Zwischen Konflikt und Handel: Prof. Dr. Simon Lentzsch blickt auf das antike Südgallien

„Grundsätzlich wollte ich darauf hinweisen, dass in Südfrankreich über die gesamte Zeit der Antike verschiedene Gruppen wie Kelten, Ligurer, Etrusker, Griechen und Römer über Jahrhunderte hinweg immer wieder in engen Kontakt zueinander traten“, erklärt Lentzsch. Die Region rund um das antike Massalia sei deshalb eine „bedeutende Kontaktzone zwischen dem Mittelmeerraum, Nordwest- und Mitteleuropa sowie der Iberischen und der Italischen Halbinsel“ gewesen.
Dabei, so Lenztsch, dürfe man sich diese Kontakte weder als dauerhaft friedlich noch als reine Abfolge von Kriegen und Eroberungen vorstellen: „Die Art dieser Kontakte war natürlich sehr unterschiedlich. Die Komplexität dieser Kontakte möchte ich gerne rekonstruieren.“ Eine wichtige Rolle spielten dabei auch Handelswege, die weit über Südgallien hinausreichten und teilweise bis zu den Britischen Inseln und indirekt sogar bis in die Ostseeregion führten.

Gerade diese weitreichenden Verflechtungen machen die Region für Wissenschaftler*innen interessant. Dennoch ist über diese Verbindungen bislang vergleichsweise wenig bekannt. „Relativ wenig erforscht ist das alles, weil es hierzu nur wenige Schriftquellen gibt“, sagt Lentzsch. Um die Geschichte der Region dennoch rekonstruieren zu können, müssen Erkenntnisse aus unterschiedlichen Disziplinen zusammengeführt werden. Neben dem Fach Geschichte spielen deshalb auch Archäologie, Keltologie oder die Historische Geographie eine wichtige Rolle. „Das macht das ganze Unternehmen herausfordernd, aber aus meiner Sicht auch spannend“, findet der Geschichtswissenschaftler.

Ein Alltag zwischen Heirat und Konflikt
Für die Bewohner Massalias war der Alltag von Begegnungen mit Menschen geprägt, die sich in vielerlei Hinsicht unterschieden. „Das bedeutete vor allem im regelmäßigen und intensiven Kontakt mit Menschen zu stehen, die andere Sprachen sprachen, andere Kulte hatten und die ursprünglich aus sehr verschiedenen Regionen des Mittelmeerraums kamen“, erläutert Simon Lentzsch.

Wie eng diese Nachbarschaft tatsächlich war, zeigt sich etwa an der Lage keltischer Siedlungen. Einige keltische Orte lagen nur wenige Kilometer von Massalia entfernt – zum Beispiel auf den Hügeln oberhalb der griechischen Stadt und damit in unmittelbarer Sichtweite. „Wenn die Kelten, die dort wohnten, aus ihren Häusern traten, konnten sie die griechische Stadt am Meer buchstäblich vor Augen sehen“, beschreibt es Lentzsch. Die Kontakte beschränkten sich dabei keineswegs auf den Handel. Sie reichten bis in den privaten und familiären Bereich: „Wir wissen auch von Ehen, die zwischen Griechen und Kelten geschlossen wurden, Handel, und gegenseitiger Unterstützung im Kriegsfall.“

Gleichzeitig war das Zusammenleben von Spannungen geprägt. „Wir dürfen uns diese Kontaktzonen auch nicht künstlich harmonisierend als zu friedlich vorstellen“, warnt Lentzsch. Die Bandbreite habe „von Familienverbindungen, über friedlichen Handel zu offenen Konflikten“ gereicht. Entscheidend sei jedoch gewesen, dass zunächst keine Gruppe langfristig die Oberhand gewinnen konnte. „Letztlich war keine Gruppe den anderen dauerhaft überlegen und daher mussten immer wieder Arrangements gesucht werden.“

Weitere Informationen
Zur Person:
Prof. Dr. Simon Lentzsch ist seit April 2026 an der Universität Greifswald als Juniorprofessor für Alte Geschichte am Historischen Institut tätig. Parallel zu seinem Promotionsstudium im Fach Alte Geschichte war Lentzsch erst als wissenschaftliche Hilfskraft und anschließend bis März 2019 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Universität zu Köln tätig. Anschließend arbeitete er unter anderem als Lehrbeauftragter im Bereich Alte Geschichte an der Université de Fribourg und an der Universität Bern.

Ein ausführliches Interview mit Prof. Dr. Simon Lentzsch anlässlich seiner Berufung an die Universität Greifswald lesen Sie im Magazin Campus*1456.

Ansprechpartner an der Universität Greifswald 
Prof. Dr. Simon Lentzsch
Juniorprofessor für Alte Geschichte
Domstraße 9 A, 17489 Greifswald 
Telefon +49 3834 420 3103
simon.lentzschuni-greifswaldde
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