Russlands Krieg nach innen: Folgen des Ukraine-Krieges für russische Regionen

Der Krieg gegen die Ukraine verändert Russland weit über das unmittelbare Kriegsgeschehen hinaus. Die neue Studie „Russlands Krieg nach innen – Zu den Auswirkungen des Ukraine-Konflikts auf russische Regionen“ untersucht erstmals umfassend, wie sich die Belastungen des Krieges auf die Wirtschaft, Bevölkerung und die Gesellschaft in den russischen Regionen auswirken. Der Geograph und Regionalwissenschaftler Prof. Dr. Helmut Klüter, ehemaliger Professor für Regionale Geographie der Universität Greifswald, wertet dafür 67 Karten, 95 Abbildungen und 55 Tabellen aus. Seine Analyse zeigt, dass vor allem abgelegene Regionen Sibiriens, des Fernen Ostens und des europäischen Nordens überdurchschnittlich stark betroffen sind und unter den Folgen des Krieges leiden.

„Der Krieg ist längst nicht mehr nur ein Geschehen an der Front. Er hat eine eigene Normalität geschaffen, die immer tiefer in den Alltag der russischen Bevölkerung eingreift“, sagt Klüter. Besonders deutlich werde dies am Arbeitsmarkt: Landwirtschaft, Bauwirtschaft, Gesundheitswesen und Infrastruktur leiden unter einem massiven Abfluss von Arbeitskräften in die Streitkräfte. Gleichzeitig konzentrieren sich Investitionen und wirtschaftliche Aktivitäten zunehmend auf die Metropolen Moskau und St. Petersburg.

Krieg verändert Regionen sehr unterschiedlich

Nach den Analysen der Studie sind die Bevölkerungsverluste durch den Krieg regional höchst ungleich verteilt. Besonders betroffen sind unter anderem die Republiken Tyva, Altaj und Burjatien sowie Regionen im Fernen Osten. Die Verlustraten liegen dort teilweise ein Mehrfaches über denen der großen Zentren. Damit verschärft der Krieg bestehende regionale Ungleichheiten. Auch wirtschaftlich hinterlässt der Krieg tiefe Spuren. Die Zahl der mittleren und großen Unternehmen sank laut Studie von rund 3,77 Millionen im Jahr 2017 auf rund 2,49 Millionen Ende 2025.

Gleichzeitig sanken die Investitionen 2025 erstmals seit Langem auch in absoluten Geldbeträgen – und nicht nur im Verhältnis zur Inflation. So wurden beispielweise die Investitionen in Eisenbahnen gegenüber dem Vorjahr halbiert. Für viele Regionen bedeutet das einen wachsenden Verschleiß statt Modernisierung. Hinzu kommen demografische Folgen. Die Geburtenzahl ist seit 2014 von 1,9 Millionen auf 1,175 Millionen im Jahr 2025 gefallen. Junge Menschen verlassen zunehmend ländliche Räume sowie Kleinstädte und mittlere Städte, während zugleich die soziale Ungleichheit zunimmt.

Die Studie beschreibt darüber hinaus eine zunehmende Militarisierung von Sprache, Bildung und öffentlicher Kommunikation. Die Propaganda stelle den Krieg zunehmend als unvermeidbare Folge geopolitischer Zwänge dar. D. h., dass geografische Gegebenheiten, historische Ansprüche und internationale Machtverhältnisse als scheinbar unausweichliche Gründe für den Krieg präsentiert werden. So geraten die politischen Entscheidungen und die Verantwortung der handelnden Personen aus dem Blick. „Gerade deshalb muss Wissenschaft hinter die geopolitischen Schlagworte schauen und sichtbar machen, welche konkreten Menschen und Regionen die Folgen tragen“, sagt Klüter. „Denn hinter den politischen Entscheidungen stehen menschliche Schicksale, wirtschaftliche Verluste und Regionen, deren Zukunft auf dem Spiel steht.“

Weitere Informationen

Die Studie baut auf Klüters 2023 erschienener Untersuchung „Kritik und Widerstand gegen den Ukraine-Krieg in Russland“ auf. Sie stützt sich auf statistische Daten, regionale Analysen und langjährige wissenschaftliche Kontakte nach Russland. Diese Erfahrungen prägen Klüters Forschung: Zwischen 1974 und 2019 war er insgesamt 47-mal zu Lehr- und Forschungsaufenthalten in Russland.

Publikation:
Klüter, H. (2026). Russlands Krieg nach innen – Zu den Auswirkungen des Ukraine-Konflikts auf russische Regionen (Regionalwissenschaft und Geographie, Band 64). Greifswald.

Ansprechpartner an der Universität Greifswald 
Prof. i.R. Dr. Helmut Klüter
Institut für Geographie und Geologie
Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße 16, 17489 Greifswald
klueteruni-greifswaldde

 

Medieninformation


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