Im Interview: Prof.in Dr. Katrin Horn, Anglophone Gender Studies

 

 

Mit dem Antritt der Professur für Anglophone Gender Studies zu Beginn des Wintersemesters 2023/ 24 begrüßte die Universität Greifswald Professorin Dr. Katrin Horn. Im Land M-V wurde damit die erste Professur im Bereich Gender Studies als unbefristete W2-Professur etabliert.

Im Interview blickt Katrin Horn auf Beiträge und Potenziale der Gender Studies an der Universität und in Diskursen, auf Herausforderungen im Rahmen der Etablierung der Professur und in die Zukunft.

Werdegang/ Hintergrund

Was veranlasste Sie zu einer Schwerpunktsetzung auf die Gender Studies? Welche spezifischen Themen interessieren Sie innerhalb Ihres Fachbereiches am meisten und warum?

Ich hatte das große Glück, dass in den von mir im Studium belegten Fächern – Medienwissenschaft, Amerikanische Kulturwissenschaft, Englische Literaturwissenschaft – Gender Studies eine relativ lange Tradition haben und deswegen bereits in meinem Grundstudium in unterschiedlichen Seminaren Theorien und Fragen im Bereich Geschlecht und Sexualität angerissen wurden. So konnte ich hier recht nahtlos an unterschiedliche, damals eher diffuse Interessen aus meiner Schulzeit anknüpfen: sprachliche Gerechtigkeit, literarisches Schaffen von Frauen und Darstellungen nichtheteronormativen Lebens und Begehrens in audiovisuellen Medien. Im Studium waren es dann feministische Filmwissenschaft und zunehmend queertheoretische Ansätze, die mich interessiert haben – was schließlich in meinem Promotionsprojekt zu feministischen und queeren Humorstrategien in zeitgenössischer US-amerikanischer Populärkultur (Film, Fernsehen und Musikvideo) mündete. Das Thema hat mich bis heute nicht losgelassen und es bleibt faszinierend für mich, wie gerade Massenmedien gleichzeitig emanzipatorische Momente erlauben, auch für sexuelle, ethnische und andere Minderheiten Identifikationsangebote machen und gemeinschaftsstiftend sein können – während sie, häufig gleichzeitig, die Kommodifizierung, Verneinung oder Pathologisierung des Nichtnormativen vorantreiben. Dass ich mich mit dieser häufig paradoxen und immer komplexen Zeichen- und Gemengelage von Inhalt, Form, Medium und Kontext weiter beschäftigen kann, ist für mich eines der großen Privilegien dieser Professur.

Im Laufe meiner wissenschaftlichen Laufbahn – mit Stationen u. A. in der Amerikanistik in Erlangen, Würzburg, und Bayreuth, den Gender Studies in Harvard, der Musikwissenschaft in Weimar, und Archiven in New York und Washington, DC – hat sich neben diesem Fokus auf die zeitgenössische Populärkultur zunehmend ein historisches Interesse entwickelt. Dabei stehen die Umbrüche bezüglich Geschlecht und Sexualität im 19. Jahrhundert auch im Zentrum meiner Forschung zu den öffentlichen Funktionen von Tratsch in den 1850ern bis zur Jahrhundertwende. Als vermeintlich intimes Wissen bildet Tratsch hier einen privilegierten Blick auf die Anfänge des modernen Verständnisses von celebrity, darauf wie Privatheit sich konstituiert – gerade auch für Frauen jenseits einer weißen und heterosexuellen Norm –, und wie finanzielle und epistemisches bzw. soziales Kapital miteinander verzahnt sind. Dabei treibt mich einerseits das Bedürfnis an, simplifizierten Narrativen über die Vergangenheit („Frauen damals waren so und so..“) detaillierte Analysen entgegenzustellen und so herauszuarbeiten, wie Gesellschaften auch historisch von Aushandlungsprozessen und Widersprüchen mehr geprägt waren als vom vermeintlichen Konsens, der in der Überlieferung „übrig bleibt.“ Zu dieser „Komplexitätssteigerung“ gehört für mich auch, Akteur*innen (wieder) sichtbar zu machen, die entweder auf Grund ihrer Nonkonformität oder auf Grund thematischen und methodischen biases in der historischen Forschung wenig bis keine Aufmerksamkeit erhalten haben.

Grundsätzlich schärfen die Gender Studies den Blick für Nuancen der medialen wie wissenschaftlichen Darstellung und Vermittlung und für deren gesellschaftlichen Wert (was nicht gesehen wird, hat auch kein Gewicht) – und das ist es, was für mich Bedeutung und Reiz dieses Forschungsfeldes ausmacht.

Forschung und Fachbereich

Wie sehen Sie die Verortung von Gender Studies innerhalb des akademischen und gesellschaftlichen Diskurses (in M-V)? Welchen Beitrag können Gender Studies zu aktuellen Diskursen und (interdisziplinären) Forschungsansätzen leisten?

Dass Mecklenburg-Vorpommern den Schritt gegangen ist, diese Professur einzurichten halte ich nicht für selbstverständlich – und gerade deswegen umso wichtiger. Es setzt gerade in Zeiten des Anti-Feminismus und auch der Anti-Wissenschaftlichkeit ein wichtiges Zeichen für die Wertschätzung des akademischen wie gesellschaftlichen Beitrages der Gender Studies.

Meine Professur ist an der Philosophischen Fakultät und dort am Institut für Anglistik und Amerikanistik ganz klar geisteswissenschaftlich ausgerichtet – das heißt im Zentrum des Interesses (in Forschung wie Lehre) stehen von Menschen geschaffene Kulturprodukte in Formaten wie Film, Buch, Blog, Mode oder Kunst. Diese wiederum stellen die zentralen Kontexte dar, in den Gesellschaften ihre Werte, Ideale und Diskurse verfestigen ebenso wie in Frage stellen.

Und das macht es für mich spannend und wichtig: die kulturwissenschaftlich ausge-richteten Gender Studies verdeutlichen und untersuchen die Austragungsorte gesell-schaftlicher Reibungen und Umbrüche ebenso wie die Verfestigung von Normen. Sie illustrieren so auch die historische und geographische Bedingtheit des vermeintlich „immer schon da Gewesenem“, denn was die ideale Frau oder Mutter im 19. Jahrhundert ausmacht weicht ebenso stark ab vom Idealbild heute wie die Vorstellung von Schönheit, Männlichkeit oder Kindheit.

Gender Studies erlauben Aufschluss über gesellschaftliche Teilhabe und Ausschlüsse, indem sie untersuchen, wer sichtbar ist und wer die Blickhoheit hat; was als das Eigene wahrgenommen wird und was als das vermeintlich Andere oder Fremde; wessen Wissen als neutral gilt, wessen Wissen wann an Wert verliert und wie diese Transformation passiert.

Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie viel diskursiver Aufwand in viel vom dem steckt, was uns zunächst selbstverständlich oder „natürlich“ erscheint, ist deswegen für mich ein wichtiger gesellschaftlicher Beitrag der Gender Studies. Nicht weil dadurch gesellschaftliche Beliebigkeit entstünde – Normen haben nicht weniger Wirkmacht, nur weil sie das Resultat sozialer und medialer Aushandlungsprozesse sind – sondern weil es den Blick dafür schärft, warum Repräsentation wichtig ist und wie sich dort gesellschaftliche Macht konstruiert.

Die Gender Studies sind dabei genuin interdisziplinär, da sie sich aus dem Interesse an einer Fragestellung generieren – wie Geschlecht gesellschaftlich konstruiert wird und sich auswirkt – und nicht primär aus dem Interesse an einem bestimmten Gegenstand.

Entsprechend ist die Zusammenarbeit mit allen Fachrichtungen denkbar und fruchtbar, denn es gibt keinen Bereich in dem Geschlecht nicht im Untersuchungsgegenstand oder in der Methode der Untersuchung (oder beidem) relevant ist. Historisch verstehen sich die Gender Studies durchaus auch als Wissenschaftskritik, wobei diese als konstruktive Auseinandersetzung mit Prämissen, nicht als plumpe Verneinung verstanden werden muss. Ein aktuelles Beispiel dafür wäre der Bereich data feminism, also die kritische Reflektion darüber, wie über vermeintlich neutrale Daten oder unvoreingenommene Software und KI Vorurteile reproduziert und gesellschaftliche Ausgrenzung verfestigt wird.

Herausforderungen

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Etablierung einer neuen Professur für Gender Studies (an der Universität Greifswald) und wie planen Sie, diesen zu begegnen?

Die Herausforderungen einer neuen Professur für Gender Studies sind aus meiner Sicht zunächst einmal die gleichen wie bei jeder anderen neuen Professur: wissenschaftliche Profilbildung und administrative Einarbeitung müssen gleichzeitig ablaufen; Akzente in der Lehre neu gesetzt werden, dies jedoch im Rahmen vorhandener Prüfungs- und Studienstrukturen; die Suche nach interessanten und interessierten Partner*innen in Forschung und Lehre verläuft parallel mit der fortlaufenden Betreuung und Bearbeitung vorhandener Projekte und Verpflichtungen.

Eine besondere Herausforderung sehe ich in der Interdisziplinarität der Gender Studies ins-gesamt im Kontrast zur fachlichen Ausrichtung und Anbindung meiner Professur am Institut für Anglistik und Amerikanistik.

Das bedeutet zum einen eine gewisse Zweigleisigkeit in der Lehre, denn meine Gender Studies-Kurse für die „Optionalen Studien“ sind für alle Fachbereiche offen, während ich andere Kurse auf die Bedürfnisse der Studierende der amerikanistische Literatur- und Kulturwissenschaft ausrichte. Zum anderen erhöht die interdisziplinäre Ausrichtung des Fachs ein wenig den Druck in der Suche nach möglichst diversen Partner*innen für die Planung von Veranstaltungen, dem Aufbau von Kooperationen, und dem Anstoßen von Projekten.

Dies ist gleichzeitig aber auch eine große Chance, denn die Gender Studies bieten hier – wie bereits erwähnt – beste Voraussetzungen für Disziplin- (und Fakultäts-)-übergreifende Zusammenarbeit, wovon ich in der Vergangenheit auch persönlich stark profitiert habe: zum Beispiel als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem ansonsten musikwissenschaftlich besetzten Forschungsprojekt oder in der Zusammenarbeit mit DH-Expertinnen des Recovery Hub for American Women Writers im Rahmen der Kuration meines digitalen Projektes ArchivalGossip.com. Für solche Kooperationen hat die Universität Greifswald den Standortvorteil des Inter-disziplinären Zentrums für Geschlechterforschung, in dem die Gender Studies-Interessen seit fast 30 Jahren erfolgreich gebündelt werden. Dadurch gibt es ein großes und diverses Netzwerk. Daran möchte ich anknüpfen und es um meine wissenschaftlichen Kontakte ergänzen, um die Sichtbarkeit von Greifswald als Standort von Geschlechterforschung weiter auszubauen.

Blick in die Zukunft

Welche Pläne haben Sie für die Ausgestaltung der Professur an der Universität Greifswald?

Ich wurde vor kurzem in den Vorstand des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechter-forschung gewählt und selbstverständlich sehe ich die Unterstützung und Weiterführung der langjährigen und wichtigen Arbeit des Zentrums als eine zentrale Aufgabe der Professur. Den Einstieg bildet im kommenden Sommersemester eine Ringvorlesung zum Thema „PopFeminismus“, die ich zusammen Dr. Heide Volkening gestalten werde. Hier werden wir uns zusammen mit eingeladenen Expert*innen mit den Fragen beschäftigen, wie Popkultur unsere Vorstellung von Feminismus beeinflusst, wie die feministische Beschäftigung mit Popkultur aussehen kann, wie Popstars zu Ikonen des Feminismus werden und wie aber auch umgekehrt Feminist*innen und feministische Inhalte populär geworden sind. Ich freue mich auf solche und weitere Veranstaltungen, die gezielt Studierende und die interessierte Öffentlichkeit gemeinsam ansprechen.

Mittelfristig möchte ich mich zudem durch die Organisation wissenschaftlicher Tagungen ein-bringen, die die Gender-Expertise vor Ort mit der von nationalen und internationalen Gästen zusammenbringen. Solche Tagungen sind einerseits ein wichtiger Impulsgeber für die Forschung vor Ort, dienen andererseits aber auch dem Anbahnen von Kooperationen und Austauschen – und so auch dem Vorbereiten von Drittmittelprojekten, die für die weitere Profilierung des Standortes unabdingbar sind.

Die (inter)nationale Vernetzung der Greifswalder Gender Studies ist aus meiner Sicht zudem ein wichtiger Bestandteil der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses; einerseits auf individueller Ebene, wo sich Möglichkeiten für Auslanderfahrungen und Mentoring entwickeln, andererseits strukturell, wenn beispielsweise der Aufbau eines Graduiertenkollegs angestoßen würde.

Insgesamt ist mir die Sicherstellung der Qualität der Ausbildungs- und Forschungssituation von jungen Wissenschaftler*innen in Greifswald und darüber hinaus ein zentrales Anliegen. Als Amerikanistin ist es mir ein besonderes Bestreben, die Studierenden in diesem Fach – in Bachelor, Master ebenso wie Lehramt – für Fragen und Themen der Gender und Queer Studies zu sensibilisieren und die Vermittlung kulturwissenschaftlicher Kompetenzen in diesem Bereich fest in ihrem Studium zu verankern.

Darüber hinaus gehört es zu den zentralen Aufgaben der Professur sich dafür einzusetzen, dass die Lehre im Bereich Gender Studies der „Optionalen Studien“ fest etabliert bleibt und qualitativ hochwertig und thematisch breit angeboten wird. Längerfristig und kapazitäten- abhängig (insbesondere personell) wäre die Entwicklung eines eigenständigen Bachelorfaches eine spannende Perspektive.

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