Prof. Dr. Jan-Hinnerk Antons ist seit Februar 2026 Professor für Transnationale Geschichte an der Universität Greifswald und lehrt und erforscht die Geschichte Europas im 19. und 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt auf den Ostseeraum. Dabei richtet er den Blick jedoch nicht primär auf politische Entscheidungsträger und nationale Machtpolitik. „Mich interessiert dabei weniger die ‚Politik der großen Männer‘ als das Aufeinandertreffen und Zusammenwirken einfacher Leute, zivilgesellschaftliche Initiativen und gesellschaftliche Entwicklungen, die in der Moderne grenzüberschreitend Geltung erlangten“, erklärt Antons.
Die Ostsee als verbindendes Element
Damit steht eine Perspektive im Mittelpunkt, die über die Grenzen einzelner Staaten hinausgeht. Für Antons lässt sich am Ostseeraum besonders anschaulich zeigen, warum geographische Räume nicht ausschließlich aus dem Blickwinkel einer einzelnen Nation betrachtet werden sollten. In der Transnationalen Geschichte geht es stattdessen darum, Austausch zwischen Gesellschaften, Verflechtungen, Abhängigkeiten und Gemeinsamkeiten in den Blick zu nehmen. „Transnational bedeutet für mich, die aus ihren Anfängen im 19. Jahrhundert stammende enge Fokussierung der Geschichtswissenschaft auf Nationalstaaten zu überwinden“, betont Antons.
Die Ostsee stellt für Antons einen besonders anschaulichen Fall dar. Im Gegensatz zu den großen Weltmeeren sei die relativ kleine Ostsee über viele Jahrhunderte eher ein verbindendes als ein trennendes Element gewesen. Siedlungsgeschichte, kultureller Austausch und ökonomische Verflechtungen haben die Region geprägt und politische Dominanz wechselte dabei zwischen deutschen, dänischen, schwedischen und russischen Akteur*innen. Für Antons Forschung sei deshalb weniger die Geschichte eines einzelnen Anrainerstaates entscheidend als beispielsweise die Frage, wie die Entwicklung des Ostseetourismus in Dänemark und Schweden mit derjenigen an der südlichen Ostsee zusammenhing.
Wenn Umweltkatastrophen Grenzen überschreiten
Wie vielversprechend dieser transnationale Ansatz in der Wissenschaft sein kann, wird für Antons besonders in seinem aktuellen Forschungsprojekt zur Umweltgeschichte der Ostsee in Bezug auf ihr Erdölvorkommen deutlich. Die Geschichte der Erdölförderung sei von Anfang an über die Grenzen einzelner Nationalstaaten hinausgegangen: die Förderung, Verarbeitung, der Transport und der Verbrauch seien international verflochten gewesen.
„Für die Mehrheit der Bevölkerung“, so Antons, „wurde die transnationale Dimension des Erdölzeitalters aber erst mit der ökologischen Bedrohung durch Tankerunglücke offensichtlich“. Die Torrey Canyon-Katastrophe von 1967 führte dazu, dass 1969 erstmals alle Ostseeanrainer über den „Eisernen Vorhang“ hinweg gemeinsame Vorsichtsmaßnahmen berieten. Doch Ölkatastrophen ließen sich nicht verhindern: 1979 trieb das Öl der havarierten Antonio Gramsci monatelang durch die Ostsee bis zum Stockholm-Archipel und zu den Åland-Inseln. „Und angesichts der vor Staatsgrenzen nicht haltmachenden Umweltschäden wuchs auch die Aufmerksamkeit der Auftrieb erhaltenden Umweltbewegungen für transnationale Perspektiven und Vernetzung“.
Weitere Informationen
Zur Person: Prof. Dr. Jan-Hinnerk Antons ist seit Februar 2026 Professor für Transnationale Geschichte an der Universität Greifswald. Schon früh in seiner wissenschaftlichen Laufbahn zog es Antons ins Ausland, wo auch sein Interesse für transnationale Geschichte und den Ostseeraum geweckt wurde. Er studierte Geschichtswissenschaft, Politologie und Soziologie an der Universität Hamburg und der Universität Kopenhagen und absolvierte anschließend als Promotionsstipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes e. V. Studienaufenthalte in Lviv/Ukraine. Bis 2025 arbeitete er nach seiner Habilitation als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Ein ausführliches Interview mit Prof. Dr. Jan-Hinnerk Antons anlässlich seiner Berufung an die Universität Greifswald lesen Sie im Magazin Campus*1456.
Ansprechpartner an der Universität Greifswald
Prof. Dr. Jan-Hinnerk Antons
Professur für Transnationale Geschichte
Domstraße 9 A, 17489 Greifswald
Telefon +49 3834 420 3330
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