Felix Hausdorff – ein Mathematiker als Schöngeist

Es ist eher selten, dass ein Mathematiker noch mit einem weiteren Talent aufwarten kann. Felix Hausdorff (1868 - 1942) gehört zu diesem dünn gesäten Personenkreis. Neben seinen herausragenden mathematischen Leistungen trat er auch mit seiner schöngeistigen Begabung hervor. Als junger Mann verfasste er unter dem Pseudonym Paul Mongré, das bedeutet „mein Verlangen, mein Wille“, Gedichte, philosophische Essays und das Theaterstück Der Arzt seiner Ehre, das in Berlin, Hamburg und anderen Städten viel beachtete Aufführungen erlebte. Im Jahr 2008 – dem Jahr der Mathematik – machte der Germanist Prof. Dr. Gunnar Müller-Waldeck im Verein emeritierter bzw. im Ruhestand befindlicher Hochschullehrer der Ernst-Moritz-Arndt-Universität mit dieser Seite von Hausdorffs Schaffen bekannt.

Erinnert sei zunächst daran, dass Hausdorff in Greifswald von 1913 bis 1921 als Mathematikprofessor wirkte, nachdem er davor in Leipzig Mathematik studierte und mit mathematischen Untersuchungen in der Astronomie zum Doktor promovierte und sich auch habilitierte sowie ab 1895 als Privatdozent eine umfangreiche mathematische Lehrtätigkeit ausübte. Seine schöngeistige schriftstellerische Mongré-Zeit begann 1893 und währte bis 1904. Die philosophisch geprägten Bücher Sant’ Ilario. Gedanken aus der Landschaft Zarathustras und Das Chaos in kosmischer Auslese erschienen 1897 bzw. 1898. Ein Gedichtband Ekstasen folgte 1900 und das schon erwähnte Theaterstück 1904.

1914 ging von Greifswald das später weltberühmte Lehrbuch Grundzüge der Mengenlehre aus, das insbesondere von maßgeblichem Einfluss auf die weitere Entwicklung der Topologie – der allgemeinen Raumlehre – wurde. 1919 gelang Hausdorff mit der Forschungspublikation Dimension und äußeres Maß ein großer gewichtiger Schritt zur Erfassung fraktaler Kenngrößen, die beispielsweise die Porosität bzw. die Rauheit von Materialien widerspiegeln können. Diese Arbeit fand durch den wissenschaftlichen Bestseller von Benoit Mandelbrot Die fraktale Geometrie der Natur seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts auch besonders in Kreisen der Naturwissenschaftler eine enorme Resonanz mit vielfältigen Anwendungen.

So wird es verständlich, dass in Greifswald und Bonn, den Hauptwirkungsstätten Hausdorffs, Einrichtungen und Straßen seinen Namen tragen. Das Internationale wissenschaftliche Begegnungszentrum der Universität Greifswald ist nach ihm benannt. 1999 wurde es eingeweiht. Prof. Jürgen Flachsmeyer organisierte dazu ein Symposion, auf dem die wissenschaftlichen Leistungen Felix Hausdorffs mit ihren Ausstrahlungen bis in die Gegenwart und auch die des Paul Mongré in einer Rückschau gewürdigt wurden. Seinerzeit beteiligte sich ebenfalls Prof. Müller-Waldeck an dem Symposion mit dem Beitrag Auf den Schwingen des Pegasus – Der Dichter Paul Mongré.

Zuerst sei ein Blick auf die Gedanken Mongrés geworfen, als er den Wegen des Schöpfers des Zarathustra nachging. In aphoristischen Äußerungen streift er Kultur, Religion, Bildung, holde Weiblichkeit und Lebensphilosophie. Damit reihte er sich in gewissem Maße in die Gefolgschaft Friedrich Nietzsches ein, ohne indes einer weihevollen, beschränkten Gesinnungstüchtigkeit verfallen zu sein. Leser wollte er erreichen, die sich freier, genussfähiger, wohlgelaunter Stimmung erfreuen, die zudem aller feierlichen Borniertheit und polternden Rechthaberei auf niederer Kulturstufe entronnen sind. Das zweite Werk Das Chaos in kosmischer Auslese wagte gemäß seinem Untertitel einen erkenntnistheoretischen Versuch. Hier hatte die mathematische und naturwissenschaftliche Denkweise Pate gestanden. In geometrischen und mechanischen Metaphern wurde in frischer, anspruchsvoller Sprache philosophiert. Eine interessante Aufgabe tut sich vor jedem heutigen Leser auf, der die Ansichten Mongrés in den Kontext der modernen naturwissenschaftlichen Entwicklung stellen möchte.

Bezüglich des Theaterstücks leuchtete Prof. Müller-Waldeck die Literaturszene Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland aus. Hier sei lediglich Theodor Fontanes Roman Effi Briest hervorgehoben, der sich um die Problematik Ehebruch, Ehre und Duell rankt, für den eine tatsächliche Begebenheit Anregung hergab, nämlich die Affäre der Elisabeth von Ardenne, Großmutter des Dresdner Physikers Manfred von Ardenne, die fast hundertjährig 1952 starb. "Mongrés Stück liefert gleichsam das dramatische Satyrspiel einer Groteske. Die Komödie ist geschickt, witzig, geistreich, gut gearbeitet, enthält eine Fülle theatergerechter Situationen und wirkt aufgrund ihrer Wortgefechte und Aperçus sprachlich noch heute frisch und reizvoll. … Mongré schreibt eher in der Manier des späteren Erfolgsautors Curt Goetz, der in der Berliner Inszenierung von 1913 eine der beiden Hauptrollen spielte, freilich ohne das für diesen typische Happy-End. Sein Sittenbild endet eher absurd und beliebig." Einige Kostproben aus dem Bühnengeschehen ließen bei einem Hörer den Vorschlag aufkommen, das Stück auch heute wieder auf die Bühne zu bringen. 1994 hatte die Theatergruppe Akademy of Acting Arts der Evangelischen Studentengemeinde in Bonn ebenfalls diese Meinung und dementsprechend die Groteske auf ihrem Spielplan.

Ein streifender Blick wurde auch der Lyrik Mongrés geschenkt. Mit dem Gedicht Das Paradies, worin das lyrische Ich als sprechender Falter sinniert, lenkte Prof. Müller-Waldeck auf das schlimme Ende Hausdorffs hin.

… Stets muss ich ja fürchten, sie möchten mich fassen, / Liebkosend mit schwieligen, schwitzenden Fingern / Der Flügel Geäst mir schmählich entblättern / …. / Ihrer Küchen Gedünst auch liegt in der Luft;/ Wer mag dort atmen, der meiner Art ist, /….. / Da zerriss der Teppich von Blumenduft, / Vor stärkerem Qualm flüchtig zerflatternd: / Ein stinkender Flügler kam uns zu Gast, / Roßschweißgemästet, rindsblutgenährt, / Der lüstern nach Weinen, wie uns sie gemischt, / In Blütenkelchen unflätig sich wälzte, / Mit stechendem Rüssel sich voll soff.

Hausdorff schied mit Frau und Schwägerin am 26. Januar 1942 aus dem Leben.

Die nazistische Ausrottungspolitik und „Gesamtlösung der Judenfrage“ durch Massenmord in Vernichtungslagern ließ ihnen keine Hoffnung. Im Abschiedsbrief heißt es: "Was in den letzten Monaten gegen die Juden geschehen ist, erweckt begründete Angst, dass man uns einen für uns erträglichen Zustand nicht erleben lassen wird. … Verzeihen Sie uns auch unsere Desertion! Wir wünschen Ihnen und allen unseren Freunden, noch bessere Zeiten zu erleben." – Das Lebensgeäst und die Blütenkelche Andersdenkender wurden schmählich entblättert!

Neben so manchem Gedicht mit einem Hauch von Melancholie gibt es aber auch andere in schwelgenden lyrischen Tönen der Liebe:

Am Kamin / Die Scheiter lodern, halb entfacht, / Es zuckt und sprüht ein irres Licht. / Ihr schwimmend Auge bebt und lacht: / "Ich geb’ mich dir, du – nimm mich nicht!" / Sie löst die Nadeln, und entflicht / Goldlohen Haares schwere Pracht. / Die Scheiter lodern, halb entfacht, / Es zuckt und sprüht ein irres Licht.

Nun halte, was dein Blick verspricht, / Und blende mich mit aller Macht! / Ihr Leib, ein marmornes Gedicht, / strahlt nackt und silbern durch die Nacht. / Die Scheiter lodern, voll entfacht / Es zuckt und sprüht ein irres Licht.

Oder aus einem anderen Liebesgedicht:

… Süßes Weib, / Erschrakest du nicht mit mir, / Als zwischen uns die letzte Schranke fiel? / Nun – ah! Dein Auge zittert noch / Und schwimmt dem Strom der Rätsel nach – / Nun sind wir geborgen vorm Glück / Und du bist du und ich bin ich / Und lass mich suchen, wo du sei’st . / Ich hab’ dich holde wieder / Und all das Deine sammelt sich zu dir: / Der goldene Blick. Den schwere Lider bargen, / Er tut sich selig wieder auf, / Und deiner Stimme Goldklang, halb gebrochen, / Nun tönt er wieder tief und klar / Und Worte läuten Liebesruh’, / Wo Sturm der Liebe an den Strängen riss. / … / Sieh, so will ich dich, / So, du Geliebte, bleibe mir: / Umspielt von deinen Jugenden, / die letzte aus reifender Schar, / Deines goldenen Blickes Meisterin – / Nicht, wie ich jüngst dich fand, / Als taumelnd du das Deine von dir warfst, / Und mich mit dir in trunkne Tiefen schnelltest. / Da warst du mein, / Und zwischen uns zerbrach der Raum.

In einer groß angelegten Aktion der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften haben Egbert Brieskorn, Walter Purkert u. a. mit einer kommentierten Ausgabe der Gesammelten Werke Felix Hausdorffs im Springer Verlag begonnen. Der letzte, der 9. Band wird die Briefe enthalten. Den zwischenzeitlich am weitesten gehenden biographischen Versuch, der ein bewegendes Bild zeichnet, gab es von Eugen Eichhorn 1994 in dem Band 5 der Berliner Schriften Reihe zur Mathematik, Heldermann Verlag Berlin.