker, auch Polysaccharide genannt, sind die chemisch komplexesten Makromoleküle in der Natur. Sie bestehen aus verschieden verknüpften Zuckermolekülen, die mit einer Vielzahl weiterer funktioneller Gruppen verwoben sind. Meeresalgen produzieren viele verschiedene Arten dieser komplexen Zuckerverbindungen. Algenbiomasse kann zu mehr als 50 Prozent aus Mehrfachzuckern bestehen. Damit der Zucker aus Algen in Zukunft biotechnologisch genutzt werden kann, müssen neue enzymatische Verfahren geschaffen werden. Die Werkzeuge für diese Verfahren liefern Zucker abbauende marine Bakterien, die während Algenblüten im Meerwasser in hoher Zahl zu finden sind. Marine Bakterien, die auf die Zersetzung von Algenzuckern spezialisiert sind, weisen eine bemerkenswerte Vielfalt an kohlenhydrataktiven Enzymen auf. Diese Enzyme sind nötig, damit Bakterien im Team die komplexen Algenzucker verwerten können. Diese Abbauwege werden durch aufeinander abgestimmte Enzymkaskaden vermittelt, an denen an der Universität Greifswald mit Partnern in Bremen im Rahmen der Forschungsgruppe POMPU (FOR 2406) sowie im Rahmen der BMBF Initiativen Plant3 sowie BaMS gearbeitet wird.

Weiterführende Literatur


Wie die alten Finnen auf die Erbse kamen – Sprachhistorische Evidenz als wichtige Quelle vorhistorischer Kulturentwicklung

Symbolbild Erbsen ©Laura_Schirrmeister
Symbolbild Erbsen, ©Laura_Schirrmeister

Zur Beurteilung früher Kulturkontakte im Ostseeraum nimmt die Sprachwissenschaft häufig eine Schlüsselrolle ein, denn im Wortschatz einer Sprache spiegeln sich jene Wege wider, auf denen ihre Sprecher*innen vor Jahrtausenden mit kulturellen Innovationen in Kontakt kamen. Der etymologischen Entschlüsselung dieser Spuren widmet sich die Lehnwortforschung als eine hochkomplexe linguistische Disziplin, die gerade in nördlichen Gefilden selbst der Archäologie einen Schritt voraus sein kann. Linguistisch galt es so seit geraumer Zeit als gesichert, dass die Urahnen der Esten und Finnen die Erbse als Kulturpflanze bei ackerbauenden baltischen Stämmen an der Südküste des Finnischen Meerbusens kennengelernt hatten. Permanenten Zweifel daran meldete jedoch aus klimatischen Erwägungen lange die Archäologie an, bis schließlich neuere Ausgrabungen in Litauen den Anbau der Hülsenfrüchte seit der Übergangsphase von der Bronze- zur Eisenzeit sicher belegten. Die lautlichen und zeitlichen Rekonstruktionen der Linguisten hatten also bereits viel früher gezeigt, dass die heutigen ostseefinnischen Wörter für Erbse (finnisch herne, estnisch hernes) sicher auf ein urbaltisches Wort zurückgehen, das sich im heutigen Litauischen als žirnis präsentiert. Mit der Bewertung und Systematisierung hunderter ähnlicher Fälle beschäftigt sich das Forschungsprojekt Baltische und ostseefinnische Sprachen im vorhistorischen Kontakt am Lehrstuhl für Fennistik.

Die sprachliche Ausbildung an der Greifswalder Fennistik widmet sich jedoch weniger der vorhistorischen „Erbsenzählerei“ als vielmehr der Vermittlung der modernen Sprachen und Kulturen Finnlands und Estlands. Am ältesten Finnischlektorat des deutschsprachigen Raums und am einzigem Gastlektorat für Estnisch gibt es beste Voraussetzungen für alle Studieninteressierten.

Weitere Informationen: Interview mit dem Projektleiter Dr. Santeri Junttila


Die wahren Kosten von Lebensmitteln

Symbolbild Lebensmittel ©Amelie Michalke
Symbolbild Lebensmittel, ©Amelie_Michalke

Was kosten uns Lebensmittel wirklich? Mit dieser Frage ist nicht nur der Preis gemeint, den wir als Verbraucher im Supermarkt zahlen müssen. Bei Lebensmitteln lassen sich auch ökologische und soziale Folgekosten berechnen: Die sogenannten wahren Kosten (True Costs). Das sind Kosten die z. B. bei der Aufbereitung von Wasserverschmutzung, Schadstoffausstoß durch Futterproduktion oder Beheizung von Ställen entstehen und von der gesamten Gesellschaft ausgeglichen werden müssen.

Forschende der Universität Greifswald und der Universität Augsburg haben diese Kosten in einem Praxisprojekt mit der PENNY Markt GmbH untersucht. Für die Berechnung bekommen die Faktoren der Treibhausgasemissionen, der reaktiven Stickstoffemissionen, des Energieverbrauchs und der Landnutzungsänderungen, verursacht durch biologische und konventionelle Lebensmittelerzeugung, einen Preis. Die Untersuchungen zeigen teilweise sehr große Preisunterschiede zwischen den aktuellen Marktpreisen und den wahren Kosten, vor allem bei tierischen Lebensmitteln, die auf herkömmliche Weise produziert wurden.

Konventionelles Fleisch müsste inklusive der wahren Kosten eigentlich bis zu 173 % teurer sein. Bio-Fleisch würde mit den versteckten Kosten immerhin auch noch 126 % mehr kosten. Pflanzliche Lebensmittel schneiden relativ gut ab, hier ist die Bepreisung schon relativ sinnvoll und nah an den wahren Kosten. Die hohen Kosten für tierische Produkte kommen vor allem durch die ressourcenintensive Aufzucht und die Fütterung der Tiere, sowie durch Emissionen bei der Verdauung der Tiere zustande. Konventionelle und Bioprodukte unterscheiden sich vor allem durch künstlichen Stickstoffdünger und importierte Futtermittel, welche in der Bioproduktion nicht oder nur eingeschränkt zugelassen sind und sich stark auf die Ökobilanz auswirken.

Die Forscher*innen erhoffen sich aus dem Praxisprojekt mit PENNY und den weiteren Forschungen die gesellschaftliche Diskussion voranzutreiben und auch mit politischen Entscheidungsträger*innen über mögliche Maßnahmen der Internalisierung ökologischer Folgekosten zu diskutieren. 

Medieninformation
Projekthintergrund
Podcast zum Thema vom Handelsblatt


Wird auf Instagram einfach alles geliket?

Anzahl der Likes zu Posts von deutschsprachigen Nachrichtenanbietern ©Grafik: Jakob Jünger
Anzahl der Likes zu Posts von deutschsprachigen Nachrichtenanbietern, Grafik: ©Jakob_Jünger

Wovon hängt eigentlich ab, was man auf Instagram, Twitter oder YouTube liket? Natürlich spielt eine Rolle, was einem gut gefällt. Es gibt aber auch strukturelle Einflüsse: Um einen Post liken zu können, muss er sichtbar sein. Und umso öfter er gelikt wird, umso sichtbarer wird er, dafür sorgen die Empfehlungssysteme der Plattformen. Umso sichtbarer ein Post wird, umso mehr Likes bekommt er wiederum. Dieser Verstärkungsprozess ist ein ganz zentraler Mechanismus bei der Entwicklung von sozialen Netzwerken, im Internet aber auch im Freundes- und Bekanntenkreis. Wer hat, dem wird gegeben. In sozialen Netzwerken wird dieser Mechanismus Preferential Attachment genannt.

Normalerweise gehen wir deshalb davon aus, dass die meisten Posts sehr wenige Likes bekommen und nur sehr wenige Posts ganz viele Likes bekommen – es entsteht eine schiefe Pareto-Verteilung wie man sie in der Grafik bei Twitter oder YouTube erkennt. Die Daten kommen aus dem LIKE-Projekt und enthalten alle Posts von deutschen Nachrichtenseiten im letzten Winter. Um die Verteilung der Likes besser sichtbar zu machen, sind die Achsen logarithmisch skaliert. Zum Beispiel haben auf Twitter über 100 000 Tweets kein Like und nur knapp 50 Tweets bekommen über 1000 Likes. Insgesamt sind in der Stichprobe über 270 000 Tweets enthalten.

Eine der Grafiken stellt uns (noch) vor ein Rätsel: Bei Instagram gibt es kaum Posts ohne Likes, was der Verteilungsannahme widerspricht.

Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft


Torfmoose tragen zum Klimaschutz bei

Bei den Torfmoosen sind die obersten Zweige dicht zu Köpfchen zusammengestellt. Die Stängel tragen sowohl abstehende als auch anliegende Seitenäste. ©Peter König
Bei den Torfmoosen sind die obersten Zweige dicht zu Köpfchen zusammengestellt. Die Stängel tragen sowohl abstehende als auch anliegende Seitenäste. ©Peter_König

In Deutschland sind alle Torfmoose nach der Bundesartenschutzverordnung geschützt. Weltweit gibt es rund 300 Arten. Torfmoose sind vor allem in Hochmooren anzutreffen. Alle lebensnotwendigen Stoffe entziehen sie dem nährstoffarmen Substrat durch Ionenaustausch.
Torfmoose sorgen dafür, dass Moore nicht austrocknen, denn sie können ein Vielfaches ihres Eigengewichts an Wasser speichern. Damit tragen Sie auch zum Klimaschutz bei. Schließlich binden intakte Moore viel CO2.
Sterben die Pflanzen ab, so entsteht Torf, welcher manchmal handelsüblicher Blumenerde beigemischt ist. Im Handel gibt es jedoch auch sehr gute Torfersatzstoffe. Für den Garten haben sich Kokos- und Holzfasern bewährt, für Topfkulturen ist Nadelerde eine bessere Alternative, und im Freiland kann Schälrinde verwendet werden.

Mehr Informationen über Torfmoose sowie über 22 weitere Moosarten gibt es auf dem kürzlich eröffneten Lehrpfad „Ohne Moos nichts los“ im Botanischen Garten der Universität Greifswald. Zum Botanischen Garten


Woran erinnert der Gedenkstein im Ostseebad Boltenhagen?

Gedenkstein im Strandbad Boltenhagen ©privat
Gedenkstein im Strandbad Boltenhagen, ©privat

Links vor der Seebrücke in Boltenhagen erinnert eine auf einem Findling angebrachte Plakette an Geschichten aus der DDR-Zeit, deren Dramatik sich heute kaum mehr erahnen lässt. Auf dem Gedenkstein, der im Jahr 2000 auf Initiative einer Bürgerin aus Dahme enthüllt wurde, steht: „Über der Ostsee leuchtete für uns das Licht der Freiheit! Den DDR-Flüchtlingen 1961–1989“.

Das mecklenburgische Boltenhagen und das schleswig-holsteinische Dahme verbindet eine gemeinsame Geschichte: Einige freiheitssuchende Menschen aus der DDR wählten die Route über das Meer, wobei ihnen der Leuchtturm von Dahmeshöved den Weg wies. Diese Orientierungsmarke für die DDR-Flüchtlinge erhielt daher den Beinamen „Licht der Freiheit“. Etwa 30 km Luftlinie lagen zwischen Boltenhagen und Dahme. Viele Fluchtversuche endeten mit dem Tod, weil die Strömungsverhältnisse zu unberechenbar waren, das Wasser zu kalt war oder die Kraft der Schwimmenden am Ende nachließ. Doch immer wieder sind Fluchten auch geglückt, wie die von Erhard Schelter, der seinen Kompagnon im September 1974 stundenlang bewusstlos hinter sich herzog, bis beide von einer Fähre in der Lübecker Bucht aufgenommen wurden.

Weitere Informationen

  • Website des Verbundprojektes Ostseefluchten
  • Artikel „Forschungsprojekt untersucht Todesfälle bei Fluchtversuchen über die Ostsee“ im Campus 1456 Magazin der Uni Greifswald, Nr. 13/April 2020, S. 14/15
  • Artikel „Wer sind die Toten aus der Ostsee?“ von Michael Meyer in der Ostsee-Zeitung vom 29.07.2020, Magazin, S. 1.
  • Rätzke, Dorian: Zwischen Stacheldraht und Strandkorb. DDR-Alltag an der Lübecker Bucht. 3., akt. und erw. Auflage, Boltenhagen 2014. Maltzahn, Dietrich von: Querlage. Meine Erlebnisse als Arzt in Ost und West. Boltenhagen 2013. Müller, Christine/Müller, Bodo: Über die Ostsee in die Freiheit. Dramatische Fluchtgeschichten. Bielefeld 1992.

Dinosaurier Irritator challengeri ernährte sich vorwiegend von kleinen Beutetieren

Digitale Darstellung der linken Schädelhälfte ©Marco Schade
Digitale Darstellung der linken Schädelhälfte, ©Marco_Schade

Spinosaurier waren riesige fisch- und fleischfressende Dinosaurier, die vor allem an ihrer verlängerten Schnauze, kräftigen Vordergliedmaßen und teils verlängerten Fortsätzen von Wirbeln erkennbar sind. Unter den aus der Kreidezeit stammenden Fossilien der Spinosaurier stellen Schädelfunde eine Seltenheit dar. Ein Forscherteam, zu dem auch der Greifswalder Paläontologe Marco Schade gehört, hatte jedoch die Möglichkeit einen aus Brasilien stammenden und fast vollständig erhaltenen Schädel inklusive Gehirnkapsel des Irritator challengeri zu untersuchen. Mithilfe von sog. CT-Scannern konnten durch Schicht für Schicht erstellte Röntgenbilder neue Einblicke in den Aufbau von Gehirn und Innenohr des ausgestorbenen Riesen gewonnen werden. Diese Einblicke verraten einiges über die Lebensweise und Futtervorlieben von Irritator challengeri, unter anderem auch, wie gut er an vorherrschende Umwelteinflüsse angepasst war, wie gut er hören konnte und welche Beute er jagte. Die Analysen des Schädels bestätigen, dass sich das Tier vorwiegend von kleinen Beutetieren wie Fischen ernährte. Die Ergebnisse der Studie sind in Scientific Reports (doi: 10.1038/s41598-020-66261-w) erschienen und stehen Interessierten als Open Access zur Verfügung.

Zur Medieninformation

Info: In unserer nächsten Ausgabe von Campus 1456 erscheint zu diesem Thema ein Artikel in der Rubrik „Forschung“. Der Veröffentlichungstermin liegt im Oktober 2020.


Fledermäuse füttern fleischfressende Kannenpflanzen mit ihrem Kot

Kannenpflanze im Botanischen Garten ©Jan Meßerschmidt
Kannenpflanze im Botanischen Garten, ©Jan_Meßerschmidt

Dr. Caroline Schöner und Dr. Michael Schöner aus der Arbeitsgruppe Angewandte Zoologie und Naturschutz staunten nicht schlecht, als sie zum ersten Mal auf Borneo eine Wollfledermaus in einer fleischfressenden Kannenpflanze fanden. Das Tier erfreute sich bester Gesundheit und stand offensichtlich nicht auf dem Speiseplan einer Pflanzengattung, deren Vertreter sich eigentlich von Insekten ernähren, um Nähstoffmängel auszugleichen. Was hatte dies zu bedeuten? In einer Reihe von Studien konnten die beiden Wissenschaftler zeigen, dass die Pflanzen den Fledermäusen komfortable Quartiere bieten mit einem stabilen Mikroklima, ohne Parasiten oder Konkurrenz durch andere Fledermausarten. Damit die Fledermäuse auf sie aufmerksam werden, haben die Pflanzen eine Struktur entwickelt, die die Echoortungsrufe der Tiere laut reflektiert. Als „Miete“ hinterlassen die Fledermäuse, während sie in den Kannen schlafen, ihren Kot – ein nitratreicher Dünger, von dem die Kannenpflanzen sogar besser profitieren als von Insekten.

Weiterführende Literatur


Braune Witwenspinne mit kannibalistischem Paarungsverhalten

Braune Witwenspinne ©Lenka Sentenská
Braune Witwenspinne, ©Lenka_Sentenská

Normalerweise paaren sich Tiere, wenn sie erwachsen sind. Die meisten wirbellosen Tiere, wie zum Beispiel Spinnen, durchlaufen mehrere Häutungen. Dabei wachsen sie. Ab einer bestimmten Häutungsanzahl sind die Geschlechtsorgane innerlich und äußerlich herangereift. Erst ab dann sind Paarungen möglich. Bei der Braunen Witwenspinne Latrodectus geometricus enden Paarungen zwischen Weibchen und Männchen unweigerlich mit dem Tod des Männchens. Ein Männchen hat daher normalerweise nur einmal in seinem Leben die Chance zu einer Paarung.

Die Männchen überleben die Paarung jedoch, wenn sie sich mit einem noch nicht erwachsenen Weibchen paaren: Paarungen mit Weibchen, die wenige Tage vor ihrer Reifehäutung stehen, töten ihre Paarunsgpartner nicht. Die Männchen beißen mit ihren Kieferklauen die Körperdecke subadulter Weibchen in der Genitalregion auf und können so in die darunterliegenden, schon entwickelten Genitalstrukturen des Weibchens Spermien übertragen.  

Dr. Lenka Sentenská und Prof. Dr. Yael Lubin haben zusammen mit Prof. Dr. Gabriele Uhl untersucht, ob die Männchen dieser Art eine Präferenz für risikofreie Paarungen mit subadulten Weibchen haben. In kontrollierten Wahlversuchen stellte sich heraus, dass Männchen –  ungeachtet des tödlichen Ausgangs –  immer erwachsene Weibchen ansteuern, und nicht die subadulten.  Daraus ergibt sich, dass adulte Weibchen Fernlockstoffe einsetzen, subadulte dagegen nicht. Dies deutet darauf hin, dass in der Natur den subadulten Weibchen Nachteile durch die frühen Verpaarungen entstehen– diese für die Männchen aber von Vorteil sind.

Studie
Allgemeine und Systematische Zoologie
Zoologisches Institut und Museum


Der „Priming-Effekt“ als wichtiger Faktor bei der Freisetzung von Kohlenstoff aus Permafrost

Permafrostregion ©Ive van Krunkelsven
Permafrostregion, ©Ive_van_Krunkelsven

Permafrost ist dauerhaft gefrorener Boden, der mehr Kohlenstoff speichert, als alle Pflanzen auf der Erde und die Atmosphäre zusammen. Taut der Permafrost in der Arktis, könnten immense Mengen an Kohlenstoff freigesetzt werden. Wie viel genau kann von Forschenden in Klimamodellen berechnet werden. Erstmals hat ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der AG Experimentelle Pflanzenökologie der Universität Greifswald bei diesen Berechnungen den sognannten „Priming-Effekt“ mit einbezogen. Dieser Effekt findet zwischen Pflanzen und Mikroben statt. Er tritt auf, wenn im Sommer der Permafrost auftaut. Die darin wurzelnden Pflanzen erwachen zum Leben und geben Kohlenstoff an die Mikroorganismen im Boden ab, was diesen ermöglicht mehr Humus zu zersetzen.

Durch die Studie konnten erstmals Auswirkungen des „Priming-Effekts“ auf die Kohlendioxidkonzentration der Atmosphäre nachgewiesen werden. Die Interaktion kleinster Mikroorganismen und Pflanzenwurzeln kann somit eine globale Wirkung haben. Allein durch diesen Effekt könnten bis zum Jahr 2100 zusätzlich 40 Gigatonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangen.

Zur Medieninformation
Zur Studie


Trockenheit der vergangenen Sommer erlaubt Ausblick auf die Zukunft des Waldes

Im Universitätswald in Eldena ©Till_Junker
Im Universitätswald in Eldena – ©Till_Junker

Die Sommer in den Jahren 2018 und 2019 waren extrem warm und trocken. Doch welche Prognosen können vor diesem Hintergrund auf das Baumwachstum der regionalen Wälder gemacht werden? Um das herauszufinden, haben Wissenschaftler der Arbeitsgruppe Landschaftsökologie und Ökosystemdynamik am Institut für Botanik und Landschaftsökologie in einer Studie untersucht, wie sich das Dickenwachstum verschiedener typischer Laubbaumarten des Norddeutschen Tieflandes wie Buche, Eiche, Ahorn und Hainbuche entwickelt. Interessant ist, dass sich das Baumwachstum in beiden Jahren signifikant unterscheidet. 2018 konnten alle Baumarten von den sehr feuchten Winterbedingungen profitieren und zeigten in Norddeutschland trotz Rekordtemperaturen und Trockenheit im Sommer ein überdurchschnittliches Wachstum. Ganz anders 2019. Hier waren schon im Frühjahr die Bodenwasserspeicher leer, Buche und Hainbuche reagierten mit Wachstumseinbrüchen von bis zu 70 Prozent. Bergahorn und Eiche waren zwar nicht so stark betroffen, doch auch hier lag das Wachstum deutlich unter dem Durchschnittswert der vorhergehenden Jahre. Im Vergleich mit den Klimadaten der vergangenen 100 Jahre waren die Sommer 2018 und 2019 extrem. Laut den Klimaprognosen werden solche Sommer zum Ende des 21. Jahrhunderts jedoch eher die Normalität sein.

Zur Medieninformation
Zur Studie (Open Access)


„Camels and Cadillacs“ – Erfolgreiche Fotomotive bestimmen den Blick durch den Sucher

Im Juli 1987 fotografiert der Judaist Gil Hüttenmeister vor der Cheops-Pyramide von Gizeh, wie sich ein Kamel und ein VW-Bulli begegnen ©privat
Im Juli 1987 fotografiert der Judaist Gil Hüttenmeister vor der Cheops-Pyramide von Gizeh, wie sich ein Kamel und ein VW-Bulli begegnen. ©privat

Zwischen Aleppo und Alexandria liebten Reisende ein Fotomotiv besonders – Kamel trifft Auto. Dies fand das Projekt „Das gelobte Land der Moderne“ heraus, mit dem das Gustaf-Dalman-Institut der Universität Greifswald rund 50.000 deutsche Reisebilder aus rund 100 Jahren analysiert hat. Einige Motive finden sich in der Kulturlandschaft Palästina über Jahrzehnte hinweg: Urlauber treiben mit der Zeitung in den Händen auf dem Toten Meer, Touristen versammeln sich auf Kamelen zum Gruppenfoto vor den Pyramiden von Gizeh.

Im Juli 1987 fotografiert der Judaist Gil Hüttenmeister vor der Cheops-Pyramide von Gizeh nicht nur das typische Kamel, sondern auch äußerst modernere Gefährte. Im Mittelgrund stehen zwei Ägypter bei ihrem sandfarbenen Pickup, der sich nahtlos in seine Umgebung einfügt. Im Vordergrund beraten sich Touristen vor einem leuchtorangen VW-Bus. Dieser Bulli bringt die Familie Hüttenmeister mehrfach zuverlässig von Tübingen über den Landweg und via Fähre bis in die Kulturlandschaft Palästina (und zurück). Vor der Pyramide macht er sich aber etwas fremd aus, so zumindest könnte es das Kamel sehen, das von links skeptisch auf den Eindringling blickt. Schon um 1900 fotografierten Reisende gerne das Kamel neben dem „Dampfross“, später waren es „Camels and Cadillacs“. Spätestens in den 1960er Jahre kippte dabei das Kräfteverhältnis vor Ort zugunsten der Automobile. Was blieb, war das Bild vom „alten Orient“ in den Köpfen der westliche Besucher. So gehört das Gegensatzpaar „Kamel trifft Auto“ bis heute zu den beliebtesten touristischen Fotomotiven.

Bis zum 13. Oktober 2020 werden ausgewählte Reisefotografien analog im Rostocker Max-Samuel-Haus ausgestellt – und zeitlich unbefristet virtuell:
www.uni-greiswald.de/das-gelobte-land

Zur Medieninfo

Kurz-Interview „3 Fragen, 3 Antworten“ mit Dr. Karin Berkemann zum Projekt


Menschen in Vorpommern liegt ihre Region am Herzen

Samenernte im Forst ©Magnus_Schult
Rund zwei Drittel der Befragten sind täglich mehr als eine Stunde in der Natur der Region unterwegs. Greifswalder Forst aus Drohnenperspektive, ©Magnus_Schult

Was denken die Menschen über die Region, in der sie leben? Was ist ihnen wichtig? Und was sollte ihrer Meinung nach verbessert werden? Diesen und anderen Fragen geht das praxisorientiere Forschungsprojekt Vorpommern Connect vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeographie in einer Bevölkerungsbefragung nach.

Eines der Ergebnisse: Den Teilnehmenden liegt ihre Region am Herzen. Rund zwei Drittel der Befragten sind täglich mehr als eine Stunde in der Natur unterwegs. Und etwa 80 Prozent stimmen mehr landwirtschaftlichen Produkten für den heimischen Markt zu. Für die Studie wurden Fragebögen per Post an 12 500 zufällig ausgewählten Personen in Vorpommern verschickt. Knapp 17 Prozent der Angeschriebenen haben die Fragebögen ausgefüllt und zurückgeschickt. „Das ist für diese Art von Befragungen ein hoher Rücklauf. Allein dies belegt das große Interesse der Bevölkerung an Informationen über die Region, in der sie leben. Die Antworten helfen uns, die Sichtweise der Bevölkerung auf die landwirtschaftlich geprägte Umwelt in Vorpommern zu beurteilen“, so Judith Maruschke vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeographie. Sie begleitet die Befragung als wissenschaftliche Mitarbeiterin. In den kommenden Monaten werden die Ergebnisse in einer „VoCo Road-Show“ in öffentlichen Veranstaltungen in Stralsund, Greifswald und Anklam vorgestellt und mit der Bevölkerung diskutiert.

Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 2,5 Millionen Euro innerhalb der Maßnahme Stadt-Land-Plus gefördert. Praxispartner sind die Landkreise Vorpommern-Rügen und Vorpommern-Greifswald, die Universitäts- und Hansestadt Greifswald sowie die Michael-Succow-Stiftung.

Zur Medieninformation


Chronische Schmerzen verändern die Funktion und die Struktur des Gehirns

Mittels MRT-navigierter transkranieller Magnetstimulation können nicht-invasiv im individuellen Gehirn des Probanden genaue Bereiche der Gehirnrinde stimuliert werden – Quelle: Prof. Dr. Martin Lotze
Mittels MRT-navigierter transkranieller Magnetstimulation können nicht-invasiv im individuellen Gehirn des Probanden genaue Bereiche der Gehirnrinde stimuliert werden – Quelle: Prof. Dr. Martin Lotze

Wer hat sich nicht schon mal einen Finger in der Tür gequetscht oder den Kopf angeschlagen und dabei große Schmerzen empfunden. Doch was passiert, wenn der Schmerz nicht mehr weggeht, sondern über Monate intensiver wird oder sogar seine Qualitäten ändert, einen nachts weckt und Bewegung verhindert? Chronische Schmerzen, wie etwa Rückenschmerzen, treten sehr häufig auf. Medikamente helfen sehr oft nicht dauerhaft und es entsteht eine Spirale aus sozialem Rückzug, Bewegungsmangel und noch stärkerem Schmerz. Unter den vielen Arbeitsgruppen, die an der Universitätsmedizin Greifswald in diesem Bereich engagiert sind, forscht die Funktionelle Bildgebung am Institut für Diagnostische Radiologie und Neuroradiologie vor allem daran, die Mechanismen neuronaler Veränderung bei der Ausbildung chronischer Schmerzen zu erkennen. Diese Biomarker sollen dann dabei helfen Interventionsprogramme zu optimieren (zum Beispiel mithilfe eines Trainings Schritt für Schritt wieder in die Bewegung hineinzukommen) oder besonders anfällige Personen frühzeitig für eine Schmerzchronifizierung zu erkennen.


Die Hiddenseer Dünenheide ist bedroht durch Nährstoffeintrag und Klimawandel

Hiddenseer Heide, ©TheodorFiedler
Hiddenseer Heide, ©Theodor_Fiedler

Heideflächen nahmen in Nordeuropa noch vor hundert Jahren großen Raum ein, wurden aber nach und nach aufgeforstet oder unter Einsatz von Kunstdünger in Ackerflächen umgewandelt. Heute sind nur noch fünf Prozent dieser Flächen erhalten. Dadurch sind nicht nur die Lebensräume, sondern auch die typischen Tiere und Pflanzen der Heide bedroht. Ebenso wie Moorflächen speichern Heideflächen erhebliche Mengen an Kohlenstoff in ihrer Rohhumusauflage.

Traditionell wurden Heideflächen beweidet, vor allem mit Schafen. Bei Aufgabe dieser Bewirtschaftung unterbleibt auch der kontinuierliche Nährstoffaustrag, was zusammen mit der gestiegenen atmosphärischen Stickstoffdeposition zu einer Nährstoffanreicherung führt. Die „typische“ Heidepflanze Besenheide (Calluna vulgaris) ist bei Nährstoffanreicherung nicht mehr konkurrenzkräftig. Die Heide vergrast, und die Rohhumusauflage wird mehr und mehr abgebaut. Eine weitere Bedrohung für die schon von Natur aus trockene Heide können trockene Sommer sein, vor allem, wenn diese bei fortschreitendem Klimawandel häufiger auftreten.

Die Arbeitsgruppe Experimentelle Pflanzenökologie der Universität Greifswald und die zu dieser Arbeitsgruppe gehörende Biologische Station Hiddensee untersucht den Einfluss von Nährstoffbelastung und Klimawandel auf die Heide. In Zusammenarbeit mit dem Hiddenseer Dünenheide e. V. werden Pflegemaßnahmen in der Heide durchgeführt, Öffentlichkeitsarbeit geleistet und Handlungsempfehlungen für den Naturschutz abgeleitet.

Sie wollen mehr dazu lesen? Hier geht's zur Studie „Management regimes in a coastal heathland – effects on vegetation, nutrient balance, biodiversity and gain of bioenergy“.


Weltweit gehen täglich mehr als 2000 Hektar Anbaufläche durch Bodenversalzung verloren

Symbolbild trockene Böden ©Magnus Schult
Symbolbild trockene Böden, ©Magnus_Schult

Bislang sind Bodenversalzungen vorrangig aus ariden Klimaregionen wie Australien bekannt. Dort müssen aufgrund der geringen Niederschläge und einer gleichzeitig hohen Verdunstungsrate landwirtschaftlich genutzte Flächen notwendig bewässert werden, um Erträge zu erzielen. Die Anreicherung von Salz im Boden wird durch salzhaltiges Wasser verursacht, das vom Grundwasser kapillar aufsteigt oder als Bewässerung infiltriert und nahe der Oberfläche verdunstet. Dabei fällt Salz aus. Weltweit gehen so täglich mehr als 2000 ha Anbaufläche verloren, das sind mehr als 2000 Fußballfelder.

Werfen wir einen Blick auf unsere Region. Zwei Jahre, in denen die Böden Nordostdeutschlands außergewöhnlicher Dürre ausgesetzt waren, führen zu der Sorge, ob Bodenversalzung auch bald ein Thema hierzulande sein könnte – vor allem auch vor dem Hintergrund sich verändernder Niederschlagsverteilungen und steigender Meerspiegel im Zuge des Klimawandels. In Deutschland werden durchschnittlich nur 1,5 Prozent (jährlich 0,3 Mrd m3) der Gesamtwasserentnahme zur Bewässerung genutzt – im europäischen Durchschnitt sind es 36 Prozent. Das oberflächennahe Grundwasser wie auch das zur Bewässerung verwendete Wasser ist in der Regel nicht salinar, d.h. der Salzgehalt ist kleiner als 1 g/L.  An der Küste und auf Inseln lagert süßes Grundwasser linsenförmig auf tieferem salinaren Wasser. Studien in den Niederlanden haben untersucht, inwieweit ein ungünstiges Zusammenspiel von Meeresspiegelanstieg, Temperaturanstieg, salzhaltigem Grundwasser und eine Bewässerung mit ebenfalls salinarem Wasser eine Bodenversalzung langfristig begünstigen können. Danach ist nicht zu erwarten, dass die Versalzung die Salinität des Grundwassers übersteigt; wenn zudem das zur Bewässerung genutzte Wasser einen geringeren Salzgehalt hat, wird der Prozess abgemildert.

Diese Ergebnisse und Zahlen lassen eine akute Gefahr der Versalzung und damit Bodendegradierung in unserer Region nicht befürchten. Weitere Forschung zu diesem Thema wird aber ein sinnvolles Wassermanagement, vor allem auch in Küstenregionen, vorantreiben.

Mehr Infos: Prof. Maria-Theresia Schafmeister forscht am Lehrstuhl für Angewandte Geologie | Hydrogeologie und befasst sich mit Fragen der Grundwasservorräte und -qualität. Aktuell modelliert sie den Anstieg des Grubenwassers nach der endgültigen Schließung der Steinkohlezechen im Ruhrrevier.
Siehe auch: Helmholtz Zentrum für Umweltforschung: UFZ Dürremonitor Deutschland, www.ufz.de


Elektrische Zahnbürsten beugen Zahnverlust vor

Elektrische Zahnbürsten helfen bei der Mundgesundheit ©Manuela_Janke
Prof. Thomas Kocher (li.), und Studienautor Dr. Vinay Pitchika haben die Langzeitwirkung von elektrischen Zahnbürsten untersucht. ©Manuela_Janke

Diese Erkenntnis geht aus einer Studie Greifswalder Zahnmediziner hervor, die im vergangenen Sommer im Journal of Clinical Periodontology veröffentlicht worden ist. Der Zahnverlust bei Nutzer*innen elektrischer Zahnbürsten war im Schnitt ein Fünftel geringer als bei denjenigen, die konventionelle Bürsten verwenden. 
Die elfjährige Beobachtungsstudie untersuchte den Zusammenhang zwischen der Benutzung einer elektrischen Zahnbürste und Parodontitis, Karies und Anzahl der vorhandenen Zähne. Die Studie umfasste 2.819 Erwachsene aus der Greifswalder Gesundheitsstudie Study of Health in Pomerania (SHIP), die von 2002 bis 2006 sowie nach sechs und elf Jahren erneut untersucht worden sind. Zu Studienbeginn verwendeten 18 Prozent der Studienteilnehmer und nach elf Jahren 37 Prozent eine elektrische Zahnbürste. „Elektrische Zahnbürsten sind in Deutschland in allen Altersgruppen beliebter geworden, aber nur wenige Studien haben ihre Langzeitwirksamkeit getestet“, sagt der Studienautor Dr. Vinay Pitchika von der Universitätsmedizin Greifswald. „Unsere Studie zeigt, dass elektrische Zahnbürsten für die Aufrechterhaltung einer guten Mundgesundheit am vorteilhaftesten sind und mit einem verminderten Fortschreiten von Parodontitis und mehr erhaltenen Zähnen einhergehen.“
Hier geht’s zur Medieninfo.


Lastenräder können zur Verkehrswende beitragen

Lastenräder in Greifswald ©Magnus_Schult
Lastenräder in Greifswald, ©Magnus_Schult

Mit Lastenrädern lassen sich fünf Tonnen CO2 pro Jahr, im Vergleich zu einem herkömmlichen Pkw, einsparen und somit viele Dinge umweltgerecht transportieren. Mit dem zunehmenden Angebot an verschiedenen Modellen, steigt auch die Nutzung in der Bevölkerung. Mit einem Anteil von vier Prozent bei den E-Bike-Verkäufen in Deutschland 2019 wird eine Stückzahl von rund 54.400 erreicht. Hinzu kommen 21.550 verkaufte Lastenräder ohne Motor. 
Lastenräder sind somit auch rollende Botschafter für eine menschengerechte Mobilität. Insbesondere in Kleinstädten mit vielen kurzen Wegen können sie zur Verkehrswende beitragen. Denn 80 Prozent aller Wege sind in Städten oftmals unter fünf Kilometern und Lastenräder könnten hier eine echte Alternative zum Auto darstellen. 
Der Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeographie an der Universität Greifswald testet im EU-Interreg South Baltic Projekt „CoBiUM-Cargo Bikes in Urban Mobility“ Einsatzmöglichkeiten von Lastenrädern in verschiedenen städtischen Bereichen. Im Rahmen des Projektes sind außerdem für alle Greifswalder Lastenräder frei zugänglich.
Mehr über das Projekt: www.lara-greifswald.de


Trockene Moore sind Brandbeschleuniger in borealer Zone

Torfmoose können ihren Wasserverlust nicht regulieren. ©Martin_Wilmking
Torfmoose können ihren Wasserverlust nicht regulieren. ©Martin_Wilmking

Intakte Moore haben eine natürliche Schutzfunktion für das Ökosystem der borealen Zone und das globale Klima. Sie speichern große Mengen an Kohlenstoff und Wasser und dienen als natürliche Brandschneisen zwischen Waldgebieten. Durch die Erderwärmung ist diese Schutzfunktion jedoch gefährdet. Wenn die Temperaturen steigen, erwärmt sich auch die Luft und nimmt mehr Wasser auf. Im Gegensatz zu Nadelbäumen geben Moorpflanzen auch bei höheren Temperaturen weiterhin Wasser an die Luft ab und trocknen so das Moor langfristig aus. Trockene Moore geben in der Folge mehr Kohlenstoff an die Atmosphäre ab, was wieder die Erderwärmung beschleunigt. Damit wächst auch die Waldbrandgefahr, denn ausgetrocknete Moore bedeuten größere und intensivere Waldbrände.
Die Ergebnisse der Studie sind in der Zeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht. Diese hat ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der kanadischen McMaster Universität und Beteiligung der Arbeitsgruppe Landschaftsökologie und Naturschutz der Universität Greifswald zusammengetragen.
Hier geht's zur Medieninformation.



Kontakt an der Universität Greifswald

Hochschulkommunikation
Domstraße 11, Eingang 1, 17489 Greifswald
Telefon +49 3834 420 1150
​​​​​​​hochschulkommunikationuni-greifswaldde​​​​​​​