Aus Corona lernen: Stigmareduzierende Maßnahmen als wichtiges Element der Krisenbewältigung

Eine Pandemie hört nicht mit dem Ende einer akuten Gesundheitskrise auf, sondern hinterlässt Spuren und Folgen in vielen Bereichen. „Eine zentrale Lehre aus der Pandemie ist, dass Krisenkommunikation immer auch soziale Folgen hat“, sagt Prof. Dr. Samuel Tomczyk. Er hat das StiPEx-Projekt 2023 am Institut für Psychologie der Universität Greifswald gestartet und als Projektleiter begleitet. Seit Oktober 2025 ist er Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universitätsmedizin Rostock. „Wir müssen deshalb nicht nur fragen, welche Informationen Menschen erreichen, sondern auch, wie sie sie verarbeiten und welche Zuschreibungen und Vorurteile entstehen können. Stigmafreie Kommunikation, d. h. eine Kommunikation ohne Vorurteile, und eine Integration stigmareduzierender Ansätze in das Krisenmanagement sollten deshalb von Beginn an Teil sein.“

Stigmafreie Kommunikation als Lehre aus der Corona-Pandemie
„Stigmatisierung ist kein Randphänomen einer Pandemie, sondern kann langfristige gesellschaftliche Folgen haben“, sagt Tomczyk. Mehr als 20 Prozent der im Projekt im Rahmen einer repräsentativen Erhebung Befragten zeigten über mehrere Jahre hinweg stigmatisierende Einstellungen im Zusammenhang mit COVID-19. Betroffen sein können unter anderem Menschen mit erhöhtem Risiko für schwere Krankheitsverläufe, Beschäftigte im Gesundheitswesen, jüngere und ältere Menschen sowie Personen in sozial benachteiligten Lebenslagen und Menschen mit Long COVID.

Wie Stigmatisierung im Alltag wirken kann, zeigte sich während der Pandemie beispielsweise bei Pflegefachkräften: Sie berichteten, aus Angst vor einer Ansteckung von Angehörigen und Freund*innen gemieden worden zu sein – unabhängig davon, ob sie selbst infiziert waren. Die Folgen reichten von persönlicher Enttäuschung, psychosomatischen Beschwerden und Einsamkeit bis hin zu sozialen Konflikten und familiärer Spaltung. Einige Folgen, z. B. soziale Isolation, halten teilweise bis heute an. Die Forschenden empfehlen deshalb, Stigmatisierung in zukünftigen Krisen systematisch zu erfassen. Ein kontinuierliches Monitoring kann frühzeitig sichtbar machen, welche Gruppen wie stark betroffen sind und Hinweise geben, welche stigmareduzierenden Maßnahmen wann und wie umgesetzt werden können. So sollten vertrauenswürdige Institutionen verlässliche Informationen bereitstellen, Fehlinformationen aktiv begegnen und stigmareduzierende Botschaften Bestandteil der Gesundheitskommunikation sein. Betroffene sollten zudem stärker an der Entwicklung und Umsetzung entsprechender Maßnahmen beteiligt werden.

„Wir sollten Stigmatisierung in der Krisenvorsorge ähnlich selbstverständlich berücksichtigen wie das Infektionsgeschehen selbst“, erklärt Dafina Danqa, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Universität Greifswald und im StiPEx-Projekt. „Dafür brauchen wir belastbare Daten, wirksame Präventionsmaßnahmen und eine Kommunikation, die Unsicherheiten transparent macht, ohne Ängste und Vorurteile zu verstärken.“

Lehren aus Corona für die nächste Krise
Das Positionspapier „Erkenntnisse aus der Corona-Pandemie: Implikationen zum Umgang mit zukünftigen Krisen aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive“ des BMFTR, welches auch das StiPEx-Projekt einbindet, entstand im Rahmen der Förderlinie „Gesellschaftliche Auswirkungen der Corona-Pandemie – Forschung für Integration, Teilhabe und Erneuerung“. Das StiPEx-Projekt fokussiert Stigmatisierungsgeschehen als gesellschaftliches Querschnittsthema, aber die Empfehlungen des Positionspapiers beziehen sich darüber hinaus auch auf konkrete Empfehlungen für spezifische Kontexte und Gruppen, z. B. den Umgang mit Kindern und Jugendlichen, Schule, Arbeitswelt, Pflege und Gesundheitsversorgung. Die beteiligten Projekte zeigen, dass die Corona-Pandemie vielfältige bestehende gesellschaftliche Problemlagen verstärkt und zugleich neue Formen der digitalen Teilhabe und Zusammenarbeit hervorgebracht hat. Für zukünftige Krisen empfehlen die Forschenden daher, neben epidemiologischen Daten auch stärker soziale und psychische Entwicklungen zu beobachten. Dazu gehören etwa soziale Teilhabe, Einsamkeit, politische Einstellungen und Vertrauen in Institutionen. Unterstützungsangebote sollten auch nach dem Ende einer akuten Krise langfristige Folgen berücksichtigen.

„Pandemic Preparedness, d. h. eine Vorbereitung auf den Pandemiefall, beginnt nicht erst mit dem Ausbruch einer neuen Pandemie“, betont Tomczyk. „Wir müssen die Erfahrungen aus Corona jetzt in dauerhafte Strukturen überführen und geistes- und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse stärker in die Krisenplanung einbeziehen. Die Erkenntnisse aus dem StiPEx-Projekt bringe ich heute auch in meine Arbeit an der Universitätsmedizin Rostock ein. Gerade für die Vorbereitung auf zukünftige Krisen ist es wichtig, die sozialen und psychischen Folgen von Anfang an mitzudenken und entsprechende Erkenntnisse in die medizinische Versorgung und Krisenplanung zu integrieren.“

Weitere Informationen
Das Projekt „StiPEx“ wurde im Rahmen der Bekanntmachung zu gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert (Förderkennzeichen: 01UP2202).
Projekt STiPEx an der Universität Greifswald
Zum Positionspapier (PDF)

Ansprechpartner*innen 

Prof. Dr. Samuel Tomczyk
Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie
Universitätsmedizin Rostock
Gehlsheimer Straße 20, 18147 Rostock
Telefon +49 381 494 9530
samuel.tomczykmed.uni-rostockde

Dafina Danqa
Institut für Psychologie
Universität Greifswald
Robert-Blum-Straße 13, 17489 Greifswald
Telefon +49 3834 4203849
dafina.danqauni-greifswaldde​​​​​​​

 

Medieninformation


Zurück zu allen Meldungen