„Leerstellen“-Kunstaktion: Studentin der Universität Greifswald macht 360 Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt sichtbar

Der Entwurf entstand im Sommersemester 2025 im Seminar „Public Art“ unter der Leitung von Prof. Rozbeh Asmani vom Caspar-David-Friedrich-Institut der Universität Greifswald. „Für mich stand schnell fest, dass ich diese Möglichkeit der Öffentlichkeit gerne nutzen würde, um auf gesellschaftliche Entwicklungen bzw. Missstände hinzuweisen“, sagt Gebhardt. Ausgangspunkt war die Auseinandersetzung mit der sogenannten „Modern Gender Gap“, die beschreibt, dass junge Männer weltweit zunehmend konservative und politisch rechte Positionen vertreten, während junge Frauen im Durchschnitt liberaler und linker wählen. „Es drängte sich für mich die Frage auf, was diese Entwicklung in einer patriarchal geführten Welt für Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Gewalt an FLINTA* Personen (Frauen, Lesben, Inter*, Nicht-binäre, Trans- und Agender-Personen) ist eine dieser Konsequenzen“, erklärt Gebhardt.

Zwischen Zahlen und Schicksalen
Ein Blick auf die jährliche Kriminalstatistik Deutschlands zeigt, wie relevant das Thema ist: Im Jahr 2023 gab es nachweislich mindestens 360 Femizide – die Dunkelziffer wird jedoch höher geschätzt. Gebhardt beobachtet, dass dieses Thema in der öffentlichen Debatte oft unterrepräsentiert bleibt. Die Gestaltung ihres künstlerischen Projekts der „Leerstellen“ übersetzt die Statistik in ein sichtbares Raster aus Informationen, das durch die 360 Leerstellen unterbrochen wird. Aus der Distanz ist der zentrale Satz gut lesbar, aus der Nähe werden die Betroffenen als Leerstelle sichtbar und verschwinden nicht mehr als Dunkelziffer. „Das sind die Fakten und die traurige Realität unserer Gesellschaft“, so Gebhardt. „Und das soll auch das erste sein, was Betrachter*innen sehen: die Opfer, die durch die Leerstellen sichtbar gemacht werden.“

Laut der Studentin konfrontiert Kunst im öffentlichen Raum Menschen mit Themen, mit denen sie sonst selten Berührungspunkte haben. „Vielleicht reagieren einige mit Irritation und Unverständnis, aber auch das regt Prozesse an und kann zum Diskurs führen“, sagt sie und betont, dass Kunst unabhängig von sozialer Zugehörigkeit viele Menschen erreicht und damit ein wertvolles Mittel sei – nicht nur in der Auseinandersetzung mit Gewalt an Frauen, sondern für den öffentlichen Diskurs insgesamt.

Wenn Statistik sichtbar wird: Kunst gegen das Vergessen
Die Aktion wird im Anschluss an den Internationalen Frauentag im Rahmen des „Global Women*s General Strike“ umgesetzt: Am Montag, 9. März, findet um 15:00 Uhr eine Mahnwache vor der Litfaßsäule des Rechenzentrums der Universität Greifswald in der Felix-Hausdorff-Straße 18 statt. Nach einer kurzen Einführung können Kerzen entzündet und den Opfern gedacht werden. „Bei einem so ernsten Thema wollte ich kein voyeuristisches Konzept. Die Fakten sollen für sich sprechen“, erklärt Gebhardt. Sie möchte zugleich zeigen, dass zivilgesellschaftliches Engagement auf vielen Ebenen möglich ist: „Wenn ich das kann, können es auch andere. Die demokratische Zivilgesellschaft muss sich mehr engagieren, Zeichen setzen – und ich möchte ein Teil davon sein.“

Weitere Informationen

Seit 2020 haben Studierende mit künstlerischem Bezug an der Universität Greifswald die Möglichkeit, dass Seminar „Public Art“ zu belegen. Die Litfaßsäule als Massenmedium am Lehrstuhl für Neue Medien und angewandte Grafik im Bezugsfeld Bildender Kunst des Caspar-David-Friedrich-Instituts (CDFI) ermöglicht es ihnen, ihre künstlerischen Ideen auf ursprünglich zu Werbezwecken vorgesehenen Flächen zu präsentieren. Für die Studierenden herrscht absolute Freiheit bei ihrer Fragestellung. Die Motive verarbeiten gegenwärtige, formal-ästhetische oder persönliche Themen, die auch polarisieren können. Sie brechen mit Tabus, fordern zur aktiven Teilnahme auf und stellen Fragen nach der Lesbarkeit werbebasierter Kommunikation in den Raum.

Der „Global Women*s General Strike“ ist eine weltweite Bewegung, die sich für Gleichberechtigung, Frauenrechte und eine gerechtere Gesellschaft einsetzt. Am 9. März 2026 steht der diesjährige Frauentag im Zeichen von Solidarität, Protest und künstlerischer Auseinandersetzung.

Ansprechpartner an der Universität Greifswald 
Prof. Rozbeh Asmani
Caspar-David- Friedrich Institut 
Bahnhofstraße 46/47, 17489 Greifswald
Telefon +49 3834 420 3280
r.asmaniuni-greifswaldde 
www.cdfi.uni-greifswald.de

 

Medieninformation


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