„... nur die etwas forcierte Geselligkeit ist mir unangenehm ...“ – Der Latinist Eduard Norden in seiner Greifswalder Zeit (1893–1899)

Eduard Norden (Familienarchiv Berger-Norden)
Eduard Norden (Familienarchiv Berger-Norden)

 

Für den Latinisten Eduard Norden (1868–1941) bildete die Greifswalder Zeit einen ersten Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn – sowohl in fachlicher wie auch in persönlich-familiärer Hinsicht. Hier verfasste er sein epochemachendes, von stupender Gelehrsamkeit zeugendes Werk über die antike Kunstprosa, das zu den Standardwerken der Klassischen Philologie zählt. Daneben fasste er mit seinem Greifswalder Kollegen Alfred Gercke den Plan zu einem Grundlagenwerk für Studierende, die mehrfach aufgelegte „Einleitung in die Altertumswissenschaft“, die unter dem Rufnahmen „Gercke-Norden“ untrennbar mit seiner Person verbunden ist.

Das rege Greifswalder Gesellschaftsleben, in das sich der eher zurückhaltende Norden nur allmählich hineinzufinden vermochte, führte ihn auch mit seiner künftigen Ehefrau Marie Schultze – einer Tochter des Greifswalder Bürgermeisters Richard Sigmund Schultze (1831–1916) – zusammen, mit der er sich 1897 vermählte. So blieb Norden auch nach seiner Berufung nach Breslau und in den kommenden Jahrzehnten der Stadt Greifswald stets aufs Engste verbunden.

Die Greifswalder Jahre festigten auch seine Stellung innerhalb der deutschen Altertumswissenschaft, so dass der als Sohn jüdischer Eltern im ostfriesischen Emden geborene Norden auch weiterhin offenbar keinerlei ‚außerwissenschaftliche’ Karrierehürden zu überwinden hatte. 1907 von Breslau nach Berlin berufen, gelang es ihm 1927, zum Rektor der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität gewählt zu werden. Antisemitische Anfeindungen blieben ihm anscheinend auch in dieser Rolle erspart. Umso härter traf ihn, der sich im Alter von 17 hatte taufen lassen, dass mit dem Jahr 1933 die Herrschaft eines Regimes begann, das ihn aufgrund seiner Geburt zum „Staatsbürger 2ter Klasse“ erklärte und schließlich ins Schweizer Exil drängte, wo er – geistig gebrochen und körperlich erschöpft – 1941 starb.

Olaf Schlunke, M. A., hat den Nachlass Eduard Nordens für das Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) erschlossen und im vergangenen Jahr eine knappe Lebensbeschreibung Nordens vorgelegt (Eduard Norden. Altertumswissenschaftler von Weltruf und „halbsemitischer Friese“, Berlin 2016). Zur Zeit leitet er das Archiv des Heimatvereins Steglitz in Berlin-Lichterfelde.

Zur Ringvorlesung

Vor 130 Jahren hatte die Universität Greifswald gerade einmal 1000 Studenten, und nur etwa 15 von ihnen besuchten Veranstaltungen in den Fächern Griechisch, Latein, Alte Geschichte oder Archäologie. Diese wenigen Studenten der Altertumswissenschaften wurden aber von ganz hochkarätigen Wissenschaftlern unterrichtet, die wegweisende Forschung in Angriff nahmen und damit international Anerkennung erlangten. Die Ringvorlesung möchte diese erfolgreiche Tradition aufzeigen und damit auch ein Stück Universitätsgeschichte erzählen.

Zehn ausgewählte Forscherpersönlichkeiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts werden mit ihrer wissenschaftlichen Leistung gewürdigt, die sich häufig auf gleich mehrere Fachdisziplinen erstreckte. Der Fokus liegt dabei auf ihrer Zeit in Greifswald: Da ist der alte Gelehrte, der um vier Uhr morgens im Schlafrock und mit Pfeife am Hafen steht und ein Schiff erwartet, oder der junge Professor, der auf dem Motorrad die Straßen der Stadt unsicher macht. In ihren wissenschaftlichen Biographien wird das akademische Leben im alten Greifswald anschaulich.

Ort und Zeit
Donnerstags 18:15 Uhr, Historisches Institut, Domstraße 9 A, Hörsaal 2.05

Weitere Termine
www.uni-greifswald.de/local-heroes


Ansprechpartnerin
Dr. Susanne Froehlich
Arbeitsbereich Alte Geschichte
Historisches Institut
Domstraße 9 A
17489 Greifswald
Telefon 03834 420 3103 oder 3304
susanne.froehlich(at)uni-greifswald(dot)de

Organisator

  • Historisches Institut

Veranstaltungsort

  • Historisches Institut, Domstraße 9 A, Hörsaal 2.05

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