Der Greifswalder Medizinstudentenstreik von 1955

Am 30.03.2015 jährte sich zum 60. Mal der Vorlesungsstreik von Medizinstudenten der Universität Greifswald.

Von Hartmuth Ihrig, Onlineredakteur der Universität Greifswald

Am 23.03.1955 fand ein Treffen des Staatssekretärs für das Hochschulwesen der DDR, Prof. Gerhard Harig, mit der damaligen Universitätsleitung im Rektorat der Universität statt. Nach dem Gespräch verbreitete sich das Gerücht, dass die Medizinsche Fakultät der Universität Greifswald in eine der Kasernierten Volkspolizei (KVP) unterstellte Ausbildungsstätte für Militärmediziner umgewandelt werden soll. Dies sorgte für Unruhe und die Studenten artikulierten am 30.03.1955 spontan ihren Protest. Er war der einzige Massenprotest an einer Hochschule der DDR.

Der Ablauf der Ereignisse

Der 30.03.1955 stand im Zeichen des Vorlesungsboykotts. Die Hörsäle der Medizinischen Fakultät blieben den Tag über leer, nachmittags trafen sich die Streikenden auf dem Klinikgelände und diskutierten die Situation. Aktivisten von SED und FDJ kamen hinzu und lösten die Gruppen der streikenden Studenten auf.

Am Abend des Tages sollte in der Aula der Universität Greifswald eine Veranstaltung stattfinden, eine „Vollversammlung der Fakultät mit Professoren“1, von der die Medizinstudenten sich konkrete Aussagen ihrer Dozenten zur Zukunft des Studiums in der Hansestadt erhofften. Die Hochschullehrer erschienen jedoch nicht, da sie an einer parallel tagenden Fakultätssitzung teilnahmen. Die „Vollversammlung mit Professoren“ war dann de facto eine Versammlung von SED und FDJ-Aktivisten mit dem SED-Bezirkssekretär Karl Mewis2. Es kam zu Rempeleien zwischen Studenten und Aktivisten, schließlich trieben Angehörige der Volkspolizei die Teilnehmer der Versammlung aus der Aula.
Vor dem Gebäude standen Bereitschaftswagen der Polizei. 211 Personen wurden verhaftet und mussten die Nacht in dem Greifswalder KVP-Gefängnis „Am Wall“ verbringen. Dort verhörte man die Studenten und fragte sie nach möglichen Rädelsführern aus.

Von den 211 kurzfristig Festgenommenen wurden fünf Studenten für längere Zeit verhaftet:
„Klaus Rintelen (26) erhält zehn Jahre Zuchthaus, Peter Klopf (24) wird zu acht Jahren verurteilt, drei weitere Studenten zu mehrjährigen Gefängnisstrafen. Diese Urteile haben unmittelbar nichts mit den Studentenunruhen zu tun. Den Angeklagten werden vielmehr Kontakte zur Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit und zum Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen vorgeworfen. Sie sollen sowjetische Militäranlagen fotografiert beziehungsweise von Untergrundtätigkeiten gewusst haben, ohne sie zu melden.“3 So steht es im Onlineartikel „Mediziner in Greifswald“, http://www.jugendopposition.de, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert-Havemann-Gesellschaft e. V.

Konkreter Erfolg war den Protesten der Medizinstudenten nicht beschieden: In Greifswald wurde eine Militärmedizinische Sektion als Einrichtung der Kasernierten Volkspolizei gegründet, später von der Nationalen Volksarmee übernommen und 1964 als eigenständiges Strukturelement der Universität angegliedert. Das Projekt, die Universität Greifswald zur alleinigen Ausbildungsstätte für Militärmedizin zu machen wurde nicht umgesetzt4. Das zivile Medizinstudium blieb auch weiterhin erhalten.

Fußnoten

1 „Der Aufstand von Greifswald“, in: Der Spiegel 1955 (17), S. 25.
2 Kaminsky, Anne (Hg.) (2007): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR. 2., überarb. und erw. Aufl. Berlin: Links, S. 249.
3 „Mediziner in Greifswald“, hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung und Robert-Havemann-Gesellschaft e. V., letzte Änderung September 2008, http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2866.
4 Schmiedebach, Heinz-Peter; Spiess, Karl-Heinz (Hg.) (2001): Studentisches Aufbegehren in der frühen DDR. Der Widerstand gegen die Umwandlung der Greifswalder Medizinischen Fakultät in eine militärmedizinische Ausbildungsstätte im Jahr 1955. Stuttgart: Steiner (Beiträge zur Geschichte der Universität Greifswald, 2), S. VII.

Die Tagung zum Medizinstudentenstreik 1955 am 27.04.1995 in der Aula der Universität Greifswald

Bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1990 war es nicht möglich, das Thema Studentenproteste in der DDR öffentlich zu diskutieren. Am 27.04.1995 richteten der Arzt und Medizinhistoriker Heinz-Peter Schmiedebach und der Historiker Karl-Heinz Spieß in der Aula der Universität Greifswald eine Tagung zu den Medizinstudentenprotesten am 30.03.1955 aus, in der Historiker und Zeitzeugen zu Wort kamen. Heinz-Peter Schmiedebach war 1995 Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Universität Greifswald, Karl-Heinz Spieß war zu dieser Zeit Professor für Allgemeine Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Greifswald.

Ziel der Tagung war, „das historische Umfeld von verschiedener Seite zu beleuchten, um [...] die Einordnung des Protestes in einen größeren und vielschichtigeren historischen Kontext zur erleichtern.“1 Die Referate der Fachhistoriker mit ihrem professionellen Erkenntnisinteresse und dem Wunsch nach Strukturierung der Ereignisse sowie die emotionalen und authentischen Berichte von Augenzeugen zeigten die verschiedenen Perspektiven, wie man sich diesem Thema nähern konnte. Es wurde deutlich, dass diese beiden Sichtweisen sich nicht ausschlossen, sondern ergänzten.

Tagung zum Medizinstudentenstreik von 1955 in der Aula der Universität Greifswald am 27.04.1995
Foto: Archiv der Universität Greifswald

Eine dritte Perspektive der Auseinandersetzung mit den Protesten von 1955 ist die archivalische Dimension des Geschehens, die während der Tagung nur indirekt in den Referaten der Historiker und den Berichten der Zeitzeugen präsent war. Es sind die Quellen und Dokumente der an den Ereignissen beteiligten Akteure und Institutionen, die zahlreichen und teilweise umfangreichen Schreiben der Rektoratsleitung, die Berichte und Protokolle der Volkspolizei, ein Auszug aus dem ausführlichen Bericht über „Die gegenwärtige politische Lage an der Ernst-Moritz-Arndt-Unviersität“ der SED-Kreisleitung vom 22.04.1955 und ein auf Englisch verfasster Bericht schwedischer Studenten über die Greifswalder Vorkommnisse, die sich 1955 in Greifwald aufgehalten haben. Dies sind nur einige Titel von Dokumenten, die Udo Schagen, von 1986 bis 2004 Leiter der Forschungsstelle Zeitgeschichte der Medizin in Berlin, für den Dokumententeil des Tagungsbandes „Studentisches Aufbegehren in der frühen DDR“ zusammengetragen hat.

Herr Dr. Schagen auf der Tagung zum Medizinstudentenstreik von 1955
Foto: Archiv der Universität Greifswald

Fußnoten

1 Schmiedebach, Heinz-Peter; Spiess, Karl-Heinz (Hg.) (2001): Studentisches Aufbegehren in der frühen DDR. Der Widerstand gegen die Umwandlung der Greifswalder Medizinischen Fakultät in eine militärmedizinische Ausbildungsstätte im Jahr 1955. Stuttgart: Steiner (Beiträge zur Geschichte der Universität Greifswald, 2), S. VII.

Die Zeitzeugenberichte von 1995

Die Schilderungen der Ereignisse von 1955 aus der Sicht von fünf Zeitzeugen standen im Mittelpunkt der Tagung von 1995. Es sind Berichte gelebter Erfahrung, die emotional und authentisch einen Wissensfundus bereit stellen, der sich von der analytischen Dimension fachhistorischer Rekonstruktion und Deutung unterscheidet, diese aber auch komplementär ergänzen kann.

Klaus Rintelen, Norbert Hartmann, Christoph Melzer und Eberhard Glöckner waren direkte Augenzeugen der Ereignisse vom 30.03.1955. Horst Erdmann hingegen war zu dieser Zeit schon zwei Jahre in Haft. Sein Bericht schildert die Situation der studentischen Opposition in den frühen 1950er Jahren in der DDR.

Horst Erdmann sprach als erster der Zeitzeugen. Sein Schlüsselerlebnis war, dass Menschen in der DDR, wie in jedem totalitären Staat, einfach spurlos veschwinden konnten. So entstand auch seine Motivation, vor einer „Sowjetisierung“ der DDR-Hochschulpolitik zu warnen und generell vor einer Diktatur der SED. Weil er 1953 auf dem Marktplatz in Greifswald Flugblätter verteilte, wurde er zu elf Jahren Zuchthaus verurteilt. 1964 gelingt ihm schließlich die Flucht in die Bundesrepublik. Er hält an seiner Überzeugung fest, dass man durch das politische Handeln einen moralischen Gewinn haben kann, auch wenn das Handeln zum Scheitern verurteilt ist.

Klaus Rintelen schilderte ausführlich die Zeit seiner Haft in der Vollzugsanstalt Bützow, die durch Isolation, Entbehrungen und Demütigungen durch das Gefängnispersonal geprägt war. In der Haft zog sich Rintelen eine schwere Hepatitis zu. Der Simulation beschuldigt, wurde er 1961 in das Haftkrankenhaus Leipzig-Molsdorf verlegt. Haftentlassung war am 15.04.1961. Nach der Gefängniszeit holte er 1964 sein medizinisches Staatsexamen nach und arbeitete bis 1993 als Arzt im Krankenhaus der Gemeinde Neuhaus an der Elbe, dessen Leiter er zuletzt war. Von 1991 bis 1993 war er auch der erste frei gewählte Bürgermeister der Gemeinde. Seit 1993 lebt Klaus Rintelen als Rentner in Hagenow, der Stadt, in der er 1949 das Abitur machte.

Norbert Hartmann war zur Zeit der Greifswalder Studentenproteste Oberarzt am Universitätsklinikum und sollte am 30.03.1955 eine Vorlesung im Hörsaal der Physiologie halten. Dazu kam es jedoch nicht, da die Medizinstudenten an diesem Tag keine Vorlesungen besuchen wollten. Stattdessen setzten sie Hartmann von den Gerüchten um eine geplante Umwandlung der medizinischen Fakultät in eine Militärakademie in Kenntnis. Am Abend nahm Hartmann an der außerordentlichen Fakultätssitzung teil, bei der der Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Bommer, und der Rektor, Prof. Katsch, zugegen waren. An der Sitzung nahmen auch der Staatssekretär für das Hochschulwesen der DDR, Prof. Harig, und ein Vertreter der KVP teil. Unerwarteterweise kam dann – direkt aus der Aula – Klaus Rintelen hinzu und informierte die Anwesenden über die Vorgänge und die bedrohliche Lage der dort versammelten Studenten. Um die Lage der Studenten zu verbessern, war der Dekan bereit, Harigs Forderungen nach einer Ausbildungsstätte für die Militärmedizin in Greifswald zuzustimmen. Norbert Hartmann hat Harigs Diktat schriftlich festhalten müssen.

Auch Christoph Melzer nahm als Student am Treffen in der Aula teil. Er war dann einer von den 211 Verhafteten und kam nach einer Nacht im KVP-Gefängnis frei, nachdem er von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) massiv unter Druck gesetzt wurde, für diese zu arbeiten, d.h. Kommilitonen auszuspionieren. Im Gegenzug versicherte man ihm, dass er dann weiter in Greifswald studieren könne. Melzer ging diesen „Deal“ mit dem MfS ein, gab indes keine Informationen über andere Studenten preis. Wenig später gelang ihm die Flucht in die Bundesrepublik.

Eberhard Glöckner war zum Zeitpunkt der Ereignisse Mitglied der CDU und gehörte einer christlich geprägten Studentengemeinde an. 1953 wurde er Zeuge der zeitweiligen Relegation seiner gleichfalls politisch in der Studentengemeinde aktiven Schwester. 1955 war er bei den Vorgängen in der Aula der Universität zugegen, konnte sich aber einer Verhaftung entziehen. Er kümmerte sich dann in Zusammenarbeit mit dem damaligen Studentenpfarrer Dr. Winter darum, dass alle inhaftierten Studenten Anwälte erhalten konnten und pflegte in der Folgezeit die Kontakte zwischen den Anwälten und den Angehörigen der Studenten.

Glöckner berichtete, dass es in Greifswald einen schriftlichen Aushang gegeben habe, auf dem zu lesen war, dass an der Universität künftig nur noch Militärmediziner ausgebildet werden sollten, mit der Folge, dass die (zivile) Medizinische Fakultät aufhören sollte zu existieren. Er nennt dies den „Politibürobeschluss“. Dieser ist allerdings nicht (mehr) aufzufinden – gleichwohl wird bezeugt, dass es ihn gegeben habe. Hierfür steht die Erklärung der ehemaligen Privatsekretärin Brigitte Schreder des damaligen Rektors Prof. Katsch, die auf S. 239 des Tagungsbandes abgedruckt ist.

Enthüllung einer Gedenktafel zum Streik der Medizinstudenten 1955 am 24. Mai 2000
Enthüllung der Gedenktafel am 24.05.2000
Foto: Archiv der Universität Greifswald

Am 24.05.2000 wurde im Rahmen einer Feierstunde im Treppenaufgang des zentralen Hörsaalgebäudes der Universität Greifswald in der Rubenowstraße in Anwesenheit von Rektor und Kanzler der Universität eine Gedenktafel enthüllt. Sie erinnert an die studentische Proteste vom 30.03.1955 im Zusammenhang mit der Einrichtung einer Militärmedizinischen Sektion, der einzigen an einer Universität in der DDR. Im Jahr zuvor hatte der Akademische Senat die Anbringung der Tafel beschlossen, deren Text wie folgt lautet:1

„Im März 1955 protestierten hunderte Studentinnen und ­Studenten gegen die Umwandlung der Medizinischen Fakultät in eine Militärmedizinische Akademie. Ihr Mut setzte ein Zeichen für die akademische Freiheit der Universität. Sie verdienen lebendige Erinnerung.“

Inschrift der Gedenktafel zum Medizinstudentenstreik von 1955
Foto: Universität Greifswald

Auf Seite 249 der Monographie über Orte des Erinnerns in der DDR, „Orte des Erinnerns: Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR“, 2007 herausgegeben von Anne Kaminsky, findet die Gedenktafel eine würdige Erwähnung.2

 Fußnoten

1 Pressemitteilung der Universität Greifswald (17.05.2000): Medizinerstreik 1955: ein Aufstand, der das Stadtbild änderte. Online verfügbar unter http://www.agmb.de/medibib-l/2000.05/msg00011.html.

2 Kaminsky, Anne (Hg.) (2007): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR. 2., überarb. und erw. Aufl. Berlin: Links, S. 249.