Local Heroes – Ringvorlesung

Greifswalder Altertumswissenschaftler von Weltrang

Keil in Korykos

Vor 130 Jahren hatte die Universität Greifswald gerade einmal 1 000 Studenten, und nur etwa 15 von ihnen besuchten Veranstaltungen in den Fächern Griechisch, Latein, Alte Geschichte oder Archäologie. Diese wenigen Studenten der Altertumswissenschaften wurden aber von ganz hochkarätigen Wissenschaftlern unterrichtet, die wegweisende Forschung in Angriff nahmen und damit international Anerkennung erlangten. Die Ringvorlesung möchte diese erfolgreiche Tradition aufzeigen und damit auch ein Stück Universitätsgeschichte erzählen.

Zehn ausgewählte Forscherpersönlichkeiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts werden mit ihrer wissenschaftlichen Leistung gewürdigt, die sich häufig auf gleich mehrere Fachdisziplinen erstreckte. Der Fokus liegt dabei auf ihrer Zeit in Greifswald: Da ist der alte Gelehrte, der um vier Uhr morgens im Schlafrock und mit Pfeife am Hafen steht und ein Schiff erwartet, oder der junge Professor, der auf dem Motorrad die Straßen der Stadt unsicher macht. In ihren wissenschaftlichen Biographien wird das akademische Leben im alten Greifswald anschaulich. 

Sie erreichen diese Seite auch über die kurz-Adresse: www.uni-greifswald.de/local-heroes


Veranstaltungstermine

Donnerstags 18:15 Uhr
Historisches Institut
Domstraße 9 A, Hörsaal 2.05 

Achtung: Die Veranstaltung am 01.02.2018 findet im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg statt.


19. Oktober 2017
Susanne Froehlich (Greifswald): Wozu Wissenschaftsgeschichte? Und wozu Lokalgeschichte? Eine Einführung 


Foto Josef Keil

9. November 2017
Hans Taeuber (Wien): Josef Keil – Alte Geschichte im Gegenwind der Zeitgeschichte 

Josef Keil

Der Greifswalder Althistoriker und Archäologe Josef Keil führte ein ungewöhnlich wechselvolles Leben. Geboren 1878 in Nordböhmen, ging er nach seinem Studium in Wien für zehn Jahre als wissenschaftlicher Sekretär des Österreichischen Archäologischen Instituts in das damals kosmopolitische Smyrna (heute Izmir in der Türkei). Von dort aus unternahm er zahlreiche epigraphische Forschungsreisen in Kleinasien. Er bestritt diese Reisen in das unwegsame südtürkische Gebirge mit einer Karawane von sieben Reitpferden, zehn Packpferden und zwei Kamelen; neben dem wissenschaftlichen Personal waren ein Kameltreiber, ein Koch, drei Pferdeknechte und drei Gendarmen mit dabei. 

Nach einer Verwundung im Ersten Weltkrieg habilitierte sich Keil und wurde 1927 als Ordinarius für Alte Geschichte an die Universität Greifswald berufen. Während seiner Greifswalder Zeit leitete er die prestigereichen österreichischen Ausgrabungen in Ephesos, der Hauptstadt der römischen Provinz Asia. (An diesem Jahrhundertprojekt haben zuletzt 200 Forscher und Forscherinnen aus über 20 Nationen gearbeitet; es wurde im September 2016 nach 120 Jahren von der türkischen Regierung aufgekündigt.) Unter Keils Leitung wurden in Ephesos bedeutende Bauwerke wie der Tempel des berüchtigten Kaisers Domitian, das Mausoleum von Belevi und die spätantike Johanneskirche freigelegt. Keils Forschungsberichte sind noch heute eine faszinierende Lektüre: "... In strömendem Regen gingen am frühen Morgen des 24. April Regierungsrat Dedy und die übrigen Teilnehmer der Expedition in Tasch-udschu an Land, während Herr Vizekonsul v. Pözel die Fahrt nach Beirut fortsetzte ... " 

1936 wurde Keil nach Wien zurückberufen, wo er in der Zeit des Nationalsozialismus Professor blieb, aber dennoch als so unbelastet galt, dass er nach der Befreiung 1945 sogar kurzfristig als provisorischer Rektor eingesetzt wurde. Nach seiner Emeritierung 1950 konzentrierte er sein Wirken auf die Österreichische Akademie der Wissenschaften. Die Wiederaufnahme der Grabungen in Ephesos im Jahre 1954 ist vor allem seiner Initiative zu verdanken; sein persönliches Forschungsinteresse aber galt in erster Linie den kleinasiatischen Inschriften, über die er zahlreiche Abhandlungen und Erstpublikationen verfasste.

Der Gastreferent, ao. Univ.-Prof. Dr. Hans Taeuber, ist als Althistoriker und Epigraphiker an der Universität Wien tätig und kann wie Josef Keil auf langjährige Feldforschung und Grabungsarbeit in der Türkei zurückblicken.


Foto Franz Susemihl

23. November 2017
Bernard van Wickevoort Crommelin (Greifswald): Von Atlantis nach Alexandria. Franz Susemihl und die griechische Philosophie und Literatur 

Franz Susemihl

Franz Susemihl hat für fast ein halbes Jahrhundert die Altertumswissenschaften hier in Greifswald geprägt, nicht wie viele andere nur für wenige Jahre. Das betrifft nicht nur seine Lehrtätigkeit, sondern vor allem sein editorisches Schaffen der Schriften Platons und des Aristoteles (und entsprechender Übersetzungen), was bis in die Gegenwart wirkt. Er hat sich zudem der platonischen Philosophie gewidmet und ein überaus umfangreiches wissenschaftliches Corpus  zu verschiedensten Aspekten der antiken griechischen Philosophie und Literatur hinterlassen. Auch wenn er weniger hochschulpolitisch eingebunden war, blieb er für seine Schüler und Kollegen ein wichtiger Ansprechpartner.

Zugleich war er auch in der lokalen und städtischen Politik in Greifswald als Liberaler präsent und steht in diesem Sinne für einen Gelehrtentyp der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der im wahrsten Sinne des Wortes Grundlagenforschung geleistet hat, was nicht zuletzt sein Bestandsaufnahme der Geschichte der griechischen Literatur im hellenistischen Zeitalter zeigt. Er steht für einen Gelehrten, der Wissenschaft als Kärnerarbeit verstand und sich von daher ungemein fleißig, akribisch, diszipliniert und beharrlich der Schaffung einer soliden Basis von  Wissenschaft gewidmet hat, wie es ja auch die großen altertumswissenschaftlichen Projekte dieser Zeit verdeutlichen. Er steht somit dann weniger für die späteren „großen Würfe“, deren zeitbedingte Wirkung naturgemäß begrenzt bleibt. Seine Persönlichkeit zeichneten Bescheidenheit, Bedachtheit und eine ihm eigene Selbstkritik aus. Er ist dann hier in Greifswald ein wenig in Vergessenheit geraten. Es geht in dem Vortrag insofern auch um eine wissenschaftsgeschichtliche und wissenschaftspolitische Würdigung.

Der Vortragende, Dr. Bernard van Wickevoort Crommelin, hat Alte, Neuere und Neueste Geschichte, Politik und Rechtswissenschaften studiert und war unter anderem an den Universitäten Osnabrück, Hamburg, Bochum und Bremen tätig. Von 1993 bis 1996 war er Geschäftsführer der Osnabrücker Friedensgespräche. Er hat von 2006 bis 2017 das Fach Alte Geschichte an der Universität Greifswald vertreten.


Franz Dornseiff

30. November 2017
Irene Erfen (Greifswald): „Die Welt hat nicht mit den Griechen angefangen“ ..., aber auch nicht aufgehört. Der Gräzist Franz Dornseiff als Indogermanist und Germanist 

Franz Dornseiff

Der Klassische Philologe Franz Dornseiff (1888–1960) war in Greifswald von 1926 bis 1945 und dann erneut von 1947 bis 1948 Ordinarius für Klassische Philologie. In dieser Zeit hat er nicht nur altertumswissenschaftliche Arbeiten verfasst – vor allem auf dem Gebiet der griechischen Dichtung –, sondern auch als Indogermanist und Germanist geforscht.

Der Vortrag beleuchtet ein bis heute grundlegendes Werk Dornseiffs, den „Deutschen Wortschatz nach Sachgruppen“, aber auch seine Arbeiten zu Dante, seine kulturgeschichtlichen Ansätze und seine wissenschaftskritischen Äußerungen. Dabei wird auch die existenzbedrohende Situations Dornseiffs unter den Nürnberger Gesetzen zur Sprache kommen. Im Vordergrund aber steht sein wissenschaftliches Werk, womit sich die Vortragende bewusst der durch die Rassengesetze angestrebten damnatio memoriae verweigert, die in anderen Fällen dazu geführt hat, dass man sich der Menschen nur noch als Verfolgte erinnert und nicht in dem, was sie als Wissenschaftler hinterlassen haben.

PD Akad. Oberrätin Dr. phil. Irene Erfen ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Ältere deutsche Sprache und Literatur der Greifswalder Germanistik. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Literatur des Mittelalters und der Renaissance.


Foto Eduard Norden

7. Dezember 2017
Olaf Schlunke (Berlin): „... nur die etwas forcierte Geselligkeit ist mir unangenehm ...“ – Der Latinist Eduard Norden in seiner Greifswalder Zeit (1893–1899) 

Eduard Norden

Für den Latinisten Eduard Norden (1868–1941) bildete die Greifswalder Zeit einen ersten Höhepunkt seiner akademischen Laufbahn – sowohl in fachlicher wie auch in persönlich-familiärer Hinsicht. Hier verfasste er sein epochemachendes, von stupender Gelehrsamkeit zeugendes Werk über die antike Kunstprosa, das zu den Standardwerken der Klassischen Philologie zählt. Daneben fasste er mit seinem Greifswalder Kollegen Alfred Gercke den Plan zu einem Grundlagenwerk für Studierende, die mehrfach aufgelegte „Einleitung in die Altertumswissenschaft“, die unter dem Rufnahmen „Gercke-Norden“ untrennbar mit seiner Person verbunden ist.

Das rege Greifswalder Gesellschaftsleben, in das sich der eher zurückhaltende Norden nur allmählich hineinzufinden vermochte, führte ihn auch mit seiner künftigen Ehefrau Marie Schultze – einer Tochter des Greifswalder Bürgermeisters Richard Sigmund Schultze (1831–1916) – zusammen, mit der er sich 1897 vermählte. So blieb Norden auch nach seiner Berufung nach Breslau und in den kommenden Jahrzehnten der Stadt Greifswald stets aufs Engste verbunden.

Die Greifswalder Jahre festigten auch seine Stellung innerhalb der deutschen Altertumswissenschaft, so dass der als Sohn jüdischer Eltern im ostfriesischen Emden geborene Norden auch weiterhin offenbar keinerlei ‚außerwissenschaftliche’ Karrierehürden zu überwinden hatte. 1907 von Breslau nach Berlin berufen, gelang es ihm 1927, zum Rektor der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität gewählt zu werden. Antisemitische Anfeindungen blieben ihm anscheinend auch in dieser Rolle erspart. Umso härter traf ihn, der sich im Alter von 17 hatte taufen lassen, dass mit dem Jahr 1933 die Herrschaft eines Regimes begann, das ihn aufgrund seiner Geburt zum „Staatsbürger 2ter Klasse“ erklärte und schließlich ins Schweizer Exil drängte, wo er – geistig gebrochen und körperlich erschöpft – 1941 starb.

Olaf Schlunke, M. A., hat den Nachlass Eduard Nordens für das Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) erschlossen und im vergangenen Jahr eine knappe Lebensbeschreibung Nordens vorgelegt (Eduard Norden. Altertumswissenschaftler von Weltruf und „halbsemitischer Friese“, Berlin 2016). Zurzeit leitet er das Archiv des Heimatvereins Steglitz in Berlin-Lichterfelde.


Foto Ernst Lohmeyer

14. Dezember 2017
Christfried Böttrich (Greifswald): Ernst Lohmeyer und „die alten Griechen“

Ernst Lohmeyer

Ernst Lohmeyer (1935–1946) gehört ohne Frage zu den bedeutendsten Neutestamentlern des 20. Jahrhunderts. Aufgewachsen in einem Westfälischen Pfarrhaus, studierte er in Tübingen, Leipzig und Berlin Theologie, Philosophie und Orientalische Sprachen. 1921 erhielt er, erst 31-jährig, einen Ruf an die Universität Breslau (als Nachfolger Rudolf Bultmanns). Als er sich 1932 während der Breslauer Universitätsrandale für einen bedrängten jüdischen Kollegen eingesetzte, geriet er in das Visier der Nationalsozialisten, die 1935 seine Strafversetzung nach Greifswald veranlassten.

Trotz dieses unfreiwilligen Wechsels erwies sich Greifswald für das weiterer Schaffen Lohmeyers wie auch für die Theologische Fakultät als ein Glücksfall. Hier in Greifswald verfasste er so wichtige Arbeiten wie „Galiläa und Jerusalem“ (1936), den bedeutenden Kommentar zum Markusevangelium im KEK (1937), „Kultus und Evangelium“ (1942), „Gottesknecht und Davidsohn“ (1945) oder „Das Vaterunser“ (1946). Eigenwillig in Sprache und Denken entzog er sich den vielfältigen Schulbildungen und -streitigkeiten seiner Zeit. Dass er den zunehmenden Antisemitismus in der Auslegung der biblischen Schriften beim Namen nannte und entschieden ablehnte, macht ihn in der Wissenschaftslandschaft der 1930er und 40er Jahre zu einer Ausnahmeerscheinung. Nach dem Buch seines Greifswalder Vor-Vorgängers Gerhard Kittel über „Die Judenfrage“ von 1933 etwa wandte er sich mit einem Brief an Martin Buber, in dem er sich klar von Kittel distanzierte.

Nach 1945 wurde Lohmeyer dank seiner integren Persönlichkeit zum ersten Rektor der neu zu organisierenden Greifswalder Universität gewählt. Dem kommunistischen System stand er jedoch ebenso kritisch gegenüber. In der Nacht vor der feierlichen Wiedereröffnung der Universität am 15. Februar 1946 wurde Ernst Lohmeyer vom NKWD verhaftet. Die Gründe – eine bis heute nicht völlig aufgeklärte politisch motivierte Denunziation – blieben ebenso wie sein Verbleib im Dunkeln. Von dem Tod Lohmeyers erfuhren die Familie und die Greifswalder Öffentlichkeit erst 1958. Bereits am 19. September 1946 war er in Greifswald erschossen worden. Im August 1996 erfolgte die vollständige Rehabilitierung durch den Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation. Der Neubau, den die Theologische Fakultät im Jahr 2000 am Rubenowplatz bezog, trägt seither den Namen „Ernst-Lohmeyer-Haus“.

Heute ist es an der Zeit, auch Lohmeys Werk wieder stärker in den Blick zu nehmen. Viele Diskurse der Nachkriegszeit klingen bei ihm schon an und scheinen vorweggenommen zu sein. Die enge Verbindung von Altertumswissenschaften und Neutestamentlicher Exegese ist dabei in Lohmeyers Werk ein tragender Pfeiler.

Prof. Dr. Christfried Böttrich ist seit Oktober 2003 Lehrstuhlinhaber für Neues Testament in Greifswald. Sein Forschungsinteresse gilt vor allem dem lukanischen Doppelwerk, dem frühjüdischen Schrifttum und dem Apostel Paulus.


Foto Otto Seeck

11. Januar 2018
Katja Bär (Mannheim): Rebell gegen den Mainstream. Der Althistoriker Otto Seeck in Greifswald

Otto Seeck

Als der gerade einmal 31-jährige Otto Seeck 1881 als außerordentlicher Professor nach Greifswald berufen wurde, wähnte er sich am Anfang einer glänzenden Karriere. Ein Professor in Greifswald sei „ein ziemlich großes Tier“, schrieb er stolz an seine kleine Schwester. Von nun an könne sich seine Position nur noch verbessern, und wenn sie sich nicht verbessere, so sei dies nur seine Schuld, denn er sei „auf eine Warte gestellt, wo jedermann mich sieht und es beachten muß, wenn ich etwas Beachtenswerthes hervorbringe“.

Und in der Tat standen alle Zeichen auf Erfolg: Sein Lehrer Theodor Mommsen war der bedeutendste Althistoriker seiner Zeit und hatte erheblichen Einfluss auf die Besetzungen altertumswissenschaftlicher Lehrstühle. Seeck selbst beherrschte das historische Handwerkszeug, war fleißig und originell, und er war ein faszinierender Lehrer. Vier Jahre nach seiner Ankunft in Greifswald wurde er zum ordentlichen Professor erhoben. Doch 25 Jahre später war er noch immer da, während er hatte zusehen müssen, wie andere ihm in Berufungen auf Lehrstühle größerer Universitäten vorgezogen wurden.

Dabei hatte er ein beeindruckendes Oeuvre vorgelegt: Noch immer kommt man an seinen Artikeln, Editionen und Monographien zur Spätantike nicht vorbei. Seine in Greifswald verfasste mehrbändige „Geschichte des Untergangs der antiken Welt“, die er als seine Lebensaufgabe betrachtete, verband Forschung und Geschichtsschreibung im großen Stil und vor allem ihretwegen wird er heute neben Theodor Mommsen und Eduard Meyer als großer Historiker seiner Zeit genannt.

Wieso hing er also bis zu seiner Versetzung nach Münster 1907 an der „Anfängeruniversität“ Greifswald fest? War es, wie heutige Althistoriker vermuten, sein für schwierig befundener Charakter, der ihn persönlich unbeliebt machte, oder seine Spezialisierung auf die Spätantike, die als Forschungsgebiet für eine große Universität zu eng galt? Oder kann es vielmehr sein, dass man ihn als Vertreter einer als „gefährlich“ empfundenen modernen Geschichtsauffassung mit allen Mitteln von einflussreicheren Lehrstühlen fernzuhalten suchte? Und was verbanden seine Zeitgenossen damit, wenn sie ihn als „Fanatiker seiner Ideen“, Unheilsbringer, Neuerer oder wie Max Weber gar als „Neuesten“ bezeichneten?

Katja Bär hat in Mannheim und Cambridge Alte Geschichte, Mittlere und Neuere Geschichte und Classics studiert und mit einer Magisterarbeit über Otto Seeck abgeschlossen. Seit 2011 ist sie Pressesprecherin und Leiterin der Abteilung Kommunikation und Fundraising an der Universität Mannheim.


Foto Konrad Ziegler

18. Januar 2018
Dirk Alvermann (Greifswald): Freiheit als Wahl. Die politische Biographie des Altphilologen Konrat F. Ziegler

Konrad F. Ziegler

Gelehrter, demokratischer Politiker, Pazifist – ein Gerechter unter den Völkern. Die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, Yad Vashem, hat Konrat F. Ziegler (1884–1974) im Januar 2001 als „Righteous Among the Nations“ geehrt – für die Hilfe und den Schutz, den er jüdischen Menschen während des Holocaust bot.

Die Biographie dieses Altphilologen, dessen immenses Werk über den Kreis der Fachkollegen hinaus durch die abschließende Herausgabe von „Paulys Realencyclopädie“ bekannt wurde, ist auch – und mit Blick auf sein Greifswalder Wirken sogar überwiegend – eine politische Geschichte.

Der Vortrag beleuchtet die akademische Karriere Zieglers im Spannungsfeld der politischen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik, berichtet über sein Leben im „Dritten Reich“ und folgt Zieglers Spuren im Dickicht akademischer Vergangenheitsbewältigung der jungen Bundesrepublik.

Dr. Dirk Alvermann hat in Berlin und Rom Archivwissenschaft und Geschichte studiert. Er leitet das Greifswalder Universitätsarchiv und hat unter anderem zahlreiche Publikationen zur Universitätsgeschichte veröffentlicht.


Foto Julius Wellhausen

25. Januar 2018
Peter Pilhofer (Erlangen): Julius Wellhausen – Ein Titan in Greifswald

Julius Wellhausen

Der Theologe und Orientalist Julius Wellhausen (1844–1918) war von 1872 bis 1882 Professor für Altes Testament in Greifswald. Er heiratete hier die älteste Tochter des Greifswalder Chemikers Heinrich Limpricht. Da der preußische Kultusminister Friedrich Althoff seinem Antrag auf Versetzung in die Philosophische Fakultät nicht stattgab, legte Wellhausen 1882 aus Gewissensgründen seine Professur in Greifswald nieder und habilitierte sich im Fach Semitische Philologie. Auf dieser Grundlage konnte er zum Professor für Orientalische Sprachen erst in Halle, dann in Marburg und schließlich in Göttingen berufen werden.

Die Ankündigung des Referenten lautet: „Ich präsentiere Wellhausen als Titan (nicht meiner Formulierung; wird aber von mir uneingeschränkt unterstützt). Man hat Julius Wellhausen als Bahnbrecher in drei Disziplinen bezeichnet (der Göttinger Kollege Rudolf Smend, der unlängst auch den Briefwechsel ediert hat). Das ist keine Übertreibung: Wellhausen hat die alttestamentliche Forschung revolutioniert – das ist die erste Disziplin; er hat die Arabistik sowie insbesondere die Erforschung der Frühzeit des Islam vorangebracht wie kaum ein Fachgenosse – das ist die zweite; und er hat schließlich im Neuen Testament nebenbei mehr geleistet als manch ein Fachvertreter – das ist die dritte.

Der Vortrag konzentriert sich im weiteren Verlauf auf Julius Wellhausen in Greifswald. Bahnbrechend ist seine Studie über die „Sadduzäer und die Pharisäer“, die seinerzeit in einem Greifswalder (!) Verlag erschienen ist und für Judaisten wie Neutestamentler von grundlegender Bedeutung war und ist.

Als Neutestamentler werde ich abschließend auch auf Wellhausens neutestamentlichen Studien eingehen, die erst lange nach seiner Greifswalder Zeit publiziert wurden. Ein zeitgenössischer Rezensent, Adolf Jülicher aus Marburg, schreibt über diese Studien, einzelne Kapitel in der Einleitung könnten 'nur mit den glänzendsten Kunstwerken in der historiographischen Literatur' verglichen werden.“

Peter Pilhofer hat in Erlangen Mathematik, Philosophie und Theologie studiert. Von 1996 bis 2002 hatte er hier in Greifswald den Lehrstuhl für Neues Testament inne. Nun ist er als Professor wieder an der Universität Erlangen tätig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Paulusbriefe, die Apostelgeschichte und die Welt der frühen Christinnen und Christen.


Foto Wilamowitz

1. Februar 2018
Martin Hose (München): Große Forschung an einer kleinen Universität? Wilamowitz in Greifswald
[Der Vortrag findet im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg statt.]

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1848–1931) gehört fraglos zu den bedeutendsten deutschen Altertumswissenschaftlern. In seinen Arbeiten, aber auch in seiner akademischen Lehre repräsentierte er ein Konzept der Erforschung des Altertums, das man als einen Höhepunkt des Historismus bezeichnen darf. In Greifswald, seiner ersten akademischen Station, begann Wilamowitz dieses Konzept – auch als Habitus – auszubilden, unter dem Einfluss gerade von Kollegen einer Universität, die sich offenbar im Umbruch befand. „Wilamowitz in Greifswald“ zu skizzieren ist Ziel des Vortrags.

Martin Hose studierte Klassische Philologie und Geschichte. Von 1994 bis 1997 war er Professor für Gräzistik in Greifswald, seither lehrt er an der LMU München. Seit 2001 ist er Mitglied der bayerischen Akademie der Wissenschaften. Seine Forschungsschwerpunkte sind das antike Drama, die Historiographie und die griechische Literatur der Kaiserzeit.


Mit freundlicher finanzieller Unterstützung durch die Fachschaft Geschichte sowie durch die Gesellschaft von Freunden und Förderern der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald.

Dr. Susanne Froehlich
Universität Greifswald
Arbeitsbereich Alte Geschichte
Domstraße 9 A
17489 Greifswald
Telefon 03834 420 3103 und 3304
susanne.froehlich@uni-greifswald.de


Althistoriker Josef Keil (zweiter von rechts)

Über das Titelbild der Ringvorlesung

Forschung als Abenteuer – Der Althistoriker Josef Keil (zweiter von rechts) mit Kollegen bei einer Forschungsreise in der Türkei. Die Gelehrten sind bei einer Teepause vor der Jurukenhütte abgebildet, die sie in der antiken Ruinenstätte Korykos bewohnten. Sie bereisten im Jahr 1925 die türkische Südküste und das Taurosgebirge. Dabei dokumentierten sie akribisch die griechischen und lateinischen Inschriften, die sie in überwucherten Trümmerfeldern entdeckten.
Foto aus: Josef Keil und Adolf Wilhelm: Denkmäler aus dem Rauhen Kilikien, Manchester 1931, Abb. 185 (Taf. 58).


Bildrechte vorbehalten: Universitätsarchiv Greifswald (6), Universitätsarchiv Wien, Familienarchiv Berger-Norden, Keil/Wilhelm: Denkmäler aus dem Rauhen Kilikien, Festschrift Franz Dornseiff.