Ein Liebesgedicht aus dem 15. Jahrhundert: Greifswalder Baltist deutet altpreußischen Fund neu

„Vor etwa dreizehn Jahren stand Wickeraus Manuskript zum Verkauf“, berichtet Kessler. Die Verkäufer baten den Experten Prof. Dr. Stephen Mossman von der Universität Manchester um eine Einschätzung. Wegen eines unklaren Zusatzes zog er Kessler hinzu. „Außer dass es sich um Altpreußisch handeln musste, war am Anfang nichts klar“, sagt der Greifswalder Forscher.

In seiner neuen Deutung weist Stephan Kessler nach, dass die fünfundzwanzig Worte kein zufälliger Eintrag sind, sondern ein Gedicht. Wickerau richtet es an einen unbekannten Adressaten. Kessler vermutet, dass es sich um den Auftraggeber der Abschrift handeln könnte. Beide kannten sich offenbar gut.

Liebe, Zurückweisung und zwei falsche Pferde

Das Gedicht spricht offen von Begehren und Zurückweisung: „du verlangtest nach meiner Liebe, / allein, du führtest nicht meine Zustimmung herbei.“ Der Zurückgewiesene habe sich, so heißt es weiter, „ein Stück weit getötet“. Wickerau rät ihm jedoch, nicht „im Leinengewand“ wie ein Büßer dazustehen, sondern sich zum Singen unter eine Linde zu stellen.

Am Ende steht ein sprachliches Bild: „Zwei falsche Pferde scheuen das Jagen.“ Zwei Menschen, die nicht zueinander passen, erreichen gemeinsam nichts. Inhalt und Tonfall heben das Textdenkmal deutlich von den übrigen altpreußischen Überlieferungen ab.

Das Gedicht findet sich am Schluss einer lateinischen Abschrift, die Petrus Wickerau 1440 auf Kreta vollendete. Über seine Person ist kaum etwas bekannt. Der eigenwillige altpreußische Zusatz war Fachleuten zwar aufgefallen, doch lange keiner Sprache zuzuordnen. Erst die jüngste Deutung erschließt seinen poetischen Charakter.

Weitere Informationen
Angaben zur Publikation: Kessler, Stephan: Neuinterpretation von Petrus Wickeraus altpreußischen Zeilen (1440). Greifswald (digitales Repositorium der UB) 2026. Freier Download
Zum Projekt
Webseite von Prof. Dr. Stephan Kessler

Ansprechpartner an der Universität Greifswald 
Prof. Dr. Stephan Kessler
Institut für Baltistik
Ernst-Lohmeyer-Platz 3, 17489 Greifswald
Telefon +49 3834 420 3200
https://baltistik.uni-greifswald.de

 

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