Die Universität verdankte ihre Gründung maßgeblich dem Greifswalder Bürgermeister Heinrich Rubenow. Er setzte sich dafür ein, in der Stadt eine Hochschule einzurichten. Nachdem Kaiser Friedrich III. und Papst Calixt III. ihre Genehmigung erteilt hatten, stellte der pommersche Herzog Wartislaw IX. die Universität unter seinen Schutz. Am 17. Oktober 1456 wurde sie als Academia Gryphica feierlich eröffnet. Heinrich Rubenow übernahm das Amt des ersten Rektors.
Die Gründungsfeier fand in der Kirche St. Nikolai statt. Die Universität begann mit den vier klassischen Fakultäten Theologie, Philosophie, Medizin und Jura. Damit war der Grundstein für eine Institution gelegt, die Greifswald bis heute prägt. Doch im 15. Jahrhundert gehörte zu einer Universität mehr als der Lehrbetrieb: Sie brauchte Geld, Räume und verbindliche Regeln für das Zusammenleben mit der Stadt.
Was drei Siegel besiegelten
Wie eng die neue Universität mit Greifswald verflochten war, zeigt die Eintrachtsurkunde. Das großformatige Pergament wird im Universitätsarchiv Greifswald aufbewahrt. Daran hängen die Siegel der Universität, des Domkapitels und der Stadt – die sichtbaren Zeichen dafür, dass sich drei eigenständige Institutionen auf gemeinsame Regeln verständigten.
Der Vertrag regelte eine Vielzahl von Fragen, die heute auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mögen. Wer durfte über Bürger und Universitätsangehörige Recht sprechen? Wer beteiligte sich an den Baukosten der Universität? Wie sollten die Einkünfte verwaltet werden? Und was geschah, wenn Studierende miteinander in Streit gerieten? Auch der Erwerb von Häusern durch die Universität, der Bierausschank und die Einrichtung eines Karzers, eines universitätseigenen Arrestraums, waren Teil der Vereinbarung.
Die Eintracht bedeutete dabei keineswegs, dass alle Beteiligten dieselben Interessen hatten. Vielmehr legten sie fest, wer welche Rechte und Pflichten übernahm. Der Stadtrat verpflichtete sich zu Leistungen zugunsten der Universität, sicherte sich aber zugleich eigene Einflussmöglichkeiten. Die Vereinbarung schuf damit eine Grundlage für das Miteinander und für den Umgang mit möglichen Konflikten.
Ein Vertrag mit langer Wirkung
Die Eintrachtsurkunde war mehr als ein Nachtrag zur Gründung. Sie bildete den Abschluss einer Reihe von Vereinbarungen, mit denen die Universität rechtlich und organisatorisch in Greifswald verankert wurde. Im 16. Jahrhundert wurde sie häufig als „alte Union“ bezeichnet. Auch später blieb sie bedeutsam: Nach der Reformation und erneut in der Mitte des 17. Jahrhunderts diente sie als Grundlage für Verhandlungen zwischen Universität und Stadt.
Die Vereinbarung regelte auch, wo wichtige Dokumente und das Geld der Universität aufbewahrt werden sollten: in einem Schrank in St. Nikolai, dessen drei Schlüssel der Rektor, der Propst und der älteste Bürgermeister verwahrten. Der Schrank befindet sich in der heutigen Bürgermeisterkapelle und ist dort bis heute erhalten. Sogar die Löcher für das historische Schließsystem sind noch zu erkennen. Bis zur Eröffnung des ersten zentralen Universitätsgebäudes im Jahr 1591 wurden hier die Dokumente und Geldbestände der Universität aufbewahrt.
Der Dom und die Universität – eine Verbindung über Jahrhunderte
Die enge Beziehung zwischen St. Nikolai und der Universität zeigte sich auch im akademischen Alltag. Promotionen fanden über Jahrhunderte im Dom statt. Die Stiftsherren waren zugleich Professoren, und der Generalsuperintendent übernahm auch das Amt des Prokanzlers der Universität. Rund um die Kirche entstanden Professorenhäuser, die sowohl als Wohnraum als auch für den Unterricht genutzt wurden.
Diese Verbindung ist bis heute sichtbar. Im Dom befindet sich unter anderem die von Heinrich Rubenow gestiftete Rubenow-Tafel. Und noch immer kommen Studierende, Lehrende und Gäste hier zusammen, etwa zur jährlichen Immatrikulationsfeier. Auch die Jubiläen zum 300., 400. und 500. Geburtstag der Universität wurden in St. Nikolai begangen.
570 Jahre nach ihrer Gründung erzählt die Geschichte der Universität Greifswald deshalb nicht nur von Wissenschaft und Lehre. Sie erzählt auch von Verhandlungen, gemeinsamen Regeln und dem Zusammenspiel unterschiedlicher Interessen. Die Eintrachtsurkunde macht deutlich: Die Universität entstand nicht losgelöst von ihrer Umgebung, sondern als Teil einer Stadt, deren Geschichte sie bis heute mitgestaltet.
Weitere Informationen
Mehr zur Universitätsgeschichte: Alvermann, Dirk / Spieß, Karl-Heinz (Hrsg.): Quellen zur Verfassungsgeschichte der Universität Greifswald. Bd. 1: Von der Universitätsgründung bis zum Westfälischen Frieden 1456–1648. Beiträge zur Geschichte der Universität Greifswald, Bd. 10.1. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2011. ISBN 978-3515096553
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