Schreiber und Schreiberinnen stellen eine zentrale Instanz dar, deren Bedeutung für die mittelalterliche Manuskriptkultur nicht überschätzt werden kann. Dabei kann die Rolle der Schreibenden keinesfalls auf die von Kopisten reduziert werden, oftmals sind die Grenzen zwischen Abschrift, Kompilation und produktiver Co-Autorschaft fließend. Obwohl die Bedeutung der Schreibinstanz im mittelalterlichen Textmodell längst herausgestellt wurde, sind die Schreibenden selber als Akteure der literarischen Kommunikation bislang wenig in den Blick genommen worden. Das liegt auch daran, dass die Schreiber zumeist abstrakte Faktoren im Überlieferungsprozess des Textes bleiben, da sie Art und Umfang der schreiberischen Tätigkeit in Abgrenzung von den Vorlagen oder dem angenommenen ‚Originaltext‘ meist nicht eindeutig gekennzeichnet haben. Eine der wenigen Spuren, in denen die Schreiber greifbar werden, sind Kolophone, die häufig am Ende von Handschriften bzw. der verschriftlichten Texte stehen. Neben pragmatischen Daten wie Schreibername, Schreibort und Datierung enthalten Kolophone oftmals verschiedene Formen der Kommentierung, die sowohl formelhaft wie auch höchst individuell sein können. Sie erweisen sich damit als besondere paratextuelle Freiräume, die ganz unterschiedlich genutzt wurden. Im Rahmen des Vortrags soll ein Forschungsprojekt vorgestellt werden, das eine systematische Dokumentation von Schreiberkolophonen in deutschsprachigen Handschriften des Mittelalters in Form einer digitalen Datensammlung vornimmt und das über spezifisch zugeschnittene Recherchemöglichkeiten sowohl quantitative wie auch qualitative Auswertungen des Kolophonbestands ermöglicht. Auf Basis der hier erhobenen Daten sollen Einblicke in die Arbeit und das Selbstverständnis dieser zentralen Instanz vormoderner Schriftlichkeit ermöglicht werden.
Margit Dahm ist Juniorprofessorin für Deutsche Literatur des hohen und späten Mittelalters in der Abteilung Ältere deutsche Literatur an der Universität Kiel. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen: Materialität und Medialität der mittelalterlichen Literatur, insbesondere Schreiber/Schreiberinnen und Kolophone; Stadtbeschreibungen in der mittelalterlichen Literatur, Antikenrezeption, Novellistik des Mittelalters, Literatur des 12. – 16. Jahrhunderts und Digital Humanities.
Veranstaltungsort: Seminarraum 3.07, Domstraße 9 A
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Lehrstuhl für Allgemeine Geschichte des Mittelalters
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