Local Heroes – Ringvorlesung

Greifswalder Altertumswissenschaftler von Weltrang

Keil in Korykos

Vor 130 Jahren hatte die Universität Greifswald gerade einmal 1 000 Studenten, und nur etwa 15 von ihnen besuchten Veranstaltungen in den Fächern Griechisch, Latein, Alte Geschichte oder Archäologie. Diese wenigen Studenten der Altertumswissenschaften wurden aber von ganz hochkarätigen Wissenschaftlern unterrichtet, die wegweisende Forschung in Angriff nahmen und damit international Anerkennung erlangten. Die Ringvorlesung möchte diese erfolgreiche Tradition aufzeigen und damit auch ein Stück Universitätsgeschichte erzählen.

Zehn ausgewählte Forscherpersönlichkeiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts werden mit ihrer wissenschaftlichen Leistung gewürdigt, die sich häufig auf gleich mehrere Fachdisziplinen erstreckte. Der Fokus liegt dabei auf ihrer Zeit in Greifswald: Da ist der alte Gelehrte, der um vier Uhr morgens im Schlafrock und mit Pfeife am Hafen steht und ein Schiff erwartet, oder der junge Professor, der auf dem Motorrad die Straßen der Stadt unsicher macht. In ihren wissenschaftlichen Biographien wird das akademische Leben im alten Greifswald anschaulich. 

Sie erreichen diese Seite auch über die kurz-Adresse: www.uni-greifswald.de/local-heroes


Veranstaltungstermine

Donnerstags 18:15 Uhr
Historisches Institut
Domstraße 9 A, Hörsaal 2.05 

Achtung: Die Veranstaltung am 01.02.2018 findet im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg statt.


19. Oktober 2017
Susanne Froehlich (Greifswald): Wozu Wissenschaftsgeschichte? Und wozu Lokalgeschichte? Eine Einführung 


Foto Josef Keil

9. November 2017
Hans Taeuber (Wien): Josef Keil – Alte Geschichte im Gegenwind der Zeitgeschichte 

Josef Keil

Der Greifswalder Althistoriker und Archäologe Josef Keil führte ein ungewöhnlich wechselvolles Leben. Geboren 1878 in Nordböhmen, ging er nach seinem Studium in Wien für zehn Jahre als wissenschaftlicher Sekretär des Österreichischen Archäologischen Instituts in das damals kosmopolitische Smyrna (heute Izmir in der Türkei). Von dort aus unternahm er zahlreiche epigraphische Forschungsreisen in Kleinasien. Er bestritt diese Reisen in das unwegsame südtürkische Gebirge mit einer Karawane von sieben Reitpferden, zehn Packpferden und zwei Kamelen; neben dem wissenschaftlichen Personal waren ein Kameltreiber, ein Koch, drei Pferdeknechte und drei Gendarmen mit dabei. 

Nach einer Verwundung im Ersten Weltkrieg habilitierte sich Keil und wurde 1927 als Ordinarius für Alte Geschichte an die Universität Greifswald berufen. Während seiner Greifswalder Zeit leitete er die prestigereichen österreichischen Ausgrabungen in Ephesos, der Hauptstadt der römischen Provinz Asia. (An diesem Jahrhundertprojekt haben zuletzt 200 Forscher und Forscherinnen aus über 20 Nationen gearbeitet; es wurde im September 2016 nach 120 Jahren von der türkischen Regierung aufgekündigt.) Unter Keils Leitung wurden in Ephesos bedeutende Bauwerke wie der Tempel des berüchtigten Kaisers Domitian, das Mausoleum von Belevi und die spätantike Johanneskirche freigelegt. Keils Forschungsberichte sind noch heute eine faszinierende Lektüre: "... In strömendem Regen gingen am frühen Morgen des 24. April Regierungsrat Dedy und die übrigen Teilnehmer der Expedition in Tasch-udschu an Land, während Herr Vizekonsul v. Pözel die Fahrt nach Beirut fortsetzte ... " 

1936 wurde Keil nach Wien zurückberufen, wo er in der Zeit des Nationalsozialismus Professor blieb, aber dennoch als so unbelastet galt, dass er nach der Befreiung 1945 sogar kurzfristig als provisorischer Rektor eingesetzt wurde. Nach seiner Emeritierung 1950 konzentrierte er sein Wirken auf die Österreichische Akademie der Wissenschaften. Die Wiederaufnahme der Grabungen in Ephesos im Jahre 1954 ist vor allem seiner Initiative zu verdanken; sein persönliches Forschungsinteresse aber galt in erster Linie den kleinasiatischen Inschriften, über die er zahlreiche Abhandlungen und Erstpublikationen verfasste.

Der Gastreferent, ao. Univ.-Prof. Dr. Hans Taeuber, ist als Althistoriker und Epigraphiker an der Universität Wien tätig und kann wie Josef Keil auf langjährige Feldforschung und Grabungsarbeit in der Türkei zurückblicken.


Foto Franz Susemihl

23. November 2017
Bernard van Wickevoort Crommelin (Greifswald): Von Atlantis nach Alexandria. Franz Susemihl und die griechische Philosophie und Literatur 

Franz Susemihl

Franz Susemihl hat für fast ein halbes Jahrhundert die Altertumswissenschaften hier in Greifswald geprägt, nicht wie viele andere nur für wenige Jahre. Das betrifft nicht nur seine Lehrtätigkeit, sondern vor allem sein editorisches Schaffen der Schriften Platons und des Aristoteles (und entsprechender Übersetzungen), was bis in die Gegenwart wirkt. Er hat sich zudem der platonischen Philosophie gewidmet und ein überaus umfangreiches wissenschaftliches Corpus  zu verschiedensten Aspekten der antiken griechischen Philosophie und Literatur hinterlassen. Auch wenn er weniger hochschulpolitisch eingebunden war, blieb er für seine Schüler und Kollegen ein wichtiger Ansprechpartner.

Zugleich war er auch in der lokalen und städtischen Politik in Greifswald als Liberaler präsent und steht in diesem Sinne für einen Gelehrtentyp der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der im wahrsten Sinne des Wortes Grundlagenforschung geleistet hat, was nicht zuletzt sein Bestandsaufnahme der Geschichte der griechischen Literatur im hellenistischen Zeitalter zeigt. Er steht für einen Gelehrten, der Wissenschaft als Kärnerarbeit verstand und sich von daher ungemein fleißig, akribisch, diszipliniert und beharrlich der Schaffung einer soliden Basis von  Wissenschaft gewidmet hat, wie es ja auch die großen altertumswissenschaftlichen Projekte dieser Zeit verdeutlichen. Er steht somit dann weniger für die späteren "großen Würfe", deren zeitbedingte Wirkung naturgemäß begrenzt bleibt. Seine Persönlichkeit zeichneten Bescheidenheit, Bedachtheit und eine ihm eigene Selbstkritik aus. Er ist dann hier in Greifswald ein wenig in Vergessenheit geraten. Es geht in dem Vortrag insofern auch um eine wissenschaftsgeschichtliche und wissenschaftspolitische Würdigung.

Der Vortragende, Dr. Bernard van Wickevoort Crommelin, hat Alte, Neuere und Neueste Geschichte, Politik und Rechtswissenschaften studiert und war unter anderem an den Universitäten Osnabrück, Hamburg, Bochum und Bremen tätig. Von 1993 bis 1996 war er Geschäftsführer der Osnabrücker Friedensgespräche. Er hat von 2006 bis 2017 das Fach Alte Geschichte an der Universität Greifswald vertreten.


Franz Dornseiff

30. November 2017
Irene Erfen (Greifswald): „Die Welt hat nicht mit den Griechen angefangen“ ..., aber auch nicht aufgehört. Der Gräzist Franz Dornseiff als Indogermanist und Germanist 


Foto Eduard Norden

7. Dezember 2017
Olaf Schlunke (Berlin): „... nur die etwas forcierte Geselligkeit ist mir unangenehm ...“ – Der Latinist Eduard Norden in seiner Greifswalder Zeit (1893–1899) 


Foto Ernst Lohmeyer

14. Dezember 2017
Christfried Böttrich (Greifswald): Ernst Lohmeyer und „die alten Griechen“


Foto Otto Seeck

11. Januar 2018
Katja Bär (Mannheim): Rebell gegen den Mainstream. Der Althistoriker Otto Seeck in Greifswald


Foto Konrad Ziegler

18. Januar 2018
Dirk Alvermann (Greifswald): Freiheit als Wahl. Die politische Biographie des Altphilologen Konrat F. Ziegler


Foto Julius Wellhausen

25. Januar 2018
Peter Pilhofer (Erlangen): Julius Wellhausen – Ein Titan in Greifswald


Foto Wilamowitz

1. Februar 2018
Martin Hose (München): Große Forschung an einer kleinen Universität? Wilamowitz in Greifswald
[Der Vortrag findet im Alfried Krupp Wissenschaftskolleg statt.]


Mit freundlicher finanzieller Unterstützung durch die Fachschaft Geschichte und durch die Gesellschaft von Freunden und Förderern der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald.

Kontaktdaten

Dr. Susanne Froehlich
Universität Greifswald
Arbeitsbereich Alte Geschichte
Domstraße 9 A
17489 Greifswald
Telefon 03834 420 3103 und 3304
susanne.froehlich@uni-greifswald.de


Althistoriker Josef Keil (zweiter von rechts)

Über das Titelbild der Ringvorlesung

Forschung als Abenteuer - Der Althistoriker Josef Keil (zweiter von rechts) mit Kollegen bei einer Forschungsreise in der Türkei. Die Gelehrten sind bei einer Teepause vor der Jurukenhütte abgebildet, die sie in der antiken Ruinenstätte Korykos bewohnten. Sie bereisten im Jahr 1925 die türkische Südküste und das Taurosgebirge. Dabei dokumentierten sie akribisch die griechischen und lateinischen Inschriften, die sie in überwucherten Trümmerfeldern entdeckten.
Foto aus: Josef Keil und Adolf Wilhelm: Denkmäler aus dem Rauhen Kilikien, Manchester 1931, Abb. 185 (Taf. 58).


Bildrechte vorbehalten: Universitätsarchiv Greifswald (6), Universitätsarchiv Wien, Familienarchiv Berger-Norden, Keil/Wilhelm: Denkmäler aus dem Rauhen Kilikien, Festschrift Franz Dornseiff.