Europas Umgang mit ukrainischen Geflüchteten hängt oft vom Zufall ab

Seit mehr als vier Jahren dauert Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine an. Millionen Menschen haben in der EU Schutz gesucht. Doch obwohl ihr Aufenthaltsstatus inzwischen bis März 2028 verlängert wurde, bleibt der Zugang zu Sprachkursen, Wohnraum, Gesundheitsversorgung und Arbeit häufig schwierig.

Die zentrale Erkenntnis: Ob Geflüchtete Unterstützung erhalten, hängt häufig davon ab, auf welche Behördenmitarbeitenden sie treffen. Viele Beschäftigte gleichen institutionelle Defizite durch persönlichen Einsatz aus. Sie geben private Telefonnummern weiter, arbeiten außerhalb ihrer Dienstzeiten oder bezahlen notwendige Dinge selbst. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen übernehmen Aufgaben, die staatliche Stellen nicht ausreichend erfüllen. Gleichzeitig berichten Beschäftigte in allen sechs Ländern von Erschöpfung und psychischen Belastungen.

Die Forscher*innen untersuchten die Situation in Deutschland, Schweden, Finnland, Polen, Lettland und Litauen. Die Untersuchung stützt sich auf qualitative Interviews und Gruppengespräche, die zwischen Herbst 2025 und Frühjahr 2026 in den sechs Ländern durchgeführt wurden. Dazu gehören 17 Fokusgruppen mit insgesamt 55 Beschäftigten aus den Bereichen Arbeitsmarkt, Wohnen und Bildung, 73 Interviews mit ukrainischen Geflüchteten sowie 18 Gespräche mit Menschen, die nach ihrer Flucht in die Ukraine zurückgekehrt sind. 

Die Studie zeigt weitere Schwachstellen: Viele gut ausgebildete Ukrainer*innen finden keine Arbeit, die ihren Qualifikationen entspricht. Zudem geraten Familien unter Druck, wenn Eltern eine Rückkehr planen, während ihre Kinder im Aufnahmeland längst ein neues Zuhause gefunden haben.

Fehlende Perspektive für Geflüchtete
Besonders problematisch ist die fehlende Perspektive über 2028 hinaus. Zwar hat die EU den vorübergehenden Schutz verlängert, konkrete Regelungen für die Zeit danach fehlen jedoch in den meisten Mitgliedstaaten. Die Unsicherheit erschwert langfristige Entscheidungen – sowohl für Geflüchtete als auch für Arbeitgeber und Behörden.

Die Autorinnen Oksana Shmulyar Gréen und Andrea Spehar fordern deshalb verbindliche Aufenthaltsperspektiven, einheitliche Standards für Behörden und eine bessere Unterstützung der Beschäftigten. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen müssten dauerhaft finanziert werden. Hinzu kommen individuellere Angebote, schnellere Verfahren zur Anerkennung von Berufsabschlüssen und Regelungen, die wiederholte Reisen zwischen der Ukraine und den Aufnahmeländern ermöglichen.

Die zentrale Botschaft der Untersuchung: Integration darf nicht vom Zufall oder vom persönlichen Engagement einzelner Helfer*innen abhängen. Sie braucht verlässliche politische und institutionelle Strukturen.

Weitere Informationen
Policy Brief: Oksana Shmulyar Gréen and Andrea Spehar (2026). Improving Frontline Encounters with Displaced Ukrainians: Evidence and policy recommendations from the MAGnituDe project in Sweden, Germany, Latvia, Lithuania, Poland and Finland. MAGnituDe Policy Brief. University of Greifswald / IFZO.  

MAGnituDe: Migration, affektive Geopolitik und europäische Demokratie in Zeiten militärischer Konflikte ist ein Forschungs- und Innovationsprojekt, das von der Europäischen Union im Rahmen des Programms „Horizont Europa“ gefördert wird. Das Projekt wurde im Februar 2025 ins Leben gerufen, hat eine Laufzeit von 48 Monaten und endet im Jahr 2029. Koordiniert wird das Projekt von der Universität Göteborg in Schweden. Das Interdisziplinäre Forschungszentrum Ostseeraum (IFZO) der Universität Greifswald ist am Projekt beteiligt.  

Über das IFZO: Das Interdisziplinäre Forschungszentrum Ostseeraum (IFZO) erforscht die Geschichte, Gegenwart und zukünftigen Herausforderungen des nordöstlichen Europas. Im Zentrum der Arbeit steht der Ostseeraum als geographische und politische Einheit, die durch eine Vielfalt an Kulturen, ein einzigartiges Ökosystem und eine hohe geopolitische Bedeutung geprägt ist.

Project: 101178269 – MAGnituDe – HORIZON-CL2-2024-DEMOCRACY-01

Ansprechpartner an der Universität Greifswald 
Dr. Alexander Drost
Interdisziplinäres Forschungszentrum Ostseeraum (IFZO)
Bahnhofstraße 51, 17489 Greifswald
Telefon +49 3834 420 3341
alexander.drostuni-greifswaldde

 

Medieninformation


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