Greifswalder Wissenschaftler erhält internationalen Dissertationspreis: Wie regionale Schlüsselakteure Entwicklungsmöglichkeiten gestalten

Der Wandel hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft verändert die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vieler Regionen. Insbesondere erneuerbare Energien und die pflanzenbasierte Bioökonomie eröffnen dabei ländlich geprägten Regionen neue Entwicklungsmöglichkeiten. Ob daraus tatsächlich neue regionale Entwicklungspfade entstehen, hängt jedoch nicht allein von vorhandenen Ressourcen und wirtschaftlichen Strukturen ab. Entscheidend ist, wie regionale Akteure diese Möglichkeiten wahrnehmen und diese aktiv mitgestalten können.

Wie Narrative regionale Transformationsprozesse beeinflussen
Für seine Dissertation hat Roessler mehrere Fallstudienregionen in Deutschland im Rahmen eines DFG-Forschungsprojekts zur ‚Bedeutung von Change Agency‘ vergleichend untersucht: das östliche Mecklenburg-Vorpommern, die Lausitz, Niederbayern sowie Ostfriesland und das Emsland. Die empirische Grundlage bilden 92 Interviews mit regionalen Akteuren sowie zwei regionsübergreifende Fokusgruppen. Anhand dieser Daten untersucht er, wie Narrative die Wahrnehmung regionaler Transformationsprozesse beeinflussen können und unter welchen Bedingungen regionale Entwicklungsmöglichkeiten realisiert werden. 

Die Untersuchung zeigt, dass regionale Narrative mehr sind als bloße Beschreibungen wirtschaftlicher Verhältnisse. Vorstellungen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Region spiegeln bestehende Entwicklungspfade wider und können zugleich das Handeln regionaler Akteure beeinflussen. Auf diese Weise können sie dazu beitragen, neue Entwicklungsmöglichkeiten zu erschließen oder bestehende Abhängigkeiten zu verfestigen. Durch die systematische Analyse unterschiedlicher Dimensionen solcher Narrative lassen sich regionale Entwicklungsfallen besser verstehen, als es allein anhand struktureller Kennzahlen möglich wäre.

Wie regionale Schlüsselakteure Narrative aktiv mitgestalten
Ein weiterer Schwerpunkt der Dissertation liegt auf der Frage, wie regionale Schlüsselakteure bestehende Narrative verändern und damit die Wahrnehmung neuer Entwicklungsmöglichkeiten beeinflussen können. Die Untersuchung zeigt, dass diese Prozesse unterschiedlich verlaufen: Neue Zukunftsvorstellungen können innerhalb der Region entstehen, aber auch durch Impulse von außen angestoßen werden. Welche Bedeutung solche Impulse gewinnen, hängt unter anderem von den regionalen Strukturen, historischen Erfahrungen und dem Handeln und der Vernetzung regionaler Akteure ab.

Eine besondere Bedeutung haben deshalb sogenannte Intermediäre. Als vermittelnde Organisationen können sie regionale und überregionale Akteure miteinander verbinden, Informationen über veränderte Rahmenbedingungen weitergeben und neue Entwicklungsmöglichkeiten sichtbar machen.

Die aus drei Forschungsartikeln bestehende Dissertation beleuchtet diese Zusammenhänge aus unterschiedlichen Perspektiven: Sie untersuchen die Rolle regionaler Narrative, den Einfluss regionaler Schlüsselakteure auf die Wahrnehmung von Möglichkeitsräumen sowie die Bedeutung regionaler Akteurskonstellationen und vermittelnder Institutionen für sozioökonomische Transformationsprozesse.

Roessler fasst die zentralen Erkenntnisse seiner Arbeit zusammen: „Die Forschungsergebnisse zeigen, dass regionale Entwicklungsmöglichkeiten nicht allein durch wirtschaftliche Ressourcen, bestehende Strukturen oder politische Rahmenbedingungen bestimmt werden. Entscheidend ist, wie regionale Akteure diese Möglichkeiten wahrnehmen, durch gezieltes Handeln aktiv mitgestalten und in konkrete regionale Entwicklungspfade übersetzen.“

Auszeichnung für wissenschaftlichen Beitrag
Die Jury des RSAI Dissertation Award hebt die umfangreiche empirische Untersuchung und die systematische Analyse sowie deren Transparenz und Übertragbarkeit hervor. Einen innovativen methodischen Beitrag leistet die Dissertation durch den Einsatz einer multidimensionalen Narrativanalyse (MNA). Dieser Ansatz ermöglicht es, unterschiedliche Dimensionen regionaler Narrative systematisch zu untersuchen und ihre Bedeutung für regionale Entwicklungsverläufe vergleichend herauszuarbeiten. Die Arbeit zeige, wie regionale Narrative als Indikatoren für unterschiedliche Entwicklungspfade dienen können und welche Mechanismen dazu beitragen, dass neue wirtschaftliche Möglichkeiten ungenutzt bleiben.

Auch die eigenständige wissenschaftliche Arbeit Roesslers wird in der Preisbegründung besonders hervorgehoben: Zwei der drei Forschungsartikel hat er als alleiniger Autor veröffentlicht. Seine Arbeiten erschienen in hochrangigen wissenschaftlichen Fachzeitschriften der Wirtschaftsgeographie und Regionalforschung und wurden individuell bereits mehrfach ausgezeichnet.

Max Roessler promovierte im Oktober 2025 an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Greifswald mit der Bewertung summa cum laude. Betreut wurde die Dissertation von Prof. Dr. Daniel Schiller.

Weitere Informationen
Dissertation: Roessler, M. (2025). Opportunity Spaces and Development Traps of Green Transitions in Peripheral Regions: Narratives, Place Leadership, and System-Level Agency. [Doctoral Thesis at the Institute of Geography and Geology] University of Greifswald, Germany. 
Artikel 1: Roessler, M. (2024). Untangling regional development traps through narratives. Regional Studies, Regional Science, 11(1), 406-418.
Artikel 2: Roessler, M., Grillitsch, M., Miörner, J., Schiller, D. (2025). Shaping opportunity spaces: the role of narratives in place leadership. Regional Studies, 1–15.
Artikel 3: Roessler, M. (2026). Unlocking green transitions: system-level agency in peripheral regions. Cambridge Journal of Regions, Economy and Society.
Originalmeldung zur Auszeichnung

Ansprechpartner an der Universität Greifswald 
Dr. Max Roessler 
Institut für Geographie und Geologie
Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße 17 A, 17489 Greifswald
Telefon +49 3834 420 4514
max.roessleruni-greifswaldde 

 

Medieninformation


Zurück zu allen Meldungen