Symbolbild Fakt der Woche – Foto: ©Till_Junker

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Fakt der Woche

Mit dem „Fakt der Woche“ präsentieren wir im wöchentlichen Turnus wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Universität Greifswald. Damit möchten wir mehr Aufmerksamkeit für die vielfältigen Forschungsbereiche unserer Universität generieren, Interesse an ihnen wecken und ein Zeichen für wissenschaftliche Erkenntnisse setzen. Der „Fakt der Woche“ erscheint ebenso auf Instagram, Facebook und Twitter.


Was macht uns Angst?

Struppi, die Therapiespinne an der Universität Greifswald - Foto: Elischa Krause

Angst und Panik kennen wir alle. Von einer Störung ist die Rede, wenn diese Emotionen zu einem starken Leidensdruck oder zu einer starken funktionellen Beeinträchtigung führen. Angststörungen gehören zu den häufig auftretenden psychischen Störungen. Laut SHIP-Studie sind Menschen aus Vorpommern mit einer Häufigkeit von 14,8 Prozent in 12 Monaten betroffen. 23,4 Prozent der Menschen haben im Laufe ihres Lebens bereits unter einer Angststörung gelitten. Damit gehören Ängste zu den häufigsten seelischen Störungen in der Region.

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Frau K. leidet an einer ausgeprägten Spinnenphobie. Heute muss sie selbst Kartoffeln aus dem Keller holen. Dort hat sie früher einmal eine dicke Hauswinkelspinne gesehen. Schon beim Betreten des Kellers hat sie ausgeprägte Erwartungsangst (Pre-Encounter Defense). Sie achtet auf jede kleine Bewegung, inspiziert jeden schwarzen Punkt an der Wand und sucht alle Ecken und Winkel nach Spinnen ab. Als sie eine Spinne in der oberen Ecke des Kellerraums entdeckt, fängt ihr Puls an, schneller zu schlagen. Sie bekommt feuchte Hände und springt schreckhaft zur Seite (Post-Encounter Defense). Dabei berührt sie mit den Schultern eine herabhängende Wäscheleine. Nun setzt sich die Spinne in Bewegung und rennt schnell auf Frau K. zu. Schreiend läuft Frau K. die Treppe hinauf (Circa-Strike). Dabei stößt sie sich den Kopf an der niedrigen Tür. Den Schmerz spürt Frau K. erst, als sie in der Küche in Sicherheit ist. Sie geht anschließend lieber in den Supermarkt, um neue Kartoffeln zu kaufen, statt nochmals den Keller zu betreten.

Herr S. leidet in den letzten Jahren zunehmend an der Furcht vor Situationen, in denen er sich eingeschlossen fühlt und meint, nicht entkommen zu können. Er hat Angst Aufzug, U-Bahn oder Auto zu fahren. Die Furcht tritt nur in Situationen räumlicher Enge auf. Dort erlebt er starke körperliche Symptome wie Herzrasen, Schwitzen, Luftnot, aber auch Schwindelgefühle. Er befürchtet im Ernstfall, nicht aus der Situation herauszukommen, zu ersticken und so zu sterben. Daher vermeidet er solche Situationen meist. Wenn das nicht möglich ist, versucht er die Situationen unter großen Angstgefühlen durchzustehen. Dabei setzt er verschiedene taktische Manöver ein: Ablenkung durch entspannende Gedanken oder durch Gespräche mit anderen Leuten. Seit seiner ersten Furchtreaktion in einem überfüllten Skibus nehmen seine Angst vor Enge und die damit verbundenen Vermeidungsstrategien einen immer größeren Raum ein.

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Herr S. und Frau K. leiden unter einer sogenannten Spezifischen Phobie. Damit wird eine intensive Furcht vor genau umschriebenen Situationen oder Objekten beschrieben. Forschende der Universität Greifswald untersuchen die Mechanismen, die diese Ängste und die damit verbundenen Verhaltensweisen aktivieren. Welche Regionen des Gehirns übernehmen in welcher Phase die Steuerung des dynamischen Geschehens? Und wann setzt das Vermeidungsverhalten – der Symptombereich, der zu den stärksten funktionellen Beeinträchtigungen führt – ein? 

Spezifische Phobien sind am weitesten verbreitet. Am häufigsten haben Menschen eine intensive Furcht vor bestimmten Tieren. Aber auch Naturereignissen wie Gewitter oder Dunkelheit sowie Situationen wie Höhe oder Enge können Angst auslösen. Die Furcht ist mit dem starken Drang gekoppelt, der angstauslösenden Situation zu entfliehen oder sie bereits im Vorfeld zu vermeiden. Werden Betroffene mit der angstauslösenden Situation konfrontiert, gibt es zwei Reaktionsmuster: Sie frieren ein – eine eher durch den Vagusnerv initiierte Bewegungsstarre – oder flüchten. In diesem Fall übernimmt der Sympathikus die Steuerung des Körpers.

Solange sich das angstauslösende Objekt vermeiden lässt, können Betroffene meist ganz gut mit ihrer Angst leben. Schwieriger wird es, wenn Menschen Angst vor sozialen Situationen haben – etwa Angst davor, zu versagen, sich zu blamieren oder abgewertet zu werden. Situationen, in denen diese Form der Angst auftritt, können nur ganz schwer gemieden werden. Schließlich müssten wir dazu Sozialkontakte einstellen. Tatsächlich schränken viele Menschen, die unter sozialen Angststörungen leiden, ihre Sozialkontakte auf das Nötigste ein. Das führt häufig zu depressiven Folgeerkrankungen.

Darüber hinaus gibt es Angststörungen, bei denen die Bedrohung nicht von außen, sondern vom eigenen Körper ausgeht. In diesem Fall sprechen Psycholog*innen von Panikattacken. Sie treten häufig aus heiterem Himmel auf und äußern sich durch das Gefühl, plötzlich unerklärliches Herzrasen oder Schwindelgefühle zu bekommen. Auch das Gefühl zu ersticken, plagt einige Menschen. Panikattacken treten zu 95 Prozent außerhalb des häuslichen Umfeldes auf und können dazu führen, dass Betroffene Situationen meiden, in denen die Panikattacke auftritt. Außerdem machen sich Menschen, die unter dieser Art der Angststörung leiden, oft Sorgen, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmt, obwohl ihnen Fachleute versichern, dass sie gesund sind. Die Diagnose erklärt jedoch nicht die Symptome. Das kann die betroffenen Menschen stark verunsichern.

Wie genau Angst, Furcht und Panik sich in unserem Körper manifestieren, das wird davon bestimmt, wie nahe oder intensiv die Bedrohung ist, und welche Handlungsalternativen es gibt. Es macht einen Unterschied, ob wir in einer Situation sind, in der wir die Bedrohung bereits erlebt haben, oder ob wir von anderen nur gehört haben, dass diese Situation gefährlich werden kann, selbst jedoch noch nicht in Kontakt mit der Bedrohung gekommen sind. Wie aufmerksam und vorsichtig wir gegenüber Anzeichen der Bedrohung sind, hängt also von der empfundenen Intensität der Bedrohung ab. Das Covid-19-Virus ist dafür ein gutes Beispiel.

In der Forschung zu Angststörungen werden experimentelle Anordnungen verwendet, etwa um die Dynamik defensiver Verhaltensweisen zu verstehen. Funktionelle Kernspintomographie dient beispielsweise dazu, die regulierenden Hirnbereiche zu erforschen. Forschende wissen heute, dass bei der Erwartungsangst – also der Angst vor der Sichtung der potenziellen Bedrohung – vor allem präfrontale Areale aktiv sind. Das Gehirn beschäftigt sich primär mit der Risikoabschätzung. Leider können wir komplexe bedingte Wahrscheinlichkeiten nicht besonders gut einschätzen. Je näher die Bedrohung kommt, desto eher schaltet das Gehirn auf Notfallmodus. Das bedeutet, der Präfrontale Kortex reduziert seine Aktivität zugunsten der Hirnstammfunktionen. Wir reagieren dann auf eine Weise, die uns im Nachhinein manchmal peinlich ist. In klinischen Studien wird untersucht, wie Menschen ihre Risikoeinschätzungen überprüfen. Proband*innen lernen, Erfahrungen im Gedächtnis zu verankern, in denen die befürchtete Bedrohung nicht aufgetreten ist. Solche Erfahrungsübungen – auch bekannt als Expositionstherapie – sind der Königsweg zur Überwindung der Angst. In großen klinischen Studien wurden an der Universität Greifswald inzwischen über 1000 Patienten mit dieser Methode erfolgreich behandelt. Je besser wir die Wirkmechanismen verstehen, desto länger wird der Erfolg solcher Therapien in Zukunft anhalten.

Ansprechpartner
Prof. Dr. Alfons Hamm

 



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