Gertrud Roegner wurde 1873 im schlesischen Liegnitz, dem heutigen Legnica, als Tochter eines Kaufmanns geboren. Nach einer Ausbildung zur Handarbeits- und Turnlehrerin und mehreren Jahren im Schuldienst entschied sie sich 1896 für einen beruflichen Neuanfang. Sie wollte Medizin studieren und musste dafür zunächst das Abitur nachholen. 1901 bestand sie die Reifeprüfung am Königlichen Gymnasium in Jauer. Ihr Medizinstudium führte sie von Halle über Göttingen und Breslau nach Greifswald. Dort erhielt sie die Erlaubnis, an Vorlesungen und klinischen Übungen teilzunehmen und ihr Studium abzuschließen. Doch die reguläre Immatrikulation von Frauen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich: Erst zum Wintersemester 1908/09 nahm die Universität Greifswald die ersten fünf Studentinnen offiziell auf. Roegner hatte ihre Promotion da bereits abgeschlossen.
Für ihre Dissertation arbeitete sie am Pathologischen Institut in Greifswald unter der Leitung des Mediziners Prof. Dr. Paul Grawitz. In ihrer Arbeit „Ein Enterokystom des Mesenteriums und Netzes“ untersuchte sie einen seltenen Tumor im Bauchraum. Ihre mikroskopischen Analysen führten sie zu der These, dass der Tumor aus fehlplatziertem embryonalem Gewebe entstanden sein könnte. Die Medizinische Fakultät bewertete ihre Dissertation mit „magna cum laude“ und würdigte ihre wissenschaftliche Eigenständigkeit und Präzision.
Auch nach ihrer Promotion blieb Roegner medizinisch und gesellschaftlich engagiert. Sie arbeitete unter anderem in der Psychiatrie, war während des Ersten Weltkriegs in einem Verwundeten- und Seuchenlazarett tätig und leitete später ein Sanatorium für Frauen mit geringem Einkommen. Sie starb 1923 im Alter von 49 Jahren.
Gertrud Roegners Lebensweg steht exemplarisch für den mühsamen Zugang von Frauen zu Bildung und Wissenschaft. Ihre Promotion war ein wichtiger Schritt in der Geschichte der Universität Greifswald. Heute prägen Frauen Forschung, Lehre und Studium in allen Fakultäten – eine Entwicklung, die vor allem durch die Beharrlichkeit früher Pionierinnen wie Roegner möglich wurde.
Eine ausführliche Geschichte von Gertrud Roegner ist im Online-Magazin Campus*1456 der Universität Greifswald erschienen.
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