Die Studie zeigt, dass in Greifswald gesellschaftspolitische Inhalte einen Schwerpunkt bilden. Besonders häufig finden sich antifaschistische Botschaften, die teilweise in direktem Zusammenhang mit gegensätzlichen politischen Stickern stehen. Zudem sind Themen wie politische Gegenbewegung, Naturschutz, Solidarität und Sport vielfach vertreten. Sportsticker stammen dabei häufig aus dem Umfeld der Fanszene des F.C. Hansa Rostock und zeigen neben der Verbundenheit mit dem Verein auch konfrontative Sprache und die Abgrenzung gegenüber gegnerischen Gruppen.
In Greifswald wird Deutsch überwiegend für politische Aussagen, Forderungen und Informationen verwendet und richtet sich damit an ein lokales Publikum. Englisch erscheint dagegen häufig in kurzen Schlagworten und bekannten Slogans und dient der Aufmerksamkeit sowie der Verortung im globalen Aktivismus.
Die Untersuchung ist dem Forschungsfeld der Linguistic Landscapes zuzuordnen. Darunter versteht die Sprachwissenschaft die Erforschung von Sprache und anderen sichtbaren Zeichen im öffentlichen Raum. Untersucht wird, welche Sprachen an einem Ort verwendet werden, an wen sich sprachliche Botschaften richten und welche gesellschaftlichen Bedeutungen damit verbunden sind. Neben offiziellen Beschriftungen wie Straßenschildern können dabei auch informelle und teilweise unerlaubt angebrachte Zeichen wie Sticker Gegenstand der Forschung sein.
Sticker als Form öffentlicher Kommunikation
Sticker sind für die Untersuchung öffentlicher Sprachlandschaften interessant, weil sie eine niedrigschwellige Form der Kommunikation darstellen: „Sticker haben eine Art Grass-Root-Niveau, mit dem man sich aktivistisch und politisch engagieren und die eigene Meinung ausdrücken kann, weil sie unzensiert sind“, sagt Autorin Sanni Linnasaari. Privatpersonen, politische Gruppen und Aktivist*innen können mit ihnen eigene Botschaften sichtbar machen, ohne auf institutionelle Kommunikationswege angewiesen zu sein.
Zugleich sind Sticker eine besonders dynamische Form öffentlicher Kommunikation. Sie werden entfernt, überklebt, beschädigt oder gezielt verändert. Dadurch entstehen neue Bedeutungsebenen und teilweise regelrechte Dialoge zwischen unterschiedlichen Positionen. Besonders bei politischen Themen können sogenannte „Stickerkriege“ entstehen, bei denen verschiedene Akteur*innen um Sichtbarkeit im öffentlichen Raum konkurrieren.
Analyse der Greifswalder Stickerlandschaft
Für ihre vergleichende Untersuchung erfassten Linnasaari und Kolehmainen mehr als 800 Sticker in Greifswald und Turku und analysierten sie hinsichtlich ihrer Themen und Sprachen. Sanni Linnasaari war 2022 als Erasmuspraktikantin im Bereich der Fennistik der Universität Greifswald tätig und begann während ihres Aufenthalts, die Sticker im Stadtgebiet zu fotografieren.
Weitere Informationen
Publikation: Linnasaari, S., Kohlemainen, L. (2025): Linguistic Landscapes im Ostseeraum. Transgressive Sticker in Greifswald und Turku. In: Pantermöller, M., Järventausta, M., Kolehmainen, L., Kujamäki, P. (Hrsg.): Kulturen, Konvergenzen und Kommunikation: Begegnungen zwischen Finnland und dem deutschsprachigen Raum. (Mémoires de la Societé Néophilologique de Helsinki; Vol. 114). Société Néophilologique, S. 361-394. https://doi.org/10.51814/5n8zh803.

